Alternativ leben

Wenig Besitz, viel Beziehung

Familie Dätwyler lebt ihren Traum: Seit ein paar Monaten ist sie in einem Wohnmobil unterwegs und lebt ohne festen Wohnsitz. Den grössten Teil ihres Besitzes hat die Familie entweder verkauft oder verschenkt und nur noch einen kleinen Teil eingelagert.

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Familie Dätwyler
Doro und Jonas Dätwyler haben das alles nicht leichtsinnig getan, auch nicht über die Köpfe ihrer Kinder Benaja (7) und Jolina (5) hinweg. Die Reise in ein etwas anderes Familienleben begann bei den Dätwylers mit der Schwangerschaft des ersten Kindes. Doro, damals 29 Jahre alt, und Jonas, der drei Jahre jünger ist, besuchten gemeinsam einen Geburtsvorbereitungskurs. Die Kursleiterin zeigte herkömmliche Wege, aber auch alternative Ansätze. Das sprach die werdenden Eltern an und löste einen umfassenden Denkprozess aus. «Wir wollten unseren eigenen Weg gehen. Leben, was uns wichtig ist und auf dem Herzen liegt», erzählt Jonas.

Keine konditionierten Kinder

Beide stammen aus evangelisch-freikirchlichem Hintergrund. Doro erklärt: «Meine Eltern sind sehr offen und frei, was die christliche Prägung betrifft. Allein der Glaube an Gott zählt bei ihnen.» Diese Haltung leben Dätwylers genauso. Sie lieben Gott, vertrauen ihm, beziehen ihn in ihren Alltag, ihre Entscheidungen ein, aber traditionelle Kirchgänger sind sie schon länger nicht mehr. Doro und Jonas sind keine Rebellen, aber Menschen, die gewohnte Trampelpfade verlassen, wenn diese nicht ihrer Überzeugung entsprechen. Sie stellen manches infrage: die Art, wie wir mit Lebensmitteln und Ressourcen umgehen, auch die gängigen Erziehungsmodelle. Sie möchten, dass ihre Kinder nicht einfach konditioniertes Verhalten einüben, sondern zu eigenständigen Menschen heranwachsen.

Im Hamsterrad der Zwänge

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Familie Dätwyler
Dätwylers wohnten bis vor kurzem in einem Mietshaus in Wimmis. Jonas arbeitete als Automatiker, bildete im Betrieb Lehrlinge aus, begann mit einer Weiterbildung. Seine Arbeitstage waren lang. Wenn er nach Hause kam, dann fehlte ihm die nötige Energie, die er als Vater für seine beiden Kinder gebraucht hätte. Handwerklich begabt, renovierte und optimierte er im Haus. Einem Burnout nahe, stellten sich ihm bohrende Fragen: «Verpasse ich vor lauter Arbeit die Kindheit meiner eigenen Kinder? Will ich das?» Dem Ehepaar Dätwyler wurde bewusst, wie sehr sie sich aufrieben zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und den christlichen Forderungen. Genau das wollten sie nicht. Irgendwie musste es doch möglich sein, aus diesem Hamsterrad auszusteigen. Immer stärker wurde der Wunsch, in das zu investieren, was ihnen wirklich wichtig ist: in Beziehungen, und zwar zuallererst in die Beziehung zu den eigenen Kindern.

Aufbruch in ein freies Leben

Langsam reifte in ihnen eine Idee. Sie knüpften Kontakte zu Familien, die keinen festen Wohnsitz haben und ihre Kinder als sogenannte Freilerner (siehe unten) begleiten und unterstützen. Irgendwann war für Doro und Jonas klar: «Wir halten Ausschau nach einem Wohnmobil und beginnen, unseren Besitz zu reduzieren.» Zu jeder Zeit waren die Kinder Teil dieses Prozesses. Sie mussten keine Spielsachen weggeben, wenn sie nicht wollten – aber sie taten es doch. Jedem Kind steht jetzt im Wohnmobil eine Box zur Verfügung, die mit Lieblingssachen gefüllt ist. Was die Kinder nicht weggeben wollten, wurde bei den Grosseltern eingelagert und kann gelegentlich ausgetauscht werden. Seit Mai 2017 sind Dätwylers nun unterwegs. Bisher in Deutschland und in der Schweiz, demnächst brechen sie auf Richtung Schottland. Das Familien­leben hat sich entspannt. Jonas ist der Frühaufsteher und nutzt die Zeit am Morgen, um spazieren und beten zu gehen. Er ist dabei, ein Internetgeschäft aufzubauen. Doro begann sich schon von Wimmis aus als Coach weiterzubilden und betreut erste Kundinnen – über Skype – meistens am Abend. So hofft das Paar, genügend Einkommen zu generieren, um die verhältnismässig tiefen Fixkosten zu decken.

Die Kinder Benaja und Jolina geniessen das Leben, lernen durch natürliche Impulse, buchstabieren Wörter, die ihnen beim Spazieren oder sonst wo begegnen, turnen vor dem Wohnmobil. Die Eltern haben keine Bedenken, dass ihre Kinder durch diesen Lebensstil soziale Nachteile haben. «Sie haben zwar weniger Konstanz, aber vielfältigere Lernimpulse als andere Kinder», zeigen sich Dätwylers überzeugt. Sie lernen von anderen Kindern, von temporären Nachbarn, einfach so, wie es sich im Alltag gerade ergibt. Meistens vermissen Dätwylers nichts – Jolina ab und zu ihre Freundinnen und Jonas den Jodlerclub von Wimmis. Für die Eltern ist klar: Sie sind als Familie solange unterwegs, bis die Kinder sich nach einem festen Wohnort und einer gleichbleibenden Umgebung sehnen.

Freilerner (Unschooling)

Freilernen bezeichnet das vom jungen Menschen selbstgesteuerte Lernen in seinem jeweiligen Lebensumfeld, im Unterschied zum Schulunterricht und zur klassischen Form des Homeschooling. Beim Freilernen gibt es keinen geplanten Unterricht oder bestimmte Zeiten am Tag, für die schulähnliche Aktivitäten festgelegt sind. Dies in der Überzeugung, dass Lernen und Bildung immer und überall stattfinden. Die Kinder entscheiden selbst, welchen Interessen sie nachgehen wollen. Die Eltern vertrauen darauf, dass jeder junge Mensch wiss- und lernbegierig die Welt entdecken und verstehen möchte. Eltern und andere Bezugspersonen verstehen sich als Unterstützer und Begleiter der Lernprozesse, ohne diese bewerten oder lenken zu wollen.

 

Zur Webseite der Familie:
Ready for family

Zum Thema:
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Datum: 03.10.2017
Autor: Helena Gysin
Quelle: idea Spektrum Schweiz

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