Tragischer Selbstversuch

Ein Jahr ohne Gott – ein Leben ohne Gott

Ende Dezember 2013 verkündete der US-amerikanische Pastor Ryan Bell (43), dass er versuchen wollte, ein Jahr lang so zu leben, als wenn Gott nicht existieren würde. Er wollte weder beten noch in der Bibel lesen, dafür das Gespräch mit Atheisten suchen, um herauszufinden, wie sie ihr Leben ohne Gott gestalten. Jetzt hat Bell als Ergebnis seines Selbstversuchs bekanntgegeben, dass er nicht mehr an Gott glauben könne.

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Pastor Ryan Bell
«Ich habe die meisten Argumente für die Existenz Gottes betrachtet und aus meiner Sicht sind sie nicht überzeugend», zieht der ehemalige Adventisten-Pastor sein persönliches Fazit.

Der Weg zum Selbstversuch

Ryan Bell wuchs in einer christlichen Familie auf. Er studierte Theologie und war anfänglich für seine konservativen Ansichten bekannt. 19 Jahre lang arbeitete er als Pastor in verschiedenen Adventgemeinden in Philadelphia und schliesslich in Hollywood.

Während seines Dienstes dort beschäftigten ihn Glaubensfragen. Lange schon kämpfte er mit dem Gefühl, «nicht dazuzugehören», doch er wollte nicht weglaufen und verstand seine abweichende Meinung über die Stellung der Frau, über Homosexualität oder über Ökumene als konstruktive innerkirchliche Kritik. Wegen theologischer Differenzen mit der Gemeindeleitung musste er im März 2013 seine Pastorenstelle aufgeben. Im Dezember des vorvergangenen Jahres fand die Ankündigung in seinem Blog, ein Jahr lang versuchsweise als Atheist zu leben, weite Verbreitung. Bell verlor seine letzten christlichen Ämter, erfuhr aber gleichzeitig Unterstützung (auch finanzieller Art) aus der Atheismusbewegung. Und er begann seinen Selbstversuch.

Atheismus auf Probe

Der ehemalige Pastor beschloss, 12 Monate lang weder zu beten noch die Bibel als Inspirationsquelle zu lesen. Stattdessen las er wichtige atheistische Texte von Thomas Hobbes, Baruch de Spinoza, Friedrich Nietzsche bis hin zu Richard Dawkins. Er suchte Kontakt zu Atheisten und wollte mit ihnen darüber ins Gespräch kommen, wie sie zu ihrer Einstellung gekommen waren und ihr Leben gestalteten. «Kurz: Ich werde tun, was ich kann, um die Welt des Atheismus zu betreten, und ein Jahr lang als Atheist zu leben. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass ich kein Atheist bin, Jedenfalls noch nicht. Ich weiss nicht mehr, was ich bin. Darum geht es mir zum Teil in diesem Jahr.» Mit diesen Worten kündigte Bell seinen Selbstversuch an. Wirklich wohl fühlte er sich nicht bei dem Gedanken, aber er sah auch keine Alternative.

Absage an den Glauben

Während des einjährigen Experiments schrieb Ryan Bell regelmässig von seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Gedanken. Jetzt am Ende fasste er sie folgendermassen zusammen: «Ich glaube nicht, dass Gott existiert. Ich denke, dies ist der sinnvollste Schluss aus den Beweisen, die ich habe, und meinen Erfahrungen. Aber ich glaube nicht, dass dies das Wichtigste ist, was es über mich zu berichten gibt.» Der Ex-Pastor betonte dabei, dass er das Zugeständnis vieler Atheisten, Dinge nicht zu wissen, attraktiver fand, als die in seiner Umgebung weit verbreitete christliche Sicht, alles zu verstehen. Ausserdem wollte er lieber heute etwas verändern, als nur auf eine ferne «Ewigkeit» hinzuleben. Bell unterstreicht: «Ich drehe jetzt keine Siegerrunde oder feiere meine jetzige Erkenntnis. Sie fühlt sich an wie ein Verlust, aber ich will lieber mit einer schmerzhaften Wahrheit als mit einer beruhigenden Lüge leben. Hier stehe ich, mit der unbequemen, aber gleichzeitig seltsam befreienden Überzeugung, dass es Gott nicht gibt.»

Erklärungsversuche und eigene Zweifel

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Hauke Burgarth
Ich könnte jetzt versuchen, Ryan Bells Zweifel und seine Entscheidung gegen Gott aus seinem extrem konservativen Hintergrund und seinem – auch vorher – negativen Bild von Christen zu erklären. Sicher würde einiges dabei zutreffen. Und vieles würde an der Wirklichkeit vorbeigehen. Einerseits finde ich es wichtig, Menschen wirklich zuzuhören, die erklären, warum sie nicht (mehr) glauben können – das Buch von Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler «Warum ich nicht mehr glaube» liefert hierzu einen guten Beitrag.

Andererseits frage ich mich, wie ich persönlich mit meinen Zweifeln umgehen kann, ohne dabei zwangsläufig Gott loszulassen. Drei Ansätze gehen mir dabei durch den Kopf:

  • Ich will Fragen und Zweifel zulassen. Was ich unter den Tisch kehre, entwickelt schnell eine zerstörerische Dynamik.
  • Ich will mit meinen Fragen und Zweifeln eher zu Gott hingehen als von ihm weg. Auch wenn das keine Garantie für eine befriedigende Antwort beinhaltet.
  • Ich will meinen Glauben so leben, dass er heute bereits Auswirkungen in meiner Gegenwart (und der von Menschen um mich herum) hat. Ein «ewiges Leben» in ferner Zukunft reicht mir genauso wenig wie Ryan Bell.

Zum Thema:
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Datum: 05.01.2015
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Huffington Post

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