Unermüdlicher Einsatz für vergessene Völker: Moskauer Ehrendoktor für Schweizerin

Ehrendoktorwürde
Sprachgruppen
Hohe Ehre
Marianne Beerle-Moor

Am 23. Mai 2005 hat die Russische Akademie der Wissenschaften der Schweizer Sprachwissenschaftlerin Marianne Beerle-Moor die Ehrendoktorwürde verliehen.

Als sensationell darf die Auszeichnung durch die höchste wissenschaftliche Institution Russlands vor allem gelten, weil die Akademie in Sowjetzeiten die Gottlosigkeit hatte fördern müssen. Mit der wissenschaftlichen Leistung der Schweizerin würdigt sie nun unausgesprochen auch die Verbreitung des Evangeliums.

Zürcher Kaukasus-Spezialistin in Moskau

Denn die Geehrte leitet das Institut für Bibelübersetzung (IBÜ) in Moskau. Marianne Beerle-Moor hat sich seit 25 Jahren mit kaukasischen Sprachen befasst. Nach dem Zerfall der Sowjetunion zog die aus Zürich stammende Linguistin nach Moskau; 1997 übernahm sie vom Gründer Boris Arapovic die Leitung des IBÜ.

Testamente und Bibelteile in 74 Sprachen

Das Institut wurde 1973 in Schweden eingerichtet; es hat bis heute Bibelteile, Testamente und Bibeln in 74 der 130 nicht-slawischen Sprachen der GUS erstellt. Derzeit laufen 65 Übersetzungsprojekte, davon 28 für kaukasische Völker.

Unter Beerles Leitung sind das Neue Testament in 15 Sprachen und Bibelteile in 54 Sprachen veröffentlicht worden. Nächstes Jahr sollen drei weitere Völker ihr erstes Neues Testament überhaupt erhalten. In manchen Vorhaben wirken Fachleute des des Weltbunds der Bibelgesellschaften und der Wycliffe Bibelübersetzer mit.

Selbstloses Engagement für verachtete Völker

Die Ehrendoktorwürde wurde Beerle auf Antrag der historischen und sprachwissenschaftlichen Abteilung der Akademie verliehen. Die Feier fand im Präsidium der Akademie unter Anwesenheit führender Gelehrter statt.

Akademie-Präsident Juri Ossipov würdigte die selbstlose und unermüdliche Arbeit der Schweizerin und ihr fruchtbares Wirken für nicht-slawische Bibelübersetzungen wie auch ihre Beiträge zur Sprachwissenschaft, insbesondere zur Ethno-Linguistik.

Marianne Beerle-Moor hatte 1984 in Zürich ihr Doktorstudium über das Verb in der Sprache der Lesgier abgeschlossen. Für ihre Forschungen suchte Beerle die Leute im Orient auf: Sie lebte während Jahren unter Kaukasiern in der Türkei (Visa für das nordkaukasische Dagestan gab es in Sowjetzeiten keine). Im Ergebnis kann heute die Struktur der lesgischen und tschetschenischen Sprache besser verstanden werden.

Das ‚Sowjetvolk’ hat ausgedient – Trauma der Russifizierung bleibt

Während drei Generationen unterdrückten die sowjetischen Kommunisten den Druck und die Verbreitung der Bibel fast vollständig. Der menschenverachtende Diktator Stalin peilte die Einschmelzung aller Nicht-Russen in das „Sowjetvolk“ russischer Sprache an, den Zerfall der UdSSR nicht verhindern konnte, aber bis heute in der Zurücksetzung der Minderheiten nachwirkt.

Doch wird der kulturelle Reichtum des Vielvölkerstaats in den letzten Jahren eher gewürdigt. Gelder für die Erhaltung und Förderung der nicht-slawischen Sprachen gibt es allerdings kaum; viele sind schlecht erforscht, manchen droht das Aussterben.

Der orthodoxen Kirche einen Bibelkommentar geschenkt

Das Institut hat seine Büros in einem Kloster. Das Wohlwollen der Russischen Orthodoxen Kirche erlangte das Institut, indem es zu ihrer Tausendjahrfeier 1988 den dreibändigen Bibelkommentar von Lopuchina aus der Zarenzeit nachdruckte und verbreitete.

Dazu kam die „blaue“ illustrierte Kinderbibel. Die 8 Millionen Exemplare (von Christen im Westen finanziert) haben wie wohl kein anderes Buch der gottlos gestylten Sowjetbevölkerung wieder einen Zugang zur christlichen Religion verschafft.

Auszeichnungen – auch in Jakutien

Im Februar 2002 wurde Beerle von orthodoxer Seite der Orden dritter Klasse der Heiligen Dmitrij Donskoj und Sergij von Radonesh für „Dienste am Heimatland“ verliehen, in Anerkennung der geistlichen und sittlichen Bildungsarbeit in der russischen Gesellschaft. Eine weitere Auszeichnung gab im Mai 2005 der Präsident Jakutiens für die Herausgabe des Neuen Testaments in der Sprache seines Volks.

Das IBÜ bringt vielen Millionen Menschen mit dem Evangelium geistliches Licht; es leistet dazu auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für den Erhalt der bedrohten Sprachen der GUS.

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„Gott ist an uns interessiert, deshalb spricht er auch unsere Sprache“

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Webseiten des Instituts
www.ibtnet.org
www.ibt.org.ru

Datum: 21.07.2005
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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