Neue Dynamik für die Gemeinde - ein Londoner Modell
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Theologie für die Gemeinde, Spiritualität für geistliches Wachstum: Graham Tomlin setzt mit dem anglikanischen St Mellitus College in London neu an. |
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Gewinnt die Kirche der Zukunft in London Gestalt? Die Millionenstadt muss nicht gottlos enden. Eine Ahnung von dem, was lebendige Gemeinden dem Kontinent geben könnten, vermittelt Graham Tomlin. Er gestaltet theologische Bildung im Alphalive-Kontext neu und träumt von der Kirche, die die grossen Fragen provoziert, um sie zu beantworten. In der Weltstadt London leben Menschen von allen Ecken der Erde. Laut dem britischen Theologen Graham Tomlin gehen acht Prozent der Londoner regelmässig zur Kirche (deutlich mehr als im Landesdurchschnitt), die Hälfte sind Nicht-Weisse. «The biggest churches are all black.» Unter den anglikanischen Diözesen ist London eine der wenigen wachsenden. Im Norden des Landes schrumpft die Church of England rascher als im Süden. Dass London die Ausnahme ist, hat zu tun mit der Dreifaltigkeitsgemeinde im Stadtteil Brompton (Holy Trinity Brompton, HTB) und ihren 20 'church plants', Neugründungen von Innenstadt-Gemeinden seit 1990. Doch haben auch andere Pfarreien vereinzelt Tochtergemeinden gegründet, sagt Graham Tomlin. Der Dekan des neugegründeten anglikanischen St Mellitus College weilte letzte Woche für eine Alphalive-Tagung in Zürich. Der Alpha-Kurs (in der Schweiz Alphalive) wurde in Brompton lanciert und entwickelt. Gemeindegründung in der City Gemeindeneugründungen sind laut Tomlin einer der Schlüssel, um der Entwicklung der Church of England eine Wende zu geben: «Von vitalen, wachsenden Gemeinden mit Energie nehmen Sie etwas Leben und pflanzen es anderen Gemeinden ein, die mit Schwierigkeiten kämpfen. Dies kann mit einem Team geschehen. Oder Sie senden einen Pfarrer aus einer blühenden Gemeinden in eine andere.» HTB macht Schule: Von den anglikanischen Gemeinden der Hauptstadt, die theologisch liberal ausgerichtet sind, erwägen einzelne ebenfalls die Gründung von Tochtergemeinden. Dasselbe geschehe in katholischen Pfarreien. Wo der Heilige Geist weht...
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Die Gemeinde Holy Trinity Brompton in London. (Foto: HTB) |
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Welche Ziele verfolgt Graham Tomlin im Blick auf die Church of England? Mit theologisch klarer, traditionsbezogener Lehre soll der rechte Glaube gestärkt werden ('good credal orthodoxy'). «Noch wichtiger aber: das Leben, die Energie und die Dynamik des Heiligen Geistes soll in die ganze Kirche hinein fliessen. Der Heilige Geist bringt allen Christen Leben und Energie.» Dies ist für Tomlin eine der faszinierenden Erfahrungen mit dem Alpha-Kurs: «Wir erleben, wie durch Alpha der Geist zu Katholiken, zu Orthodoxen, zu Baptisten, zu Anglikanern kommt - zu allen. Unterschiede zwischen den Kirchen verlieren an Bedeutung, wenn der Geist kommt. Wenn er da ist, dann bringt er, wie es scheint, Einheit, Freundlichkeit, Liebe, Offenheit und Grosszügigkeit, wie wir sie sonst nicht kennen.» Transformation statt Stagnation «Wenn wir uns ernsthaft ums geistliche Wachstum von Menschen bemühen wollen, reichen mehr Bibelstudium und mehr Evangelisation nicht hin», sagt Tomlin in der Stadt Zwinglis. In verschiedenen Bereichen sei Wachstum erforderlich: dass sich das Denken, der Geist, das Handeln, der Charakter, kurz: die ganze Persönlichkeit entwickelt. «Christen sollen besser verstehen, worum es im Glauben geht. Sie sollen sich um Bedürftige kümmern. In der Beziehung zu Gott können sie wachsen - auch in der Freundschaft zu anderen Menschen. Und den Einsatz von geistlichen Gaben kann man üben.» Ein Programm für geistliches Wachstum habe diese Facetten alle einzubeziehen. Kirche ist kein Wartezimmer für den Himmel Die Kirche sollte geistliches Wachstum ebenso ernsthaft betreiben wie Evangelisation, sagt Tomlin im Blick auf evangelikale Gemeinden. Kirche kann kein Wartezimmer für den Himmel für Gerettete sein. «Wir wollen Evangelisation nicht weniger intensiv betreiben - aber auch bedenken, was geschieht, wenn jemand zum Glauben gekommen ist.» Geistliche Fitness
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In Leeds starteten 36 christliche Gemeinden im Oktober den Alphakurs gemeinsam, an einem Abend mit 1000 Besuchern. Links der HTB-Hauptpastor Nicky Gumbel. |
