Kurt Burger
Eine grössere Vision für Heilsarmee-Gemeinden
Im Unterschied zur Schweiz ist die Heilsarmee in den USA zusammen mit dem Roten Kreuz die bedeutendste Nothilfe-Organisation. Mit über 4000 Offizieren führt sie das umfangreichste Sozialwerk. Grosses leistet sie bei Katastrophen wie dem Wirbelsturm Katrina. Burger erwähnt im Gespräch mit Livenet das Erdbeben von Los Angeles 1994, das er selbst erlebte.
11. September 2001 im Pentagon
Am Morgen des 11. September 2001 sass Kurt Burger in Washington in einer Besprechung. Nachdem das gekaperte Flugzeug ins nahe Pentagon gekracht war, eilte er mit anderen Offizieren ins Anschlagsziel, um verstörten Beamten seelsorgerlich beizustehen. „In Uniform kamen wir ohne Check hinein. Niemand stoppte uns. Wir waren vor dem Roten Kreuz da, was in den USA wichtig ist. Bis Mitternacht beteten wir für Menschen und kümmerten uns um Feuerwehrleute."Ansehen durch wirkungsvolle Nothilfe
Wegweisend für die Heilsarmee in den USA war laut Kurt Burger das Erdbeben von San Francisco 1906. Die Katastrophe veranlasste die damalige Heilsarmee-Chefin Eva Booth in New York, alles verfügbare Geld einzusetzen. Im 1. Weltkrieg sandte die US-Heilsarmee Leute nach Frankreich. Sie munterten die Soldaten auf, verteilten Donuts, beteten für sie und förderten den brieflichen Kontakt mit den Angehörigen. Im 2. Weltkrieg richtete die Organisation Zentren ein, die die Soldaten wie Coffee Shops besuchen konnten. „Wir hatten auch Leute in Vietnam und im Irak."Die Armut in den USA ist viel grösser als in der Schweiz. Die Schere zwischen Arm und Reich habe sich in den letzten Jahrzehnten geöffnet, erzählt der Kommissär. „Das soziale Netz ist nicht so eng. Man erwartet von den Kirchen, dass sie den Armen helfen." In der Schweiz oder in Frankreich dagegen komme es einer Beleidigung für den Staat nahe, wenn man Armut feststelle. Die Glaubensgrundsätze der Heilsarmee sind weltweit dieselben, aber in Nordamerika wird vor allem die Sozialarbeit wahrgenommen; in der Schweiz sieht man die Heilsarmee mehr als Freikirche.
Die Heilsarmee bekannter machen
Was bringt Kurt Burger für die Tätigkeit im Herzen Europas mit? Der Heilsarmeeleiter verweist auf seine langjährige Fundraising-Erfahrung. Mehrere Sozialinstitutionen der Heilsarmee haben dringend renovationsbedürftige Gebäude; manche brauchen einen Neubau. Der Kommissär will die Heilsarmee besser positionieren, um die nötigen Mittel zu gewinnen. Umfragen zeigten, dass Schweizer zwar die Heilsarmee kennen, aber nur wenige sie spontan nennen, wenn man sie nach den bekannten Hilfswerken fragt. Burger folgert: „Wenn wir die Mittel für unsere Sozialarbeit langfristig auftreiben wollen, müssen wir unter jüngeren Leuten die Heilsarmee bekannt machen."Mut und Vision
Burgers Hauptziel für die nächsten Jahre ist nicht, operativ möglichst viel zu bewegen. Er will "einen starken, höheren geistlichen Ton setzen und die Moral heben". Der Kommissär kümmert sich um die Offiziere, um sie zu ermutigen und zu inspirieren, „dass sie eine grössere Vision für ihren Ort entwickeln und aggressiver werden".Offizier - auch ohne lebenslange Verpflichtung
