Bibel und Koran

Sollen wir Angst vor dem Islam haben?

Pfarrer Bernhard Rothen gibt Kurse zum Thema «Bibel und Koran». Was steht im Koran wirklich, und wo liegen die Unterschiede zur Bibel?
Pfarrer Bernhard Rothen

Der heute im appenzellischen Hundwil wirkende ehemalige Basler Münsterpfarrer kommt zu aufschlussreichen Erkenntnissen. Wir bringen das gekürzte Interview aus idea Spektrum Schweiz.
 
Idea Spektrum: Bernhard Rothen, wie gehen Sie an den Koran heran?
Bernhard Rothen: Ich schaue vor allem, wo der Koran biblische Stoffe aufnimmt. Man kann mir vorwerfen, ich würde den Koran als eigenständiges Werk nicht genügend würdigen. Doch mich interessiert, was der Koran mit der Bibel macht.

Mit welcher Absicht geben Sie Kurse «Bibel und Koran»?
Meine Hauptabsicht ist, den Kursbesuchern die Augen dafür zu öffnen, was für ein phantastisch präzises, trostreiches, lebensnahes und befreiendes Buch die Bibel ist. Im Vergleich mit dem Koran zeigt sich, dass wir heute in den Kirchen und Freikirchen ganz ähnlich mit der Bibel umgehen, wie der Koran. Zum einen gibt es einen stark selektiven Zugriff. Zum andern wird deutlich, dass sich die Blickrichtung verkehrt: Während die Bibel eine Bewegung von Gott zu den Menschen beschreibt, bezeugt der Koran eine Bewegung vom Menschen zu Gott hin. Überspitzt gesagt: Ganz ähnlich, wie der Koran dazu dient, sich an Allah hinzugeben, ist oft auch bei uns die Anbetung dazu da, sich mit dem, was an der Bibel gefällt, an Gott hinzugeben. In meinen Kursen rede ich nicht über die Muslime. Die sind ja kaum anwesend. Vielmehr möchte ich, dass sich die Getauften im Spiegel des Korans fragen, was denn sie aus der Bibel machen.

Welche Fragen beschäftigen die Kursteilnehmer besonders?
Zum einen die Frage nach der Wahrheit. Die Leute möchten wissen: Wer hat recht? Ich selber glaube, dass die Bibel recht hat. Aber das heisst nicht unbedingt, dass die Christen recht haben. Zum andern steht die Frage im Raum, ob es berechtigte Gründe gibt, Angst vor dem Islam zu haben.
 
Sie bemühen sich nicht unbedingt um eine gewisse Neutralität?
Im Kurs ist von Anfang an deutlich gemacht, dass ich Pfarrer bin und mit der Bibel lebe und nicht mit dem Koran. Ich sage offen, dass ich persönlich überzeugt bin, dass die Bibel die Wahrheit offenbart. Die genaue Bibellektüre führt aber immer auch zur Kritik an vielem, was man voreilig als christlich deklariert hat.
 
Immer wieder heisst es, der Koran sei schwerer zu verstehen als die Bibel. Woran liegt das?
Ich stelle das in Frage. Die Bibel hat Eingang gefunden in unsere Sprache und steht uns darum näher. In vielen ihrer literarischen Gattungen ist sie tatsächlich leichter zugänglich. Die Josef- oder die Davidsgeschichten zum Beispiel lesen sich streckenweise wie ein Roman. Evangelientexte wie die Stillung des Sturms haben etwas unerhört Strahlendes. Aber um was geht es bei all dem? Im Koran ist das leichter zu fassen. Schon in der ersten Sure wird deutlich, dass es darum geht, zu Gott zu beten und auf der Seite derjenigen zu stehen, denen Gott gnädig ist, und nicht bei denen, die in die Irre gehen. Das ist die Hauptbotschaft des Korans, und das ist doch leicht zu verstehen.
 
Wie unterscheiden sich Bibel und Koran in ihrer Entstehung?
Das Alte Testament entstand über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren in einer einzigen Nation. Das Neue Testament entstand dann in kurzer Zeit in einem universal offenen Raum. Beide wurden durch viele Verfasser geschrieben. Ich selber glaube, dass dieses Entstehen durch den Heiligen Geist inspiriert war. Für den gläubigen Muslim ist der Koran im Himmel entstanden und von dort durch Mohammed an die Menschen vermittelt worden. Für uns nachvollziehbar ist er innerhalb von 22 Jahren in einem einzigen Kulturraum durch einen einzigen Verfasser ins Wort gefasst worden.
 
Wo liegen die wesentlichen Unterschiede im Aufbau der beiden Bücher?
Die Bibel ist von den literarischen Gattungen ein sehr reiches Buch, wohlgeordnet, mit viel erzählendem Stoff. Der Koran ist technischer aufgebaut nach den Längen der Suren und enthält wenig Erzählendes.

Er nimmt zwar Bezug auf biblische Erzählungen wie die Josef-Geschichte. Von Mohammed aber wird im Koran keine einzige Geschichte erzählt. Der inhaltliche Hauptunterschied besteht darin, dass der Koran seine Leser lehrt, an ein Buch, eben an den Koran, zu glauben. Die Bibel will erreichen, dass ihre Leser an eine Person, an Jesus Christus, glauben.
 
