In der Kirche aufgewachsen – und verletzt
Natalie Runion wuchs als Pastorenkind auf und wechselte nach dem College direkt in den vollzeitlichen Dienst. Nach 20 Jahren als Lobpreisleiterin wechselte sie in den Frauendienst.
«Meine Eltern kamen beide aus zerbrochenen Familien und hatten alkoholkranke Eltern. Vater hatte mit Drogen und Alkoholismus zu kämpfen und erlebte eine radikale Umkehr», berichtet Natalie Runion.
«Vater nahm uns mit in die Innenstadt und wir dienten genau den Menschen, mit denen er früher selbst Drogen konsumiert hatte. Wir waren in Suppenküchen und Parks, brachten Decken, gingen in Gefängnisse und Altenheime. Ich entwickelte sehr früh eine Liebe zu den Menschen, lange bevor ich eine Liebe zum Kirchengebäude entwickelte.»
«Gott, wenn das deine Leute sind…»
Sie wuchs in der Hoffnung auf, vielleicht eines Tages selbst im Dienst zu stehen. «Viele Pastorenkinder gehen den entgegengesetzten Weg, aber ich wollte Jugendpastorin werden. Ich wollte die Welt bereisen und die globale Kirche kennenlernen.»
Doch in ihrem letzten Schuljahr geschah etwas Entscheidendes. «Eines Sonntags gingen wir wie immer zur Kirche – und wurden völlig überrumpelt. Der leitende Pastor und einige Älteste teilten uns mit, dass dies unser letzter Sonntag sein würde. Keine Erklärung. Wir wurden nach vorne auf die Bühne geführt und gezwungen, unserer Gemeinde mit 300 bis 400 Mitgliedern zu sagen, dass es unser letzter Sonntag sei. Wir mussten das Pfarrhaus sofort räumen und noch in derselben Nacht wegfahren. Wir hatten keinen Ort, an den wir gehen konnten.»
Natalie Runion erinnert sich: «Ich sagte: ‘Weisst du was, Gott, wenn das deine Leute sind, dann will ich nichts mehr damit zu tun haben.’ Es fühlte sich an wie David auf der Flucht vor Saul. Ich sah meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben nach Arbeit suchen – dieses Quietschen des Textmarkers am frühen Morgen, während er Stellenanzeigen in der Zeitung einkreiste – und ich war innerlich zerbrochen.»
Wiederkehrende Muster
Sie studierte fünf Jahre lang Naturwissenschaften. Durch «Campus für Christus» kam sie langsam wieder in die christliche Gemeinschaft zurück. «Ich verliebte mich in den Missionsauftrag. Ich verliebte mich darin, Menschen von Jesus zu erzählen.» Erneut begann sie, den Lobpreis zu leiten.
Als Kind sehe man, wie die eigenen Eltern mit Verletzungen umgehen. «Ich hatte gebetet, dass ich mein Kontingent an Kirchenverletzungen schon ausgeschöpft hätte und dass mir so etwas im vollzeitlichen Dienst nicht mehr begegnen würde. Der Herr erinnerte mich immer wieder daran, dass das, was meinen Eltern passiert war, nicht zwangsläufig auch mir passieren musste. Doch wenn man die Bibel liest, erkennt man ein wiederkehrendes Muster: Religiöse Menschen waren oft ziemlich anstrengend. Sie machten Jesus ständig das Leben schwer und auch den Jüngern.»
Unvollkommene Menschen von vollkommenem Evangelium trennen
Die Schrift warnt immer wieder davor, dass genau das geschehen wird. «Deshalb ist Vergebung für uns alle frei zugänglich. Deshalb empfangen wir Vergebung von Christus – und geben sie weiter. Jesus sagt den Jüngern, sie sollen so frei geben, wie sie empfangen haben.»
Was Natalie Runion tun musste, war, die Kirche ehrlich anzuschauen und zu sagen: «Ja, ich bin zutiefst enttäuscht, dass es immer noch Missbrauch gibt. Ich bin wütend darüber, dass es immer noch Hirten gibt, die ihre Schafe schlecht behandeln.»
Es breche ihre das Herz, «dass wir diese wunderschöne Gemeindefamilie, die Gott sich für diese Erde gedacht hat, nicht vollständig leben können. Aber wir wissen auch, dass wir in einer gefallenen Welt leben. Für mich bedeutete das, unvollkommene Menschen von einem vollkommenen Evangelium zu trennen, unvollkommene Menschen von meinem vollkommenen Jesus. Der Massstab ist gesetzt, aber wir werden ihn erst in der Ewigkeit erreichen, wenn wir alle im Angesicht des Herrn vollkommen gemacht werden.»
Er bleibt derselbe
Auch wenn Menschen und Organisationen einen enttäuschen: Jesus bleibt derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer-Brief Kapitel 13, Vers 8). «Er ist mein Wegweiser, meine Weisheit, mein bester Freund. Und auch, wenn das leichter gesagt als getan ist: Rückblickend weiss ich, dass jedes Mal, wenn ich in die Gegenwart Gottes kam, wenn ich trotzdem in die Kirche ging und trotz Tränen anbetete, trotz Verrat, Angst und Frustration – wenn ich Gemeinschaft suchte, selbst dann, wenn ich mich unerwünscht fühlte – mir jedes einzelne Mal derselbe Heilige Geist dort begegnete.»
Als sie Lobpreis-Pastorin war, fühlte sich das nach all den Verletzungen wie ein Geschenk des Herrn an. «Es war, als würde Gott mir erlauben, etwas zu tun, das ich liebte, während ich heilte. Genau deshalb liebe ich unseren Vater so sehr: Er weiss, was wir in jeder Lebensphase brauchen.» Heute ist Natalie Runion im Frauendienst und sie leitet das Werk «Raised to Stay».
Zum Thema:
Den Glauben entdecken
Drogen braucht er nicht mehr: «Ich weiss, wer ich bin und wo ich hingehöre»
Pfarrermangel und Berufungsfrage: Kirche ist mehr als attraktive Angebote
Datum: 02.01.2026
Autor:
Jesus Calling / Daniel Gerber
Quelle:
Jesus Calling / gekürzte Übersetzung: Jesus.ch