André Trocmés Einfluss

Ein ganzes Dorf rettet Juden vor dem Holocaust

André Trocmé war im Zweiten Weltkrieg Landpfarrer in einem Dorf der Haute-Loire in Südostfrankreich. Als die Juden aus der Umgebung verfolgt wurden, bat er seine Gemeinde um Hilfe. Und die liess sich gewinnen und versteckte Tausende von ihnen vor dem sicheren Tod.

Zoom
Le Chambon-sur-Lignon erhielt als ganzes Dorf die Auszeichung als «Gerechte unter den Völkern» für ihre Hilfe während des Holocaust.
André Trocmé kam eigentlich nur durch «Zufall» an seine Pfarrstelle im abgelegenen Dorf Le Chambon-sur-Lignon. Der reformierte Theologe war erklärter Pazifist. Damit war er in der damaligen Kirche in Frankreich für eine Arbeit im Licht der Öffentlichkeit disqualifiziert. Seine Frau Magda und er wurden aufs Land geschickt.

Dies sollte sich als seltener Glücksfall herausstellen, denn viele seiner dortigen Gemeindeglieder stammten von den Hugenotten ab und waren selbstbewusste Christen, die gegen alle Widerstände an ihrem Glauben und ihren Überzeugungen festhielten. Als Frankreich von Hitlers Wehrmacht besetzt wurde und im Waffenstillstand von Compiègne 1940 praktisch kapitulierte, predigte Trocmé: «Die Aufgabe des Christen ist es, sich der Gewalt mit den Waffen des Geistes entgegenzustellen.»

Die «Judenfrage»

Zoom
André Trocmé
Bald nach der deutschen Besatzung erkannte Trocmé die Not der Juden und bat seine Gemeinde dringend, sich um das «Volk der Bibel» zu kümmern. Er selbst traf sich auch mit anderen Friedensaktivisten. Sein Plan: den internierten Juden beizustehen. Doch bald merkte er, dass er wesentlich mehr tun konnte. Seine Gemeinde lag abgelegen auf einem Hochplateau des Zentralmassivs zwischen Rhône und Loire. Hier konnte man jüdische Kinder verstecken, deren Eltern interniert wurden, hier konnten ganze Familien unterkommen.

Es bereitete Trocmé zwar einige Gewissensnot, dass er als Christ dazu lügen musste – doch er tat es. Und er bat seine Gemeinde mitzuhelfen. Bald schon kamen jüdische Kinder aufs Land. Durch gefälschte Pässe wurden sie zu nichtjüdischen Kindern, die sich zur Kur auf dem Land aufhielten. Diese Kinder und später auch Erwachsenen wurden zunächst in Hotels und Pensionen untergebracht, bevor sie entweder in die Schweiz weitergeschickt oder im Pfarrhaus, in Werkstätten oder auf Höfen in der Umgebung versteckt wurden. Etliche wurden sogar unter falschen Namen polizeilich angemeldet, damit sie Lebensmittelkarten erhielten.

Magda und André Trocmé waren Schlüsselpersonen in diesen Aktionen, doch die Fäden liefen nicht nur im Pfarrhaus zusammen: Die hugenottisch geprägte Gemeinde stand zusammen. Inklusive Polizei. Sie hatten ihre eigene Verfolgungsgeschichte und waren vor den katholischen Königen in die Einsamkeit geflohen. Im Ersten Weltkrieg fanden elsässische Flüchtlinge hier Hilfe, später Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg und jetzt waren es die Juden.

«Ich kenne nur Menschen»

Zoom
André und Magda Trocmé
Eine Rettungsaktion dieses Ausmasses konnte nicht unbemerkt bleiben. So stand Trocmé immer wieder unter Beobachtung. Doch er liess sich nicht stören. Seine Kirchenleitung und die Behörden zitierten ihn und forderten ihn auf, sich unterzuordnen, den Juden nicht länger zu helfen und sie stattdessen zu melden. Trocmé reagierte eindeutig: «Diese Menschen sind hier hergekommen, um Hilfe und Zuflucht zu finden. Ich bin ihr Hirte. Ein Hirte lässt seine Herde nicht im Stich … Ich weiss nicht, was ein Jude ist. Ich kenne nur Menschen.»

