Die Familienarbeit neu bewerten

Obwohl gerade im Haushalt mindestens ebenso viele Arbeitsstunden geleistet werden wie im Rahmen von Erwerbsarbeit, ist diese Arbeit volkswirtschaftlich kaum relevant. Zu Unrecht, befand eine Tagung in Bern und wurde ganz konkret mit dem Thema: Wie viel Franken ist eine Stunde Haus- und Familienarbeit wert?

Eines der Schwerpunktreferate hielt der Sozialethiker Christof Arn, der sich in der Materie hervorragend auskennt, ist er doch Verfasser der Studie „Haus-Arbeits-Ethik“. Arn, der selbst auch als Hausmann tätig ist, weiss wovon er schreibt, wenn er dafür eintritt, dass die Familienarbeit einer ganz neuen Bewertung bedarf. In den letzten Jahren ist hier ein neuer Trend sichtbar geworden. Auch die Schweizer Volkszählung hat erstmals nach der geleisteten Hausarbeit gefragt.

An der von Kanton und Universität Bern organisierten Tagung sagte Arn, der Einbezug der Hausarbeit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sowie als Haftpflichtfall stelle einen entscheidenden Fortschritt dar. Trotzdem fielen bei diesen Erhebungen noch wesentliche Leistungen durch die Maschen.

Arn nannte als erstes die Abrufbarkeit. Er verglich mit einem Garantievertrag für einen PC. Hier würden erhebliche Kosten verrechnet, auch wenn gar keine Leistung beansprucht werde. Eltern müssten aber eine Reaktionszeit im Minutenbereich leisten, wenn etwa ein Kleinkind Betreuung oder Hilfe brauche. Besonders wichtig für die Bewertung der Familienarbeit sei die Tatsache, dass Kinder grossgezogen würden.

Weiter nannte Arn die „personale Orientierung“ und damit die „Gesamtverantwortung für psychische und physische Konstitution und Entwicklung der Haushaltmitglieder“.

Als dritte Leistung bezeichnete der Sozialethiker die Organisationsarbeit innerhalb eines Haushalts. Hausfrauen und –männer genössen zwar eine grosse Freiheit bei der familiären Organisation. Diese Arbeit sei jedoch „in Familien mit Kindern von den Ansprüchen her auf dem Niveau eines komplexen Projektmanagements anzusiedeln“.

Arn vermutet, dass die mangelnde Anerkennung der Familienarbeit in den letzten Jahren teilweise zum Verzicht auf Kinder oder aber zur Reduktion der Leistungen in der familiären Kinderbetreuung geführt hat. Mütter litten andererseits an Erschöpfungsdepressionen, und Jugendliche würden wegen mangelnder Betreuungsangebote sich selbst überlassen. Dieser Rückgang des Leistungspotenzials und der Leistungsbereitschaft seien gesellschaftlich von grosser Bedeutung. Sie könnten sich zum Beispiel darin äussern, dass die Schule immer mehr Leistungen erbringen müsse und überfordert werde.

„Nicht den Hauch einer Chance“

Die Bewertung der Familienarbeit in Stundenansätzen ist wissenschaftlich natürlich umstritten. Arn schlägt – unter Einbezug der erwähnten Leistungen – für eine Familie mit zwei Kindern einen Satz von 80 Franken pro Stunde vor. Er ist sich indessen bewusst, dass ein solcher Ansatz in der politischen Diskussion nicht den Hauch einer Chance hat. Sein politisch angepasser Vorschlag: 40 Franken. Ein solcher Satz, denkt er, würde wenigstens in den Medien zu keinem kollektiven Aufschrei führen. Jedenfalls müsse diese Bewertung vorangetrieben werden.

Es gelte in Zukunft, diese Bewertung durch Untersuchungen zu präzisieren und sie zweitens in der Öffentlichkeit in einer Form zu kommunizieren, „welche der Dynamik des Fachkonsenses von Juristinnen und Juristen sowie Nationalökonomen und -ökonominnen und auch dem Beharrungsbedarf der öffentlichen Meinung Rechnung trägt“.

