Buchkritik

«Tabu Trennung – Ein Journalist sucht Antworten»

Niemand fängt an zu arbeiten, um arbeitslos zu werden. Und niemand heiratet, um sich scheiden zu lassen. Und doch passiert genau das. Nicht immer, aber immer wieder. Auch bei Christen. Daniel Schneider fragt in seinem Buch nicht, wie eine Trennung hätte verhindert werden können. Er fragt, wie man als Christ trotzdem weiterleben kann.
Scheidung: Wenn ein Ehepaar keinen gemeinsamen Weg mehr sieht.
Daniel Schneider
Buch: Tabu Trennung von Daniel Schneider

In seinem aktuellen Buch «Tabu Trennung» beschreibt der Journalist und Theologe Daniel Schneider fünf Begegnungen mit (geschiedenen) Menschen. Er hört ihnen zu, beschreibt ihre Geschichten, fragt nach, versucht zu verstehen – und zieht jeweils ein kurzes Fazit, das nicht nur mit seinen Interviewpartnern zu tun hat, sondern auch viel mit ihm selbst und seinen Gedanken.

Gewollt einseitig

Dieses Buch sei einseitig, werfen ihm manche Leser vor. Recht haben sie. Das ist es tatsächlich. Und das soll es auch sein. Der Autor selbst verortet sein Buch zwischen Zuspruch und Zumutung. Den ersten Abschnitt der Einführung überschreibt er mit «Scheisse» und erklärt, dass es zwar nicht gut ist, ein Buch mit solch einem Kraftausdruck zu beginnen, dass er aber für sein Buch keine Alternative sieht. Diese Haltung zieht sich durch die gesamten 176 Seiten. Nicht das Schwelgen in Kraftausdrücken, aber das schmerzliche Akzeptieren, dass Ehen scheitern können. Schneider fragt an keiner Stelle: «Wer ist Schuld? Was hätte man tun können, um diese Ehe zu retten?»

Genau diese Fragen stehen im Mittelpunkt vieler Bücher und Seminare zum Thema Ehe und Konfliktbewältigung. Meistens enden sie mit dem Verweis auf Gottes unendliche Möglichkeiten, auf die Kraft der Vergebung und auf das Wunder eines Neubeginns. Das ist völlig legitim, doch wie fühlt sich jemand, der als Christ alles versucht hat, seine Ehe zu retten, und am Schluss feststellt: «Ich habe es nicht geschafft»? In dieser Beziehung ist «Tabu Trennung» tatsächlich einseitig. Denn es setzt ausschliesslich am Punkt des Scheiterns an. Und es zeigt, dass das Leben – und das Leben als Christ – damit noch lange nicht am Ende ist.

Schonungslos ehrlich

Zur Ehrlichkeit des Buches gehört das Akzeptieren der Wirklichkeit. «2015 wurden in Deutschland 163'335 Ehen geschieden … Nach den derzeitigen Scheidungsverhältnissen werden etwa 35 Prozent aller in einem Jahr geschlossenen Ehen im Laufe der kommenden 25 Jahre geschieden.» (S. 10) Dies sind nicht nur Zahlen des Statistischen Bundesamtes, es ist eine Lebenswirklichkeit, die sich bis in unsere Kirchen und Gemeinden fortsetzt, auch wenn wir uns das nicht wünschen.

Daniel Schneider bricht eine Lanze für gelingende Ehen, doch er macht sehr deutlich, dass weder geistliches Leben noch Gottes Segen plötzlich aufhören, wenn eine Ehe scheitert. Dies unterstreichen seine Interviews und er betont: «Deshalb setze ich bewusst auf schonungslose Ehrlichkeit und auf die Kraft von wahren Geschichten.» (S. 11)

Nachvollziehbar und vorbildlich

Das Herzstück des Buches sind Schneiders Begegnungen mit fünf sehr unterschiedlichen Gesprächspartnern. Manus Frau eröffnete ihm irgendwann, dass sie ihn nicht mehr liebte. Seine Welt zerbrach, doch er entdeckte Gottes Timing in dieser Katastrophe – und die Liebe zu sich selbst. Rita und Björn konnten nicht mehr zusammenleben und liessen sich scheiden. Doch bereits kurz nach ihrem Gerichtstermin trafen sie sich erst zum Kaffeetrinken und dann zum Reden. Heute sind sie wieder verheiratet. Reiner blickt auf zwei gescheiterte Ehen zurück. Der Theologe fragt inzwischen provokant, ob Ehen nicht nur im Segen Gottes beginnen, sondern vielleicht auch gesegnet sterben können. Silke ist Paartherapeutin. Sie hilft anderen in ihren Beziehungen, während ihre eigenen Ehen scheiterten. Ähnliches gilt für Mickey, der viel zu früh heiratete, weil ihm seine Gemeinde erklärte: entweder trennen oder heiraten. Heute berät er andere Menschen in ihren Beziehungsschwierigkeiten.

Was hier in einem Halbsatz zusammengefasst ist, erzählt Daniel Schneider ausführlich, ohne Häme oder Beschönigung. Als Leser hat man den Eindruck, mit am Küchentisch zu sitzen und den Menschen ins Herz zu schauen. Die Mischung aus professioneller Distanz und persönlicher Betroffenheit tut dem Thema gut: Nie wird ein Gesprächspartner vorgeführt – und nie wird er heiliger gemacht als er ist. Gerade dadurch sind die Begegnungen nachvollziehbar und vorbildlich.

Ohne abschliessende «Moral von der Geschicht»

«Es gibt sicher viele Gründe für die Scheidung, aber der Hauptgrund ist und bleibt die Hochzeit.» Dieses augenzwinkernde Zitat des US-Komikers Jerry Lewis ist nicht das Fazit des Buches. Doch es unterstreicht seine Ausgangsbasis: Eine Ehe ist etwas Wunderbares, doch sie kann auch schiefgehen. Daniel Schneider geht zu keinem Zeitpunkt davon aus, dass Ehe so etwas wie ein Auslaufmodell ist, doch er stellt die Frage neu: Was passiert, wenn sie scheitert? Sein Buch bietet kein 5-Schritte-Programmm zur Versöhnung an, aber es zeigt ganz klar auf, dass Gottes Liebe noch lange nicht am Ende ist, falls eine Ehe zu Ende geht. Auf den letzten Seiten des Buches hält er fest: «Ich werde nie die Gefühlslage aller betroffenen Menschen, die eine gescheiterte Beziehung verarbeiten müssen, wirklich beschreiben können. Doch eins steht fest: Wir sind und bleiben geliebt. Von Gott. Deshalb müssen noch viel mehr Beziehungsgeschichten erzählt werden, die diese Liebe transportieren.»

Zum Buch:
Daniel Schneider: Tabu Trennung. Ein Journalist sucht Antworten. SCM-Verlag Witten. ISBN 978-3-7751-5758-2. 176 Seiten. EUR 14,95 / CHF 20,90

Zum Thema:
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Datum: 30.01.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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