Cyberkrank?

Professor Spitzer: «Medienkonsum kann Kinder dumm machen»

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Kleinkind mit Tablet auf Sofa
Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer warnt vor den Auswirkungen des Gebrauchs von Computern, Smartphones und Spielkonsolen. Er fordert eine Rückbesinnung auf die reale Welt. Ein Interview aus «Familie ist Zukunft» der Schweizerischen Stiftung für die Familie SSF.

SSF: Herr Professor Spitzer, Ihr neuestes Buch über die neuen Medien heisst «Cyberkrank!» und das davor hiess «digitale Demenz». Sind diese starken Worte wirklich begründet?
Manfred Spitzer: Ich möchte lediglich zeigen, dass die Benutzung von Computern, Fernsehern, Smartphones oder Playstations Gefahren mit sich bringt, die bei Kindern und Jugendlichen besonders gravierend sind. Die Gehirnentwicklung von Kindern wird beeinträchtigt, Aggressivität wird gefördert, Aufmerksamkeit gestört und der Bewegungs- und Schlafmangel führt oft zu Übergewicht.

Kurz: Es besteht die Gefahr, dass die Kinder dumm, aggressiv und dick werden. Dies ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ich habe es in beiden Büchern zusammen mit mehr als tausend Studien belegt.

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Prof. Manfred Spitzer
Sie gehören zu den renommierten Hirnforschern. Wie lässt sich wissenschaftlich belegen, dass Cyberkonsum unserem Gehirn schadet?
Zum Beispiel mit der Studie über eine Gruppe von Schülern im Alter von sechs bis neun Jahren, von denen die Hälfte für vier Monate eine Playstation bekam. Diese Studie haben Forscher an der Denison University in Granville, Ohio, durchgeführt. Sie kommt zu dem klaren Ergebnis, dass die Leseleistungen von Kindern mit einer Playstation signifikant schlechter sind als die der Kinder ohne Playstation, die sich in den vier Monaten deutlich verbessert hatten. Ähnlich war es beim Schreibtest. Auch die Schulprobleme der Kinder mit Playstation nahmen signifikant zu.

Für die Generation Google sind Computer, Smartphone und Co. völlig selbstverständlich. Können Kinder dabei nicht auch viel lernen, zumindest Medienkompetenz?
Zuerst einmal lernt man digital weniger als durch den Umgang mit der realen Welt. Es gibt Studien, die eindeutig zeigen, dass die sogenannten «Digital Natives» nicht nur über eine geringere Frustrationstoleranz verfügen, sondern auch über eine geringere Aufmerksamkeitsspanne. Das mit der Medienkompetenz klingt natürlich gut, ist aber nichts als ein Hype.

Reicht es nicht als Ausgleich, dass die Eltern auch mit dem Kind spielen, ihm vorlesen oder mit ihm rausgehen?
Nein. Wenn die Eltern pfundweise Süssigkeiten mit ihrem Kind essen und dann einmal in der Woche zum Turnen gehen oder einen Salat essen, dann wird es doch trotzdem dick. Bis zum zweiten Geburtstag können Kinder von digitalen Medien überhaupt nichts aufnehmen. Bis dahin verschwendet man also nur die kindliche Zeit und fördert Sprachentwicklungsstörungen. Aber auch danach gibt es Risiken: Eine grosse neuseeländische Langzeitstudie, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckte, hat ergeben, dass mehr Fernsehkonsum im Kindergartenalter direkt zu weniger Bildung im Erwachsenenalter führt. Die Bildungskarriere wird durch Medienkonsum erheblich beeinträchtigt.

Sie sind selber Familienvater. Wie sind sie in der Familie mit den Medien umgegangen?
Unsere Kinder schauten zwar hin und wieder bei Nachbarn Fernsehen, doch haben wir die Dosis durch den Schritt, den eigenen Fernseher aus dem Haus zu verbannen, drastisch reduziert. Und darauf kommt es an, denn die Dosis macht das Gift. Wir hatten auch einen Computer, den sie aber nur für Referate oder E-Mails benutzen durften. Onlinespiele waren bei uns verboten, und das wussten sie auch.

Was raten Sie Eltern heute, wo die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist?
Ich würde Nintendo, eine Playstation, einen iPod touch oder gar ein Smartphone meinem Zehnjährigen niemals kaufen, denn in diesem Alter ist man noch nicht reif für den weltweit grössten Tummelplatz Krimineller sowie den weltweit grössten Rotlichtbezirk. Ich verstehe auch nicht, wie Eltern genau das nicht verstehen können oder wollen!

Meine Empfehlung an die Eltern ist also ganz klar: Beschränkung! Je später die Kinder damit anfangen, desto besser ist es.

Kinder stehen unter einem enormen sozialen Druck, ein Smartphone zu haben. Sollen Eltern ihren Kindern das Handy verbieten?
Nein! Sie sollten ihrem Kind (also bis zum 14. Lebensjahr) keines kaufen! Was das Kind nicht hat, muss man ihm nicht verbieten. Wer seinem Kind ein Smartphone schenkt, verschenkt Schulprobleme, Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen, schlechte Noten und langfristig Krankheit und einen früheren Tod. Dies lässt sich belegen, es handelt sich hier also nicht um eine blosse Meinung.

Wir schenken Dreijährigen ja auch nicht unbegrenzt Bonbons, nur weil sie sich das wünschen. Vielmehr halten wir dagegen, im besten Interesse des Dreijährigen. Nichts anderes gilt für die digitale Informationstechnik. Nun werden Sie sagen, dass doch viele Medienexperten da anderer Meinung sind. Das ist richtig. Aber wenn Sie wissen wollen, ob Dreijährige Bonbons essen sollten, fragen Sie dann Experten für Dreijährige oder Experten für Bonbons?

Dieses Interview stammt aus der Zeitschrift «Familie ist Zukunft» der Schweizerischen Stiftung für die Familie SSF. Hier geht's zur Webseite der SSF.

Zum Thema:
Studie unter Eltern: Sorgenfaktor Smartphone
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Datum: 29.05.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Schweizerische Stiftung für die Familie (SSF)

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