Die deutsche Ökonomin Barbara Watz skizzierte in Bern die heutigen Bewertungsformen und zeigte, dass die Bewertung immer wieder von den gesellschaftlichen Interessen abhänge. Immerhin sei man sich im Euro- und Dollarraum so weit einig, dass „die Wohlfahrt von Menschen abhängt von Art und Umfang der Haushalt- und Familientätigkeit als Sockelfunktion für jede Gesellschaft“. Sie sei Basis für die Wirtschaft, und ihr Fehlen habe viel Leid und hohe gesellschaftliche Kosten zur Folge. Es müsse daher eine europäische und internationale Initiative zur Bewertung der Haushalts- und Familienarbeit geben. Diese sei jedoch über einzelne Institutionen und Verbände nicht zu erreichen. Barbara Watz: „Wir brauchen ein europäisches beziehungsweise internationales Institut für Haushalts- und Familienforschung mit dem Ziel der weltweiten Anerkennung und Entwicklung von Alltagsbewältigung zur Daseinsvorsorge und -fürsorge mit Gemeinsamkeiten und Besonderheiten.“

Hausmänner sterben eher

Hausmänner oder Geschlechtsgenossen, deren Arbeit oder soziale Rolle sich ausserhalb der Norm befindet, leiden häufiger an einer Herzerkrankung und sterben auch früher. Zu diesem Ergebnis kommt Elaine D. Eaker von Eaker Epidemiology Enterprises auf dem Asia Pacific Scientific Forum der Amerikanischen Herzgesellschaft.

Ursprünglich sollte mit der Studie festgestellt werden, ob Stress am Arbeitsplatz das Gesundheitsrisiko erhöht. Die Forscher stellten in diesem Zusammenhang keine Korrelation zwischen Stress (definiert als hohe Anforderungen im Job mit wenig Entscheidungsfreiheit) und einer erhöhten Sterblichkeitsrate bzw. Herzerkrankungen fest. Wohl aber entdeckten sie, dass ein geringes soziales Ansehen einen Einfluss auf die Gesundheit hat.

Laut Eaker haben Männer, die als Erwachsene die meiste Zeit die Rolle des Hausmannes ausüben, gegenüber ihren ausser Haus arbeitenden Kollegen eine um 82 Prozent erhöhte Sterblichkeitsrate. Je geringer das Einkommen bzw. die Ausbildung des Mannes war, umso höher auch das Risiko eine Herzerkrankung zu erleiden oder früher zu sterben, so die Forscherin. Bei Männern mit einem Jahreseinkommen von weniger als 10’000 Dollar war das Risiko doppelt so hoch wie bei Männern mit einem Jahreseinkommen von rund 50’000 Dollar und mehr.

Männer in Berufen mit hohem sozialem Ansehen wie Mediziner, Anwälte, Architekten, Ingenieure und Lehrer hatten ein signifikant geringes Risiko für eine Herzerkrankung.

Konträr dazu stellte Eaker fest, dass Frauen mit hohen Jobanforderungen und grosser Verantwortung ein drei Mal so hohes Risiko für Herzerkrankungen hatten wie Kolleginnen, deren Arbeit mit weniger Verantwortung und geringeren Ansprüchen verbunden ist. Es spielt laut Eaker für Karrierefrauen diesbezüglich keine Rolle, wie gross die Anforderungen im Haushalt sind bzw. wie viele Kinder sie hat. Auch Angst, Depression und Ärger blieben ohne Einfluss auf die individuelle Gesundheit. Eaker hofft, dass „mit den Änderungen der sozialen Rollen und Erwartungen mit der Zeit auch die negativen Auswirkungen für jene ausserhalb der gesellschaftlichen Norm verschwinden.“

Datum: 12.05.2002
Autor: Fritz Imhof
Quelle: SSF

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