Führe uns nicht in Versuchung

Diskussion um das Gottesbild im Vaterunser

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Papst Franziskus hat die Übersetzung der Vaterunser-Bitte «führe uns nicht in Versuchung» in einem Interview mit dem italienischen Sender TV2000 kritisiert. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. «Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan», so der Papst. Wie reagieren andere Kirchen darauf?

Franziskus verwies auf einen Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung zu ändern. In katholischen Gottesdiensten in Frankreich lautet die betreffende Bitte seit dem ersten Adventssonntag: «Lass uns nicht in Versuchung geraten.» Der Vatikan hat  die neue französische Übersetzung schon 2013 anerkannt, so Radio Vatikan.

Kritik bleibt nicht aus

Im Zusammenhang mit der französischen Initiative hatten auch Theologen im deutschen Sprachraum eine Anpassung verlangt. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer warnte hingegen vor einer «Verfälschung der Worte Jesu». Die Vaterunser-Bitte «führe uns nicht in Versuchung» sei genau so bei den Evangelisten Matthäus und Lukas überliefert. Es gehe nicht an, Jesus zu korrigieren, so der frühere Dogmatikprofessor. Gleichwohl müssten und könnten diese Worte so erklärt werden, «dass das Gottesbild nicht verdunkelt wird».

Der Streit kreist um das Problem der richtigen Bibelübersetzung, in diesem Fall um das Verständnis entsprechender Stellen aus dem Matthäus- und dem Lukasevangelium, das auf Alt-Griechisch überliefert ist und später in andere Sprachen übersetzt wurde. Die Evangelisten schrieben der Überlieferung zufolge die Geschichte Jesus auf, der aber Aramäisch* sprach.

Eine Frage der Übersetzung

Wie viel authentischer Jesus also im Neuen Testament steckt, ist umstritten. Das Vaterunser ist das Gebet, das Jesus selbst den Jüngern gelehrt haben soll, es hat programmatischen Charakter. Änderungen an diesem Grundgebet sind in den Augen von Puristen besonders gefährlich. Doch: Die biblischen Verse sind eben Übersetzungen und nicht die Originalrede Jesu.

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Papst Franziskus hat die Übersetzung der Vaterunser-Bitte «führe uns nicht in Versuchung» kritisiert.
Dass Gott uns in Versuchung führt sei keine gute Übersetzung, so also der Papst. Und das beträfe ja auch unsere eigene, die deutsche. Matthäus, Kapitel 6, Vers 13, übersetzt in der Neuen Einheitsübersetzung, sagt: «Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!» Genauso sagt es die Lutherbibel, mit dem Zusatz «erlöse uns von dem Bösen».

Die Neue Genfer Übersetzung sei da schon näher an der neuen französischen und damit an der vom Papst gelobten: «Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern errette uns vor dem Bösen.» Dieselbe Übersetzung zu Lukas, Kapitel 11: «Und lass uns nicht in Versuchung geraten», während die Einheitsübersetzung auch hier sagt: «Und führe uns nicht in Versuchung!». Die neue französische Übersetzung sagt: «Et ne nous laisse pas entrer en tentation.»

Ja-Stimmen aus der Schweiz

Die Schweizer Bischöfe haben die Einführung auf Ostern 2018 verschoben, damit die Westschweizer Reformierten in ihren Gremien Stellung dazu beziehen können. Nun kommen aus der Romandie erste Ja-Stimmen, berichtet das katholische Medienzentrum.

Als eine der ersten Kantonalkirchen hat sich nun die Evangelisch-Reformierte Kirche im Kanton Waadt (EERV) im November entschieden, die neue Version einzuführen. Dabei wurde der Sorge um die Einheit mit der katholischen Kirche mehr Gewicht gegeben als theologischen Argumenten, wie kath.ch am 1. Dezember meldete.

«Die Diskussion drehte sich um ein gemeinsames Gebet, nicht um die Definition einer biblischen Übersetzung», sagte Synodalratspräsident Xavier Paillard auf Anfrage von kath.ch. Die Delegierten der Synode drückten damit ihre Bereitschaft aus, den ökumenischen Prozess so konstruktiv wie möglich zu gestalten.

Dank an die Schweizer Bischöfe

Virgil Rochat, Pfarrer an der Kathedrale von Lausanne und Mitglied der Synode der EERV, schätzt trotz gewisser theologischer Vorbehalte die neue Version, «weil sie ein Abbild eines zeitgenössischen Gottes ist, eines Gottes voller Liebe und Verständnis», sagte er gegenüber kath.ch. Er begrüsst die Übersetzung, weil sie eine Diskussion über Theologie, Übersetzung und Liturgie auslöse. Seiner Meinung nach hätten auch andere Verse des Gebets eine Anpassung nötig: «Ein Vater tut so etwas nicht.»

Die Waadtländer Reformierten hoffen nun, dass die anderen reformierten Kirchen der Westschweiz ihrem Beispiel folgen. Xavier Paillard bedankte sich schliesslich bei den Schweizer Bischöfen für die Verschiebung der Einführung. Die Verständigung unter den Kirchen würden die vier Monate Verzögerung aufwiegen.

Westschweizer Allianz (Réseau) für neue Version

Die theologische Kommission der Evangelischen Allianz in der Westschweiz (Réseau évangélique suisse RES) spricht sich ebenfalls für die neue Version aus, wie einer Mitteilung auf der französischsprachigen Website  zu entnehmen ist. Dies trotz der Tatsache, dass sich die Kommission nicht ganz einig war: Die Befürworter der neuen Version argumentierten, dass Gott nicht in Versuchung führe, andere hingegen fanden, dass die alte Version den Aspekt der Prüfung mehr betone, was näher beim griechischen Original «peirasmos» sei.

Die theologische Kommission der RES ermuntern ihre Mitglieder jedoch, die neue Version anzunehmen, damit jene, die dies möchten, das Gebet gemeinsam sprechen könnten.

*Eine moderne Übersetzung: «Lass oberflächliche Dinge uns nicht irreführen, sondern befreie uns von dem, was uns zurückhält.»

Zum Thema:
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Datum: 15.12.2017
Autor: Willy Gautschi
Quelle: Livenet / RES / kath.net / Kölnische Rundschau / Radio Vatikan / Stern / mz / wd

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