Kommentar: Die Littering Generation und ihre Exzesse

Die schweigende Mehrheit in der City schluckt den dröhnenden Sound, wenn sie sich nicht präventiv verdrückt. Street Parade. Einmal im Jahr mengen sich PartygängerInnen, Möchtegern-Ausflipper und Voyeure zu Hunderttausenden ums Zürcher Seebecken. Das aufreizende Vorführen von sexy Outfits ist „geil" (mehr fällt Durchschnittsteilnehmern dazu nicht ein) und läuft rücksichtslos nach dem Motto: Wir haben heute Fun; alles andere ist mir egal.

Abgesehen von der Grippegefahr, die die Verantwortlichen „nicht dramatisierten": Die Polizei hat an diesem Regentag mehr zu tun als in früheren Jahren: „Die Stimmung war bereits am Nachmittag aggressiv. Zum Teil wurde exzessiv Alkohol und Drogen konsumiert", sagt die Polizeisprecherin Judith Hödl dem Tages-Anzeiger. „Wiederholt mussten wir auch die Sanitäter bei ihrer Arbeit unterstützen. Viele alkoholisierte Raver waren renitent und aggressiv. Da mussten wir helfen."

An der anschliessenden Mainstation-Party im Hauptbahnhof lassen viele Besucher, die dem Alkohol zusprechen, die Glasflaschen nach dem Konsum einfach - fallen. Dies führt zu zahlreichen Schnittverletzungen. Tausende pissen auf die Strasse, an die Wände. Das propere Zürich ist nach der Street Parade der grösste Abfallkübel der Schweiz. No problem. Nachteinsatz. Auf 70 Tonnen schätzen die Verantwortlichen die Abfallmenge. Die einen haben Fun, die anderen den Dreck. Und die Polizei entzieht Dutzenden auf der Autobahn den Führerausweis wegen der Promille am Steuer.

Ausgerastet - einfach so

Szenenwechsel ins beschauliche Baden. Ein Mann (77) und seine Frau (71) wollen am selben Samstagabend ins Kino. In der Innenstadt fragt er einen jungen Mann nach dem Weg. Ohne ersichtlichen Grund rastet der 21-Jährige, ein Schweizer, aus, packt den Mann und stösst ihn zu Boden. Der Frau schlägt er die Faust ins Gesicht; sie sinkt bewusstlos um, mit Kieferbruch und Zahnverletzungen. Der Täter wird von Passanten überwältigt.

Alarmierendes Gesamtbild

Die Rücksichtslosigkeit der Littering Generation („mein Unrat kümmert mich nicht") und die Exzesse in Sex, Rausch und Gewalt gehören zusammen, als verantwortungslose Selbstbezogenheit. Unsere Gesellschaft ist mit dem Jugendkult und der Überhöhung der individuellen Freiheit (inkl. laxer Umgang mit der Volksdroge Alkohol) in die Sackgasse gefahren. Die Milde im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern gibt zu denken - sie ist zu Recht das Sommerthema Nummer 1.

Zürich: eine sichere Stadt...

Im Januar 2007 streckt am Bahnhof Hedingen ein damals 16-Jähriger einen 39-jährigen Passanten mit einem Faustschlag nieder. Er stirbt tags darauf im Spital. Der Täter muss sich vor Gericht zudem für eine Schlägerei in einem Zürcher Klub verantworten, bei der zwei Jugendliche lebensgefährlich verletzt worden sind. Urteil: 21/2 Jahre bedingt. Zwei Schweizer (17 und 19) schlagen im Juli 2008 am Bahnhof Stadelhofen grundlos auf einen 34-Jährigen ein und stossen ihn auf die Geleise. Das Opfer kann von Augenzeugen gerade noch vor dem herannahenden Zug gerettet werden. Urteil: eine bedingte Geldstrafe von 75 Tagessätzen bzw. eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Monat.

„Kein Pardon"

Teenager bilden Jugendbanden und stehlen, drohen, erpressen, rauben, schlagen nieder. Nach der menschenverachtenden Tour der Goldküsten-Schläger in München hat der NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann Anfang Juli in seinem Kommentar gefordert: „Kein Pardon bei nihilistischer Gewalt". Noch immer könnten solche Täter vor Gericht mit Milde rechnen. „Auch in der Schweiz ist eine deutlich härtere Praxis dringend angezeigt." Bei solchen Tätern, denen nichts heilig ist, Verantwortungsbewusstsein anzunehmen sei naiv, schreibt Spillmann. „Gewalt dieser Ausprägung wird nur dann eingedämmt, wenn es gelingt, die Verantwortung zuallererst dort einzufordern, wo sie auch liegt: beim Elternhaus, in der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis - und bei den gewaltbereiten Jugendlichen selber."

Dem Bösen im Herzen begegnen

Was der Chefredaktor der noblen NZZ nicht aussprechen will: Im Herzen des Menschen steckt viel Böses, angefangen bei Geltungs- und Sicherheitswünschen, ausgeprägt im Willen zu dominieren. Durch die aktuellen Vorbilder, in Cliquen, Filmen und Games, wird Gewaltbereitschaft gehegt - bei einer Irritation im Ausgang sprechen gleich Fäuste und Messer. Verantwortung einzufordern kann nur gelingen, wenn wir von den Illusionen des herzensguten (jungen) Menschen Abstand nehmen und zum realistischen biblischen Menschenbild zurückkehren.

Ob unsere auf Individualismus getrimmte Gesellschaft dazu imstande ist? Nicht ohne eine christliche Werteerziehung, die a) den Menschen einlädt, sich von Gottes Geist zuinnerst erneuern zu lassen, b) auf Verantwortung und Integrität abzielt, c) Vergebung von Schuld und Wiederherstellung ermöglicht und d) individuelle Freiheit und Gemeinschaft aufeinander bezieht. Die säkulare Gesellschaft ist dazu offensichtlich nicht imstande - die Kirchen, die Christen und alle Bürger mit Zivilcourage sind gemeinsam herausgefordert.

Quelle: Livenet / Tages-Anzeiger, NZZ

Datum: 11.08.2009
Autor: Peter Schmid

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