Der zentrale Punkt - knapp gesagt?
Sehr fokussiert: Die Bibel erzählt, was Gott getan hat und noch immer tut. Der Koran sagt, was die Frommen tun sollen und was dann auf sie wartet.
 
Was sagen Bibel und Koran über Jesus?
Die Bibel sagt, dass Jesus sein Werk tun musste, um uns zu erlösen von einer Not, die viel tiefer wurzelt, als wir je ermessen. Das konnte er nur tun, weil er das ewige, ein durch und durch gerechtes Leben mit sich gebracht hat von Gott. Der Koran ist diesbezüglich viel moderner. Nach seinem Verständnis braucht es kein Heilswerk, nichts, das einem Sühnetod gleichkommt. Wenn wir nur aufgeklärt werden über das Recht und das Unrecht, können wir das Gute wählen und auch tun. Darum ist Jesus nach dem Koran zwar- wie in den Evangelien angedeutet - von der Jungfrau Maria geboren. Aber er ist nicht gestorben. Wie er von der Erde gegangen ist, bleibt im Koran rätselhaft. Sicher hat er aber jetzt einen Ehrenplatz bei Allah.
 
Was sagt der Koran über Mohammed?

Er ist der Gesandte Gottes. Man muss ihm gehorsam sein. Was er in Mekka und Medina gemacht hat, steht nicht im Koran. Darüber lesen wir in zwei grossen Biografien, die hundert und zweihundert Jahre später entstanden sind, und in tausenden noch späteren Beispielsgeschichten.
 
Was sagen Bibel und Koran über die Stellung der Frau?
Das ist eine heikle Frage. Die Antwort kann schnell christlich selbstgerecht werden. Doch in den biblischen Texten gibt es tatsächlich eine starke Tendenz zur Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Die Abhängigkeit der Frau vom Mann erscheint als eine Folge der Sünde. Im Koran dagegen scheint durchgehend der Vorrang des Mannes durch die Schöpfung gegeben zu sein.
 
Inwiefern fordern Bibel und Koran die Mission?

In beiden Büchern gibt es einen starken Zug, mit der Botschaft hinauszudringen. In der Bibel steht der ausdrückliche Befehl Jesu, die Völker zu seinen Jüngern zu machen durch Taufe und Lehre. Einen vergleichbaren ausdrücklichen Befehl im Koran habe ich nicht in Erinnerung. Doch begegnet uns ganz selbstverständlich im Koran immer wieder der Aufruf, «in Allahs Wegen zu kämpfen», der Hingabe an Gott Raum zu schaffen.
 
Welches wären die Folgen, wenn der Koran überall wortwörtlich ausgelegt würde?
Wie bei jedem Buch wird auch beim Koran immer über die richtige Auslegung gestritten werden. Ist der Kampf geistig oder mit dem Schwert zu führen? Was ist die «wortwörtliche» Auslegung? Da sind sich die Gelehrten nicht einig. Für beide, für die Bibel und den Koran gilt, dass Menschen von ihren Worten ergriffen werden können und sie dann umsetzen möchten. Bei der Bibel ist entscheidend, ob man das Alte mit dem Neuen Testament zusammen liest. Wenn jemand dann übereifrig Jesus zu imitieren versucht, wird das womöglich lächerlich, aber bestimmt nicht gefährlich. Anders bei Mohammed. Er zog ganz offensichtlich selber in die Schlacht und macht Vorschriften, wie die Kriegsbeute zu verteilen sei. Wenn nur schon 1000 Menschen auf der Welt es ihm gleichtun möchten, wird es ungemütlich.
 
Ist der Koran ein gefährliches Buch?
Ich denke schon. Auch die Bibel kann ein gefährliches Buch sein, wenn ihre Worte mit menschlichen Absichten zielgerichtet eingesetzt werden. Der Koran ist insofern gefährlicher, als er von einem Mann kommt, der mit Waffengewalt gekämpft hat, um seine Herrschaft aufzurichten. Der Koran hat darum ein Gewaltpotenzial in sich, das nicht so radikal aufgebrochen ist, wie das in der Bibel der Fall ist. Die Bibel ist fokussiert auf Jesus, und der hat ganz offensichtlich nicht mit Schwert und Bomben gekämpft, sondern er hat selber – wie Sokrates – für sein Werk und Wort gelitten.
 
Bibel und Koran: Wer verbreitet die Wahrheit?
Für mich ist klar, und ich decke das nie zu: Die Bibel ist in ihrer grossen Vielfalt eine gewaltige Einheit, die mit einer geheimnisvoll strahlenden Klarheit ins Leben dringt. Was sie sagt, ist wahr: Derjenige, den die religiösen und die politischen Autoritäten verworfen haben, ist der Messias. Jesus ist auferstanden, er hat alle Macht im Himmel und auf Erden!

Diesen Artikel hat uns freundlicherweise «ideaSpektrum Schweiz» zur Verfügung gestellt.

Datum: 19.05.2012
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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