„Jesus Walks“ – immer mehr Rapper auf den Spuren des Gospel

DMX
DMX

Sein Lebensziel sei es, Menschen zu Jesus zu bringen, hat jüngst der Hardcore-Rapper DMX seinen verblüfften Fans erklärt. Europa reibt sich die Augen. Werden nun auch die fluchenden und lästernden Rapper fromm?

Die Presse reagiert überrascht: „’Jesus Walks’ – Jesus marschiert: unaufhaltsamen Schrittes und in einem Rhythmus, der einfach ansteckt. Wer auch nur gelegentlich durch die Hip-Hop-Videos der Musiksender zappt, dem kann es nicht entgangen sein: Wo sonst im Minutentakt geflucht wird, ist in letzter Zeit öfters auch die Rede von Erlösung, von Salvation. Jonathan Fischer hat sich davon überzeugt. Er schreibt in der NZZ vom 16. Dezember: „Es geht tatsächlich um Vater, Sohn und Heiligen Geist. Und das in einer Offenheit und Intimität, die unter Rappern bisher als unpassend oder uncool galt.

Dass … Hollywood mit ‚The Fighting Temptations’ den Gospel entdeckt und ein ehemaliger Schweinepriester namens Prince neuerdings Ehe, Glauben und Züchtigkeit predigt – die Zeichen wiederentdeckter Religiosität im Pop lassen sich kaum leugnen.“ Lebte Hip-Hop bisher vom Tabubruch und machten gerade Phantasien über Sex, Tod und Gewalt einen grossen Teil seiner Anziehungskraft aus, so gebe es nun Zeichen eines Wertewandels.

Es ist interessant: Während ein Teil der Rock- und Popkultur der 70er Jahre Richtung Fernost abdriftete und dort Krishna und Buddha entdeckte, wenden sich die Hip-Hopper des angebrochenen 3. Jahrtausends wieder dem Mann aus Nazareth zu. Wie glaubwürdig sie dies mit ihrem persönlichen Leben auch immer vertreten mögen, ihre Botschaft ist eindeutig: Die NZZ: „’Jesus is my homeboy’ oder ‚Saved Girls Rock’ lauten immer öfter die Losungen auf Sweatshirts der Generation Rap. LL Cool J schwenkt in Interviews die Bibel, R. Kelly will mit einem religiösen Album in die Fussstapfen von Al Green treten, und KRS-Ones letztes Album, ‚Spiritual Minded’, führte bezeichnenderweise nicht die Hip- Hop-, sondern die Gospel-Charts an.“

Dass der zum Rapstar aufgestiegene Kriminelle DMX grade wieder wegen Verstössen gegen das Waffen- und Drogengesetz vor Gericht steht, hindert ihn jedenfalls nicht an seiner Mission: „Ein Prediger kann dir nichts über das Abfeuern eines Gewehres erzählen, wenn er nicht mal selber gefeuert hat. Dank dem Mist, den ich gebaut habe, kann ich Leute bekehren, die ein anderer Prediger nicht erreichen würde.“

„Und in ‚Jesus Walks’ flankiert Rapper Mase seinen Hip-Hop-Kumpel Kanye West bei einer Predigt, die auch in einen Sonntagsgottesdienst der Baptisten passen würde“, findet NZZ-Autor und Musikkritiker Jonathan Fischer. Kanye West selbst war es, der mit diesem „zur Hymne dieses Sommers aufgestiegenen Glaubensbekenntnis“ dem christliche Rap die Tore geöffnet hat. Drei Jahre lang habe er an diesem Song gefeilt, sagt er. „Er sollte so überzeugend klingen, dass die DJ ihn sogar gegen den eigenen Willen in den Klubs und im Radio spielen müssen.“ Er holte damit die Leute dort ab, wo viele stehen: Ein Drogendealer bittet Gott um Schutz und gesteht der Mutter seine Schuld ein. Seither haben sich weitere Rap-Grössen dem Gospelrap angeschlossen: P. Diddy, der Gangsta Rapper 50 Cent und der Raper Mase, der jetzt zu 50 Prozent als Pastor arbeitet.

Zum Schluss seines Beitrags wird Fischer dennoch etwas nachdenklich, wenn er die bisherigen Auswirkungen der Bekehrungen auf den Lebensstil der Gospel-Rapper in Betracht zieht: „Ob all diese gläubigen Rapper zu demselben ‚Lord’ beten, der uns im Gospel von Mahalia Jackson oder von den Staple Singers begegnet? Dem Gott, der die Gläubigen in den sechziger Jahren dazu inspirierte, mit einem ‚We Shall Overcome’ auf den Lippen sich Wasserwerfern, Hunden und rassistischen Polizisten entgegenzustellen? Dem Gott, der Martin Luther King den Traum eines freien Amerika träumen liess? – Reverend Mason gesteht: ‚Mit all dem Reichtum brauchst du etwas, an dem du dich festhalten kannst.’ – Jesus Walks. Jesus marschiert. Seine Rapper-Anhänger aber fahren immer noch lieber in der Maybach-Limousine.

Auch das kann sich ja ändern. Wer den Überfluss genossen hat, dem kann sich auch die Einfachheit erschliessen. Jesus walks. Sein Weg in die freiwillige Armut begann nach dem Johannes-Evangelium mit der Teilnahme an einem rauschenden Fest.

Der NZZ-Artikel im Web: www.nzz.ch/2004/12/16/
Kanye West im Livenet: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/191/18526/
Christliche Rapper im Net: www.jesusfun.com

Datum: 21.12.2004
Autor: Fritz Imhof
Quelle: NZZ

Verwandte News
Werbung
Livenet Service
Werbung