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Postmoderne: «Aussenseiterkirche mit Ausstrahlung»

 
Bührer Kurz
Verantwortung übernehmen für die Kirche von morgen: Der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer (links) und Alex Kurz an der LKF-Tagung.
Nicht andere Formen oder originelle Ideen werden die Kirche in der Postmoderne retten. Vielmehr ist das Evangelium neuartig zu denken und zu leben, gegen die durchdringende Logik des Marktes. Dies sagte der reformierte Theologe Alex Kurz am Samstag an der Tagung des Landeskirchen-Forums LKF in Zürich.

Nach dem Zerbrechen der «grossen Erzählungen» (Jean-François Lyotard), jener Leitvorstellungen, die bis 1945 den weltanschaulichen Rahmen der Moderne bildeten, hat sich laut Kurz ein Ersatz hergestellt. Nach 1990 hat sich «der Markt zur grossen Erzählung der Postmoderne entwickelt». Die Logik des Marktes - dass alles als Ware deklariert werden kann, - durchdringe jeden Lebensbereich. Zudem werden Medien wichtiger: «Wenn es nichts mehr gibt, was Menschen fraglos eint, kommt es zu sehr mühsamen Kommunikationsprozessen.»

Gelesen, aber nicht mehr verstanden
 
Jungen Beerle
Auf weitem Feld ist Kreativität gefragt: Die Pfarrer Bernhard Jungen (links) und Thomas Beerle.
Kirchen reagierten auf die neue Unübersichtlichkeit entweder mit Abschottung oder mit dem Versuch, als Autorität den religiösen Markt zu beeinflussen, sagte Kurz, Pfarrer in Rohrbach BE, vor den 70 Teilnehmenden der LKF-Tagung. So böten sich Reformierte für die Moderation interreligiöser Gespräche oder ethischer Debatten an. Doch würden sie von aussen anders gelesen, als sie sich selbst verstünden. Anderseits vergeistlichten Kirchen den Markt, was ähnlich verhängnisvoll sei. Dann werde Wachstum zum Segen erklärt, Kirche entsprechend Kundenbedürfnissen gestaltet und es entstünden «Gleichgesinntenvereine ohne Ausstrahlung nach aussen».

«Wir gehören nicht mehr zum Kern»
Doch wie das Evangelium im 1. Jahrhundert Sklaven und Freie, Juden und Griechen eins machte (Die Bibel, Galaterbrief, Kapitel 3, Vers 28), hat auch heute jene Kirche, die verschiedene Menschengruppen verbindet, mehr Ausstrahlung. Kurz sieht die Kirchen in der Postmoderne in einer «Aussenseiterrolle» - doch gerade da, von aussen, könnten sie schärfer wahrnehmen, was in der Gesellschaft abgehe.

Webseite von Pfr. Kurz' Kirchgemeinde Rohrbach

Experimentieren
 
Alex Kurz
Wenn das Brautpaar einen Geistlichen mit Bart für die Zeremonie wünscht: Pfr. Alex Kurz analysierte die Postmoderne.
Alex Kurz plädierte dafür, «den Markt zu instrumentalisieren mit der Logik des Evangeliums»: Mittel des Marktes einzusetzen, um die gute Botschaft von Jesus Christus zu leben und zu verkündigen. Dabei dürfe experimentiert werden, Fehler seien möglich und der richtige Zeitpunkt, der Kairos, entscheidend. Wenn der Christ als Vertreter eines religiösen Systems unter vielen angesprochen werde, solle er dies nicht abweisen, aber zugleich auch betonen, dass die Offenbarung ihm zur Wahrheit wurde. In der Postmoderne dürfe das Gebet nicht auf blosse Psychohygiene reduziert werden (was der Zeitgenosse versteht), sondern sei auch als Gespräch mit dem Herrn zu bezeugen. Zu entwickeln ist eine «Aussenseiterkirche mit Ausstrahlung, mit einer Theologie, die beantwortet, was Menschen fragen».

Thurgauer Perspektiven
In einem Grusswort skizzierte der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer Zukunftsperspektiven. Vielleicht bleibe die Kirche «eine Instanz für die Gesamtgesellschaft», doch eine nächste Generation werde von anderen Voraussetzungen ausgehen. Darum «braucht es einen Mentalitätswandel, der nicht so leicht herbeizuführen ist: vom Gewohnten zum bewussten Ja, den Glauben leben zu wollen, auch in einer Minderheitensituation.»