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Laut dem Londoner Theologen braucht die Kirche eine Vision geistlicher Reife. Er vergleicht den Weg dahin mit den konsequenten Bemühungen um körperliche Fitness in Fitnesscentern. «Die Leute sind gesund - aber sie wollen sich entwickeln und schwitzen dafür.» Ein Center gibt den perfekten Body vor - die Leute wissen, woraufhin sie trainieren, und erhalten Hilfe. Dies sollte im geistlichen Leben der Kirche ähnlich sein; sie sollte auf Demut, Freundlichkeit, Grosszügigkeit und Vergebung hinzielen. Diese Qualitäten geistlicher Reife sollten sich ausbilden. Graham Tomlin fragt sich, ob evangelische Kirchen der Verkündigung so viel Gewicht gegeben haben, dass anderes (Charakter, Engagement) zu kurz kam. Fünffach wachsen Graham Tomlin ordnet diese Charakter-Transformation in eine Gesamtstrategie für wachsende Gemeinden ein. In seinem Buch «The Provocative Church» hat er 2002 fünf Bereiche des Gemeindelebens beschrieben, unter ABCDE: Adoration (Anbetung) - Belonging (Dazugehören, Beziehungen) - Compassion (Zuwendung zu den Notleidenden) - Discipleship (geistliches Wachstum, Jüngerschaft) - Evangelism (Angebote für suchende Menschen). Wenn er Gemeinden berät, lässt er sie sich in diesen fünf Bereichen selbst bewerten. Eine tiefe Note in einem Bereich bedeutet Bedarf zu handeln - ohne dass die starken Bereiche leiden. Weiter Blick gibt Mut Entmutigten europäischen Christen empfiehlt Tomlin, sich die grosse Linie der Entwicklung des Christentums seit seinen Anfängen vor Augen zu halten: «Der Glaube an Christus ist weltweit am Wachsen.» In der Gemeinde im Stadtteil Brompton, die den Alpha-Kurs entwickelt hat, herrsche das Bewusstsein, Teil der einen weltweiten Kirche zu sein. Christen dürfen sich auch freuen darüber, was ihnen geschenkt ist: «Können Richard Dawkins und andere Freidenker Menschen heilen und von Süchten befreien?» Ohne Ende herausgefordert
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Von Alpha(live) begeistert: Graham Tomlin mit Rachel und Martin Stoessel in Zürich. |
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Nach wie vor ist Graham Tomlin begeistert vom Alpha-Kurs (in der Schweiz: Alphalive), der auf allen Erdteilen, zunehmend auch von Orthodoxen und Katholiken verwendet wird. «Alpha fordert uns anhaltende heraus zu überlegen, wie wir das Evangelium Menschen verständlich machen, die es noch nicht kennen.» Theologie für die Alpha-Bewegung Graham Tomlin stammt aus Bristol. Er erlangte in Oxford einen Englisch-Abschluss und studierte später Theologie, zusammen mit dem Alpha-Leiter Nicky Gumbel. Nach der Ordination zum anglikanischen Geistlichen arbeitete er drei Jahre in Exeter. Danach dozierte er in Wycliffe Hall, Oxford, historische Theologie und promovierte mit einer Arbeit über Paulus, Luther und Pascal.» 2005 holte Gumbel ihn nach London, um für HTB eine Bibelschule aufzubauen. In HTB hatte es zuvor einen samstäglichen Theologiekurs gegeben. Für Gumbel war klar, dass die Alpha-Bewegung theologisch gestützt werden musste. Das 2005 dafür gegründete St. Paul's Theological Centre hatte und hat vier Ziele: theologische Bildung für Nicht-Theologen, Leiterschaftstraining und Vorbereitung auf die Ordination, Beratung von HTB und internationale Verbreitung von Lehrmaterial. Laut Tomlin geht es darum, die (akademisch abgehobene) Theologie wieder ins Leben der Kirche zurückzubringen. Vom Bischof gefördert Richard Chartres, der anglikanische Bischof von London, hat St. Paul's und eine weitere Schule, den North Thames Ministerial Training Course, im neuen St Mellitus College verbunden. Tomlin ist sowohl bei HTB als auch bei der Londoner Diözese angestellt. Theologie und Kirche im Verbund, für den Alltag der Christen relevante Lehre, christliche Positionierung gegenüber säkularen Auffassungen: diesen Zielen sind beide Schulen von St Mellitus verpflichtet. Evangelicals bevorzugen St. Paul's, North Thames hat Studierende aus allen Strömungen der Church of England.
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Von der Themse an die Limmat: Graham Tomlin zwischen Prof. Ralph Kunz, Uni Zürich, und Pfr. Karl Flückiger (rechts), Fachstelle Gemeindeaufbau der Zürcher Landeskirche. Ganz links Martin Stoessel. |
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St. Paul's Theological Centre bietet dreierlei an: - Samstagskurs für interessierte Laien
- Montagskurs für ehrenamtliche Gemeindemitarbeiter (Jugend, Lobpreis)
- B.A.-Studiengang in Teilzeit für angehende anglikanische Priester
Die B.A.-Studierenden arbeiten 50 Prozent in einer Pfarrei. Derzeit studieren 45 Personen (ein Fünftel aus HTB und ihren Tochtergemeinden); das Centre strebt Jahresklassen mit 20 Personen an. Vorteilhaft ist das Programm für die Gemeinden, die einen halben Lohn zahlen, wie auch für die Kirche. Die Studierenden am St. Mellitus College spiegeln miteinander die Strömungen in der Church of England. «Wir wollen, dass sie alle etwas von der Gegenwart, der Wirklichkeit und Kraft des Geistes erleben.» Links zum Thema: St Paul's Theological Centre Holy Trinity Brompton Der Alpha-Kurs in Grossbritannien St Mellitus College Der Alphalive-Kurs in der Schweiz Der Alpha-Kurs in Deutschland Der Alpha-Kurs in Österreich
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch
Datum: 04.12.2009
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