Heilige Dringlichkeit

Das «Muss» der Bibel

Wenn Christen von ihrem Glauben sprechen, dann betonen sie (hoffentlich!) die Freiheit, die dieser bringt. Tatsächlich ist dies aber nur eine Seite der Medaille, denn manches darin ist ein echtes Muss.
Jesus in der Serie The Chosen (Bild: The Chosen)

«Ich muss gar nichts!» Sehr gelassen, aber gleichzeitig deutlich unterstreicht Tabitha, was sie von den Vorschlägen in der Gemeindeversammlung hält. Da wird gerade diskutiert, dass nicht nur die Jugendräume gestrichen werden müssen, sondern auch der Lobpreisteil im Gottesdienst umgestellt werden muss. Ausserdem muss sich noch jemand darum kümmern – einige drehen sich bereits demonstrativ in Tabithas Richtung um –, dass der Begrüssungsdienst vor dem Gottesdienst freundlicher, pünktlicher und effektiver arbeitet.

Die junge Frau engagiert sich gern in ihrer Freikirche, aber sie ist ein Stück weit «gebranntes Kind». Lange Jahre lebte sie in einem gemeindlichen Umfeld, das von Regeln, Verboten, Gesetzen und gutgemeinten Empfehlungen so erfüllt war, dass ihr schliesslich kaum noch Luft zum Atmen blieb. Das war in ihrer jetzigen Gemeinde anders, geblieben war bei Tabitha aber eine gewisse Allergie gegen Äusserungen wie «wir müssen». So reagiert sie auch jetzt mit einem bestimmten: «Ich muss vieles: atmen, essen, arbeiten, auf die Toilette gehen – aber hier bin ich freiwillig. Ich muss gar nichts!»

Raus aus den Zwängen – rein in Gottes «Muss»

Vielen Menschen geht es wie Tabitha. Sie verweigern sich einem Druck, der in der Gemeinde aufgebaut wird, weil sie diesen im Beruf schon viel zu stark erleben, oder weil sie erfahren mussten, dass es auch in der Kirche Machtmenschen gibt, die gern über andere verfügen. Viele Christen werden darin von Jesus ermutigt, der zwar Stress kannte (heute würde man von einem vollen Terminkalender sprechen), aber zu keiner Zeit den Eindruck machte, er wäre gehetzt oder getrieben. Im Gegenteil, so manches Mal verweigerte er sich gewissen gesellschaftlichen Zwängen und zog sich zurück. Trotzdem steht an einigen Stellen in den Evangelien, dass Jesus etwas tun musste. Gerade weil er sich nicht von Menschen vereinnahmen liess, scheint dieses Muss jeweils auf Gott zurückzugehen.

Was Jesus musste

Wann ist nun die Rede davon, dass Jesus etwas tun musste?

«Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen; denn dazu bin ich gesandt.» In Lukas, Kapitel 4, Vers 43 befand sich Jesus praktisch auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Er hatte sich einen Namen gemacht, und die Leute kamen von weither, um von ihm geheilt und befreit zu werden. Da verkündete er seinen Freunden, dass er unbedingt weiterziehen musste, um auch andere Menschen zu erreichen.

«Er musste aber durch Samaria reisen», unterstreicht Johannes im Kapitel 4, Vers 4 seines Evangeliums. Natürlich hätte es auch alternative Strecken vom Süden des Landes zurück Richtung Galiläa gegeben, doch wieder einmal musste Jesus Menschen erreichen – in diesem Fall eine einzelne Frau.

«Zachäus, steige schnell herab; denn heute muss ich in deinem Haus einkehren!» In Lukas, Kapitel 19, Vers 5 ist nicht die Rede davon, dass es keine andere Möglichkeit für Jesus gab, seinen Nachmittag und Abend zu verbringen. Er musste zu dem korrupten Zöllner gehen, weil dieser gerade ein neuer Mensch wurde.

«Ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie drängt es mich, bis sie vollbracht ist!» In Lukas, Kapitel 12, Vers 50 sprach Jesus über seinen baldigen Tod, der für ihn keine Option unter vielen anderen war. Er wusste, dass dieser Weg für ihn dran war.

Manche Möglichkeit ist ein Muss

Beim Lesen dieser Ereignisse, in denen Jesus etwas tun oder zu Menschen hingehen musste, wird eines sehr deutlich: Hier geht es weder um Krampf noch um Zwang. Hier geht es darum, dass er die Chance dazu sah, das zu tun, was er sowieso wollte. Solche offenen Türen sind dann keine Möglichkeiten, die man auslässt – sie sind ein echtes Muss.

Dieses Muss gibt es bis heute – für Tabitha, Sie und mich. Es kommt seltener vor, als einen lieben Mitchristen glauben machen möchten, aber es ist immer noch wichtig. Wenn Jesus dahin gehen musste, wo die Menschen waren, die er erreichen wollte, dann gilt das auch für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger. Manche unserer Möglichkeiten sind kein Zwang und trotzdem ein Muss.

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Datum: 18.09.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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