Webseite der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau

«Jahrhundert der Südkirche»
 
Markus Giger
Sowohl niederschwellig als auch verbindlich: Pfr. Markus Giger stellte die Arbeitszweige der Zürcher Streetchurch vor.
Die Tagung bot drei Kurzreferate. Martin Voegelin, der sich mit dem interkulturellen Brückenschlag beschäftigt, schilderte, wie Christen aus dem Süden die europäische Szene aufmischen. Vor 923 - und wieder seit 1981 - lebe die globale Mehrheit der Christen nicht im Norden. Das Zeitalter des westlich geprägten Christentums gehe zu Ende. Voegelin sprach sich dafür aus, dass einheimische Christen Ergänzung annehmen. Bereits gebe es über 200 von Afrikanern geleitete Gemeinden in der Schweiz. Eine Kirche, die Menschen verschiedener Ethnien aufnehme und verbinde, stifte Identität und leiste einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. «Wir lernen miteinander und aneinander - und wir suchen Gottes Perspektive im neuen Jahrtausend, das wahrscheinlich der Südkirche gehört.»

AGIK: Allianz-Plattform für interkulturelle Zusammenarbeit

Zu den Menschen gehen
 
Gespräch in der Pause.
Gespräch in der Pause.
«Die Kirche, wie wir sie kennen, muss neue Wege einschlagen, wenn sie künftig bestehen will.» Pfr. Thomas Beerle, der im Auftrag der St. Galler Landeskirche in der Region Werdenberg im Rheintal Neues versucht, betonte an der Tagung das Hingehen zu den Menschen. «Mit ihnen Glauben entdecken und neue Formen von Kirche entwickeln»: dies kann beispielsweise im Vermitteln und evangelischen Deuten bildender Kunst an einer Ausstellung geschehen. Kunst als Trägerin der Botschaft. Mit Freiwilligen baut Beerle ein Café für Asylbewerber auf - «dass Gruppen von Menschen entstehen, die auf den Glauben zu - und mit dem Glauben auf den Weg - gehen».

Projekte in der Region Werdenberg

 
Vögelin Martin
Die Christen aus dem Süden wahrnehmen: Martin Voegelin.
Verkündigung und Diakonie miteinander: So konnte sich die Zürcher Streetchurch entwickeln. Pfr. Markus Giger, ihr Leiter, betonte, ein jugendgerechter Gottesdienst stehe für Junge nicht im Vordergrund, sondern ganzheitliche Begleitung. «Wenn sie es nicht im Alltag erleben können, hat Gottesdienst und Kirche keine Relevanz.» Die Streetchurch, die von den reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich initiiert wurde, bietet neu eine ‚Lifeschool' für Jugendliche an, die sonst die Kurve nicht kriegen. «Saubere Jungs für saubere Fenster» gibt Jungen Arbeit - wenn sie sich verpflichten, ihr Leben in Ordnung zu bringen. In allem gelte es, «junge Menschen ganz ernst zu nehmen mit dem, was sie herumtragen», sagte Giger. Jugendarbeit sei jahrelange Beziehungsarbeit; um sie zu entwickeln, brauche das Team grosse Freiheiten.

Streetchurch Zürich 

Kirchenferne Schweizer
 
Buchegger Jürg
Facetten der Postmoderne: Pfr. Jürg Buchegger führte durch die Tagung.
Das abschliessende Podium nahm konkrete Fragen auf. Im Alltag der Kirchgemeinde, sagte Alex Kurz, soll man «parat sein, auf Situationen ohne grosses Konzept wach zu reagieren». Anderseits gehe es nicht darum, allen etwas bieten zu wollen. Thomas Beerle  empfahl den Teilnehmenden, bewusst in neue Bereiche, in eine bisher unbekannte Szene hineinzugehen. Viele Segmente der Bevölkerung lebten heute fern der Kirche. Martin Voegelin unterstrich, dass evangelische Gemeinden sich ergänzen können. LKF-Präsident Alfred Aeppli hielt fest, dass die Volkskirche ihr Grundangebot nicht streichen kann, wenn sie neue Schwerpunkte setzen will. Für Alex Kurz kommt es darauf an, dass Initiativen von kirchlichen Mitarbeitenden abzuspüren ist: Es gibt (nur) eine Kirche -nicht meine und diese und jene.

Webseite des Landeskirchenforums

Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch
Datum: 10.11.2009

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