Gottesdienst von aussen gesehen

Ein Ungläubiger bei der «Holy Spirit Night»

Ein atheistischer Journalist besucht einen Gottesdienst, um darüber zu schreiben. Das kann ja nur schiefgehen, oder? Fehlanzeige. Andreas Thamm war bei der «Holy Spirit Night» des charismatischen Stuttgarter Gospelforums. Er berichtete engagiert, freundlich, kritisch und respektvoll. Entstanden ist ein Artikel, der Christen zeigen kann, wie viele Menschen sie sehen. Sehr hilfreich.

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Andreas Thamm
Der Pressekodex schreibt vor, dass man sich als Journalist zu erkennen gibt, wenn man über jemanden berichten möchte. In der Praxis ruft ein Redakteur deshalb gerne vor seinem Besuch an: «Guten Tag, ich würde gern über Ihren nächsten Gottesdienst in der Zeitschrift XY berichten und Sie deshalb besuchen. Kann ich Ihnen und den Gottesdienstbesuchern ein paar Fragen stellen?» Die Folge sind oft schweissnasse Hände beim Angerufenen und die Angst, missverstanden und völlig verzerrt dargestellt zu werden. Das ist ja auch schon passiert. Aber es gibt auch andere Beispiele. Wie den Bericht von Andreas Thamm für die Spiegel-Tochter bento unter dem Titel «Holy Spirit Night: Als Ungläubiger unter 10'000 evangelikalen Christen».

Fremd, aber nicht feindlich

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Holy Spirit Night
Die «Holy Spirit Night» ist kein typischer evangelischer Gottesdienst: Dahinter steckt ein anderthalbtägiger Jugendkongress mit über 10'000 Besuchern in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Die charismatische Prägung ist sehr deutlich. Thamm berichtet, dass er von etlichen Menschen angesprochen wurde. Sie wollten für ihn beten, ihn segnen, ihm die Hände auflegen. All dies ist sehr ungewohnt für jemanden, der sich nicht regelmässig in frommen Kreisen bewegt. Doch der Journalist beschreibt es zwar als ungewöhnlich, aber nicht etwa übergriffig. Auch ein Heilungsgebet für seine Rückenschmerzen nahm er gern an.

Freundlich, aber nicht harmlos

Ehrlich und freundlich erzählte ihm Kithijon, dessen Eltern aus Sri Lanka stammen, von seinem schwierigen Weg zu Gott. Thamm redete mit etlichen Christen und fragte sie nach Himmel und Hölle. Nicht jeder antwortete ihm direkt, aber die Begegnungen waren freundlich, er merkt: «Die meisten gehen davon aus, dass ich früher oder später eh noch zu Jesus finde», und ergänzt: «An diesem Wochenende passiert mir das allerdings nicht». Die Prediger bei den Veranstaltungen wirkten auf ihn nicht wie Pastoren, «eher wie eine Mischung aus Comedians und Motivationstrainern, die zu Management-Aspiranten sprechen. Der Grundtenor ist 'Du kannst alles schaffen. Mit Jesus'». Als lautstark zu einer Taufe mit Feuer aufgerufen wurde – und gefühlt jeder nach vorne ging–, verliess Thamm erst einmal den Saal. Kritisch betrachtete er auch die Kollekte, die zwar in einem Geist der Grosszügigkeit stattfinden sollte, den er allerdings als druckvoll empfindet. Sie erinnert ihn an Ablasszahlungen. Das sieht er genauso wenig als harmlos an wie den vorher erfolgten Aufruf, doch stolze Deutsche zu sein, der laut seinem Bericht in der Frage «Wer kümmert sich schon um Geschichte?» mündete.

Differenziert, aber nicht geheilt

Manches, was Thamm kritisch anmerkt, würden Christen ausserhalb des charismatischen Spektrums ähnlich wie er beurteilen. Manches ist für nichtkirchliche Menschen auch einfach schwer verständlich. Insgesamt bleibt Andreas Thamm mit seinem Bericht freundlich und sachlich. Er äussert sein Unverständnis über einiges, aber er verwehrt sich ganz klar gegen Pauschalurteile. So stellt er klar: «Diese jungen Evangelikalen sind nicht die Eiferer, die beim Anblick von mir, dem Atheisten, Gift und Galle spucken. Man sieht ihnen den Glauben nicht an, wenn sie an der Strasse an einem vorübergehen. Und doch ist ihr ganzes Leben, ihr Alltag davon durchdrungen, dass sie die Wahrheit über die Welt in einem mehr als 2'000 Jahre alten Buch vermuten.»

Augenzwinkernd schliesst er seinen Beitrag mit einem Rückblick auf sein empfangenes Heilungsgebet: «Am nächsten Morgen wache ich mit Rückenschmerzen auf. Wenn es einen Gott gibt, dann liebt er mich vielleicht, aber geheilt hat er mich noch nicht.»

Zum Artikel:
«Holy Spirit Night»: Als Ungläubiger unter 10'000 evangelikalen Christen

Zum Thema:
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Datum: 21.10.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / bento

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