Etwas später kam das Gerücht auf, Trocmé sollte verhaftet werden, doch extra angereiste Gendarmen aus der Umgebung konnten diese Anweisung zunächst nicht umsetzen. Als der streitbare Pfarrer dann schliesslich in Gewahrsam genommen wurde, setzte man ihn zwar unter Druck, konnte ihm aber nichts nachweisen. So kam er wieder auf freien Fuss. Er selbst ging zwar sicherheitshalber in den Untergrund, doch seine Gemeinde machte weiter wie vorher.

Ein Gerechter unter den Völkern

Im Laufe der Kriegsjahre kamen etwa 5'000 Menschen in Le Chambon unter und wurden von den nicht einmal 9'000 Einwohnern versteckt, weitergeleitet und gerettet. Am 5. Januar 1971, ein halbes Jahr vor seinem Tod, wurden André und Magda Trocmé mit 32 Bürgern ihres Dorfes in Yad Vashem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. 1998 erhielt das gesamte Dorf diese Auszeichnung. Auch nach dem Dritten Reich setzte sich Trocmé weiter für den Frieden ein. Er wurde Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes und arbeitete als Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) über Ländergrenzen hinweg. Ausserdem schrieb er Kinderbücher über seine friedenspolitischen Einsichten.

André Trocmé, der französische Pfarrer, Widerstandskämpfer und Judenretter ist heute kaum noch jemandem bekannt. Ermutiger zu einem Leben mit Rückgrat ist er trotzdem. Seine Geschichte steht unter anderem im folgenden Buch:
Hanna Schott: Von Liebe und Widerstand. Das Leben von Magda & André Trocmé. Neufeld Verlag.

Zum Thema:
Held aus 2. Weltkrieg geehrt: Er rettete 200 Juden – und sagte niemandem etwas davon

«Gerechte unter den Völkern»: Evangelische Widerstandskämpferin geehrt
Film «The Zookeeper's Wife»: Christliche Zoobesitzer retteten 300 Juden
Auszeichnung für Moore: «Moderner Dietrich Bonhoeffer» steht für verfolgte Christen ein

Datum: 05.05.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / chrismon

Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich neu, um diesen Artikel zu kommentieren.
Anmelden
Mit Facebook anmelden

Publireportage

Täglich inspirierend
Auf Livenet.ch können der Mann und die Frau von nebenan ebenso in einer News-Meldung vorkommen wie der Hollywoodstar. Dieser einzigartige Livenet-Mix ist es, der die Macher wie auch die Leser begeistert.

Anzeige

Diese Artikel könnten Sie interessieren

Grosse Säuger im Mittelmeer
Vor zweitausend Jahren war das Mittelmeer ein Zufluchtsort für zwei Walarten, die inzwischen praktisch aus dem Nordatlantik verschwunden sind. Bisher...
Marriage & Family Award 2018
Bevor im Februar 2019 in Los Angeles die nächste Oscar-Verleihung über die Bühne geht, vergibt das Forum Ehe+Familie (FEF) schon am 3. November einen...
Kritik an Migros-Aktion
Wenn einer der beiden Schweizer Grossverteiler eine Aktion zur Verkaufsförderung startet, geht er manchmal an die Grenzen des Zuträglichen. Gerade...
Islamischer Sender geschlossen
Der erste islamische Fernsehsender auf Spanisch wurde geschlossen. «Córdoba Internacional Television» war 2012 vom Scheich Abd Al-Aziz Fawzan Al-...

Werbung

RATGEBER

Einander ertragen Wie man Miteinander auskommt
Wenn man selbst angespannt und gestresst ist, sind meistens auch noch die anderen seltsam. Weil man...

Adressen

CGS ECS ICS

Werbung

Livenet Service