Der schwache Offiziersnachwuchs macht Kurt Burger Sorge. 2008 begann nur ein Kadett die Offiziersausbildung an der Schule in Basel. Im Juni werden zwei Ehepaare ausgesandt und ordiniert. In der Schweiz wie in den USA erwartet die Heilsarmee keine lebenslange Verpflichtung von Kadetten; dies sei nicht mehr realistisch. „Ein Offizier gab uns zehn Jahre, bildete sich in Komposition weiter und trat nach dieser Zeit zurück. Heute ist er Musiklehrer in einer Schule - und uns weiterhin verbunden." Der Heilsarmeeleiter kann damit leben. „Wenn ich von einem fähigen Ehepaar zehn Jahre bekomme, danke ich Gott." Burger selbst ist von einer lebenslangen Verpflichtung ausgegangen. Klar ist für ihn: Es braucht immer eine Berufung, durch Gott, für einen speziellen Dienst; das sei in der Bibel bei Mose und anderen Personen zu erkennen.Suppe, Seife und Seelenheil im 21. Jahrhundert
In einer säkularen Umgebung geraten religiöse Motive von Helfern vermehrt unter Missionierungs-Verdacht. Ungläubige streichen die Aufdringlichkeit von Missionaren heraus, zumal sich, wie Burger bemerkt, der Sozialstaat die Versorgung der Armen auf die Fahnen geschrieben hat. Braucht es da noch religiös motivierte Hilfe? Der Kommissär ist überzeugt, dass der glaubensverbundene Dienst wirksamer ist. „Wir Menschen sind Leib, Seele und Geist. Für ein gesundes Leben müssen alle drei in Harmonie sein." Die Heilsarmee hebe sich von anderen Hilfsorganisationen dadurch ab, dass sie Menschen geistlich unterstützt. „Glück hängt nicht nur von den materiellen Umständen ab. Wir gehen auf alltägliche und auf geistliche Bedürfnisse ein und helfen ganzheitlich."Niederschwellig helfen
Die Heilsarmee ist in immer mehr armen Ländern tätig, ausserhalb der islamischen Welt und Chinas in den meisten. Der Aufwand in reichen Ländern mit ihren hohen Sozialstandards ist für ihn kein Problem. „Entscheidend ist, dass wir der westlichen Welt niederschwellig helfen: Wir bieten Obdachlosen Betten an - und mehr davon, wenn es draussen bitterkalt ist, etwa in Zürich." Der Kommissär erwähnt Drogenrehabilitationsprogramme, Kinderkrippen, das Lausanner Heim für psychisch geschädigte Menschen, das Altersheim für Senioren mit besonderen Bedürfnissen, Jugendarbeit und Beratungsstellen: „Für sozusagen jedes Problem, das auftritt, hat die Heilsarmee ein Programm, das es lösen hilft oder Erleichterung schafft - natürlich nicht in jedem Land und an jedem Ort."Mehr Pep für die Evangelisation
Die Kraft der Heilsarmee in unseren Breitengraden hängt auch ab von der Entwicklung der Korps, der örtlichen und regionalen Gemeinden. Burger findet, dass einige Heilsarmee-Gemeinden wenig tun, um Menschen anzusprechen. „Der Offiziersmangel und das Gemeindeleben sind meine grössten Anliegen." Die Sozialarbeit seiner Organisation in der Schweiz beeindruckt ihn; „von der Evangelisation kann ich das etwas weniger sagen, obwohl an manchen Orten Bemerkenswertes läuft."Burger gibt zu denken, dass manche Gebäude an Wochentagen kaum gebraucht werden. „Ich bin von den USA etwas anderes gewohnt: dass Jugendlichen geholfen wird, deren Eltern arbeiten." Das Kleinkinderprogramm ‚Babysong‘ sei in Zürich und Basel sehr erfolgreich - doch die meisten Korps integrierten ‚Babysong‘ nicht in die gesamte Arbeit. Der Kommissär wünscht mehr Dynamik im Gemeindeleben. So will er die Arbeit in den örtlichen Korps vermehrt auf Ziele ausrichten. Die Erfahrungen im weiten Westen Nordamerikas schimmern durch: „Können wir grösser denken und bereit werden, Risiken einzugehen, etwas zu wagen?"
Links zum Thema:Schweizer Homepage der Heilsarmee
Internationale Homepage der Heilsarmee
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