Als Helferin im Irak

«Es war mir eine Ehre, diesen Menschen zur Seite zu stehen»

Andrea Wegener war gerade für drei Wochen im Irak. In der kurdischen Autonomieregion in der Gegend von Erbil leistete sie humanitäre Hilfe. Eigentlich wollte sie Hilfsgüter in den syrischen Camps verteilen, doch dann kamen die geflohenen Christen aus Mossul… Die Mitarbeiterin von Campus für Christus Deutschland berichtet von ihren persönlichen Eindrücken.
Andrea Wegener als Helferin im Irak
Andrea Wegener bei der Hilfsgüterverteilung

Livenet: Andrea, was hat dich aus Mittelhessen in den Irak verschlagen?
Andrea Wegener: Ich leite die Öffentlichkeitsarbeit von Campus für Christus in Deutschland. Das Hilfswerk GAiN ist unser Partner für humanitäre Hilfe. Dort habe ich eine Ausbildung als ehrenamtliche Krisenhelferin gemacht. Als GAiN begonnen hat, im Irak zu helfen, wurde ich angefragt und bin mitgegangen.

Was motiviert dich zu solch einem Einsatz?
Eigentlich bin ich kein Typ, der von Nöten getrieben wird. Ich habe einfach Gaben, die gepasst haben: Ich bin zäh, Single, Notfallseelsorgerin und habe relativ viel Auslandserfahrung.

Wie sah dein Einsatz praktisch aus?
Geplant waren in erster Linie Hilfsgüterverteilungen in den Flüchtlingscamps. Doch kurz nach meiner Ankunft mussten alle Christen aus der Region um Mossul fliehen. Sie kamen in Scharen – mit nichts als ihrer Kleidung am Leib. Manche hatten noch nicht einmal ihre Brille und ihre dritten Zähne mitnehmen dürfen. Hunderte Familien waren jetzt mit dem Nötigsten zu versorgen. Wir haben ihnen Kleidung, Matratzen und Decken besorgt und sie verpflegt. Als Helferteam waren wir in der Gästewohnung einer christlichen Gemeinde untergebracht. Auch dort wurden Flüchtlinge einquartiert. Sie sassen also direkt bei uns in der Wohnung. Jede Menge traumatisierte Menschen waren nun unsere direkten Nachbarn.

Wie bist du als Frau in der Umgebung zurechtgekommen?
Im Team, auch mit den einheimischen Christen zusammen, gab es da überhaupt keine Probleme. Natürlich mussten in muslimischem Kontext unsere Männer im Vordergrund stehen. Dafür war es auch klar, dass ich als Frau keine Kisten schleppen muss… Allein auf die Strasse hätte ich wahrscheinlich nicht gehen können, doch dazu hatte ich sowieso keine Zeit.

Wie würdest du aus deiner Sicht die Situation im Irak beschreiben?
Verworren. Je mehr man sieht, desto weniger Lösungsmöglichkeiten sieht man. Gewalt scheint alles zu beherrschen. Ein einheimischer christlicher Leiter meinte dazu: «Hier kann es keine einfache Lösung geben. Bei uns kämpft immer jemand gegen jemanden anderen. Wir beten dafür, dass keine Unschuldigen zu Schaden kommen und setzen uns dafür ein, dass Menschen trotz dieser Umstände ins Reich Gottes finden.»

Was war dein traurigstes Erlebnis im Irak?
Das war in unserer Wohnung, als ich auf unseren Flur kam. Dort sass unser dreissigjähriger neuer Nachbar, sah sich auf dem Handy einen kurzen Film von seinem Zuhause an, das es nicht mehr gab, und brach dabei in Tränen aus.

Gab es auch ein besonders schönes Erlebnis?
Besonders eindrücklich war es für mich in einem syrischen Flüchtlingscamp, als ein muslimischer Vater mich zu seiner behinderten Tochter zog und auf sie zeigte. Ich fragte ihn, ob ich für sie beten könnte und er stimmte dankbar zu.

Auch die Gottesdienste mit irakischen Christen unterschiedlicher Prägung, die kurz vorher alles verloren hatten, waren sehr beeindruckend. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, an der Seite dieser Menschen Gottesdienst und Abendmahl zu feiern. Wir haben gemeinsam gebetet, ohne uns zu verstehen, und sind doch damit zum gleichen Gott gekommen.

Andrea, hat der Einsatz etwas mit dir gemacht?
Natürlich. Ich bin ganz neu dankbar für die Freiheit, die ich in Deutschland als Mensch und Christin habe. Und das fordert mich heraus, diese Freiheit auch zu nutzen. Auch die Bibel lese ich jetzt anders als vorher. Im Irak fühlte ich mich oft wie ins Alte Testament versetzt und Verse aus den Psalmen wie Psalm 3 sind mir emotional sehr nahe gekommen: «Ach Herr, wie sind meiner Feinde so viel und erheben sich so viele gegen mich! … Aber du, Herr, bist der Schild für mich.» Sogar Rachepsalmen klangen hier irgendwie richtig.

Viele Christen aus dem Irak werden mit ihren Hilferufen zitiert – und mit ihrer Angst alleingelassen. Was können wir tun?
Die Flüchtlinge brauchen tatsächlich alles: Nahrung, Kleidung, Matratzen, ein Dach über dem Kopf und vieles mehr. Ich habe gemerkt, dass auch das Zuhören ein ganz wichtiger Beitrag ist. Wenn ich als Europäerin ihre Geschichte hören wollte und gewürdigt habe, wussten sie, dass sich eben doch Menschen für sie interessieren.

Auch von hier aus können wir einiges tun: Die Menschen dort nicht vergessen, selbst wenn die Medien weniger berichten.

  • Für sie beten. Viele werden zwar als «Nazarener», also als Christen verfolgt, haben aber noch keine persönliche Beziehung zu Gott. Wenn sie schon um seinetwillen leiden, dann sollten sie Gott wenigstens kennenlernen.
  • Unsere Stimme erheben, z. B. durch das Unterzeichnen von Petitionen.
  • Und auf jeden Fall Hilfsorganisationen unterstützen, die sich dort unter muslimischen und christlichen Flüchtlingen engagieren

Datum: 08.08.2014
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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