Der neue Antisemitismus in der Schweiz

«Wenn Worte eindeutig werden» – unter diesem Motto hat der Leiter der Christlich-Jüdischen Projekte Basel (CJP), Pfarrer Nico Rubeli, mit dem Publizisten Frank A. Meyer aus Anlass des 10-jährigen Bestehens der CJP ein öffentliches Gespräch geführt. Thema war unter anderem der neue Antisemitismus. Meyer hat sich verschiedentlich als engagierter Anwalt der jüdischen Bevölkerung und als Kämpfer gegen den Antisemitismus geäussert.

Das Eintreten für die Gleichberechtigung der Juden sei ihm schon in seinem Elternhaus vermittelt worden, sagte Meyer vor einem zahleichen Publikum in Basel. Er äusserte sich zum Eindruck vieler Schweizer Juden, dass die Medien einseitig Verständnis für die palästinensische Sache zeigten.

Meyer wollte nicht von einer Instrumentalisierung der Medien gegen Israel sprechen, stellte aber fest, Israel sei mit seiner Militärmacht heute für viele Medienschaffende der Goliath, der den palästinensischen David verfolge. Yasser Arafat geniesse – nicht zuletzt wegen seiner Erscheinung – einen Sympathiebonus. Ob diese Relationen wohl auch so gesehen würden, geschähe der Terror in unseren Städten, fragte Meyer. Goliath seien aber weder Israel, Scharon noch Arafat, sondern der Terror.

Nach der Beobachtung Meyers wird das einstige antisemitische Vorurteil gegen den «ewigen Juden» heute auf das «ewige Israel» übertragen. Auch heute gelte in den Seelen vieler Europäer, dass nur der verfolgte Jude ein guter Jude sei.

Der selbstbewusste Jude, wie er sich in der Holocaust-Debatte geäussert habe, sei bereits verdächtig. Darauf liesse zum Beispiel die Äusserung «den Juden geht es nur ums Geld» schliessen. Verantwortlich für den tiefsitzenden Antisemitismus sei vor allem der traditionelle christliche Antijudaismus. Auch in der Schweiz beobachtet Meyer ein neues Aufflackern des Antisemitismus, der sich ihm gegenüber in anonymen Beschimpfungen und Drohungen äussere, sobald er Israel verteidige.

Meyer warnte vor einem modernen intellektuellen Zynismus, der zum Beispiel über die Anschläge auf die New Yorker Twin Towers vom vergangenen September ohne Erwähnung der Opfer schreiben könne, weil er darin nur eine Symbolik sehe. Analog dazu, so äusserte Meyer seine Befürchtung, könnte auch der Holocaust bald nur noch eine Metapher, bzw. eine Meinung darstellen.

Seine Verteidigung des Existenzrechtes Israels begründete Meyer auch damit, dass es die einzige funktionierende Demokratie mitten unter undemokratischen islamischen Staaten sei. Demokratie und Rechtsstaat seien für ihn aber Grundbegriffe für Heimat. Auch Demokratien seien vor Fehlern nicht gefeit, wie das auch die schweizerische Demokratie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges erlebt habe.

Datum: 23.04.2002
Quelle: RNA

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