Selfie-Kultur

«Das perfekte Aussehen ist unser Götze geworden»

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Die christliche Psychologin Lidia Martin analysiert die Image-zentrierte Kultur, in der wir leben, und erklärt, wie wir ein gesundes Verhältnis zu unserem Aussehen und Körper kultivieren können.

Privatsphäre ist in unserer Zeit schon fast ein Fremdwort. Soziale Netzwerke begleiten uns überallhin und so ist es nicht einfach, dem Druck, den die Gesellschaft auf uns ausübt, immer gut auszusehen, standzuhalten.

Vor einigen Monaten erklärte Instagram-Star Essena O‘Neill, dass sie Instagram verlasse und dass alle ihre Bilder «fake», also gestellt, waren (Livenet berichtete). Viele ihrer Follower waren überrascht, dass die 18-Jährige so viel Druck spürte, in jedem Bild «perfekt» auszusehen. «Ich tat es nicht bewusst, ich war einfach süchtig nach 'Likes' von anderen», erklärte sie hinterher.

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Lidia Martin, christliche Psychologin
Viele andere fallen wie Essena O’Neill in die Falle vom Druck der Gesellschaft, das perfekte Bild zu schiessen und möglichst gut auszusehen, was mitunter zu Essstörungen und sozialen und psychischen Problemen führt. Und es betrifft nicht nur Teenager: Auch viele Erwachsene versuchen mit allen Mitteln, ihre Falten und andere Makel loszuwerden oder ihre grauen Haare unter Farbe zu verstecken.

Das evangelische Nachrichtenprotal «Evangelical Focus» fragte deshalb die christliche Psychologin Lidia Martin, Autorin des Buches «Rescuing parents of Teenagers» (Eltern von Teenagern retten) nach ihrer Meinung zu der Image-zentrierten Kultur, in der wir leben und wie wir als Christen damit umgehen können.

Evangelical Focus: Glauben Sie, unsere Gesellschaft gibt dem äusseren Erscheinungsbild zu viel Gewicht?
Lidia Martin
: Die Bedeutung, die wir dem Körper geben, ist nicht nur unverhältnismässig sondern auch dekontextualisiert von der realen Welt, in der wir leben, und den Gesetzen, der sie folgt. Es scheint, wie wenn wir in einer Zeit leben, in der wir glauben, wir könnten die Zeit anhalten und Veränderung und den Zerfall unseres Körper kontrollieren, und so stecken wir viel Energie und Mühe in den Versuch, den Zerfall unseres Körpers zu verhindern. Wir haben einen Lebensstil, in dem das «Hier und Jetzt» alles ist, was wichtig ist, und der uns überzeugt, dass wir einen perfekten Körper haben können. Aber es ist nicht nur eine Frage der Zeit, körperliche Attraktivität ist viel mehr geworden als nur eine Visitenkarte oder die ersten Schritte, die zum ersten Eindruck führen. Unser Aussehen spricht über uns oder eher für uns, denn es ist nicht unüblich, dass gut aussehende Menschen nicht sprechen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Es hat den Anschein, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man den Schönheitsstandards entspricht.

Sehen Sie sich nur den Markt an, der darauf baut: Schönheitssalons, Kuren, Mode, Schönheitskliniken, Diättrends, etc. Wir können sehen, dass alle Bereiche der Gesellschaft, unabhängig ihres Alters oder ihres Geschlechts, davon betroffen sind. Aber nichtsdestotrotz ist es eine Energieverschwendung am falschen Ort, und es wird unterschätzt, was wirklich von Bedeutung ist.

Mit dem Boom der sozialen Netzwerke sind wir noch exponierter. Sind wir bereit dafür?
Die Menschen sind sich ihrer bewusster, gehen aber falsch damit um. Image ist unser Götze geworden. Alles muss schön sein, gemäss der heutigen Vorstellungen, und man scheut keinerlei Mühen, um Schönheit zu erreichen. Der Zweck heiligt die Mittel, egal, ob wir unsere Gesundheit, Beziehungen oder etwas anderes dafür opfern. Womöglich sind wir jetzt schöner, aber wir sind weniger glücklich, auch wenn wir es nicht wagen, das auf auf den sozialen Netzwerken preiszugeben. Wir zeigen unsere besten Profile und was wir die anderen über uns wissen lassen wollen. Und wir sind zufrieden, wenn wir viele Freunde haben, die diesen Teil unseres Lebens, den wir teilen wollen, preisen. Aber ich fürchte, dass wir nicht bereit sind für die Einsamkeit, die mit den Sozialen Medien kommt.

Ich habe vor kurzem gelesen, dass sich Menschen operieren lassen, nur um die Qualität ihrer Selfies zu verbessern. Gleichzeitig stellen andere vor der Hochzeit einen persönlichen Trainer an, um einen wohlgeformten Körper zu haben und auf den Fotos brillant aussehen. Mit allem Respekt, ich glaube, wir sind gefährlich weit weg vom Weg abgekommen. Was sagt die Bibel über körperliches Aussehen? Können wir unseren Körper pflegen ohne ihn zum Götzen zu machen? Ich sehe es so, dass uns Gott selbst unseren Körper gegeben hat, und dass unser Körper gut ist und wir ihn pflegen sollten – aber nicht mit dem Zweck, ihn anzubeten oder zu hassen, was Götzendienst gleichkommt und dazu führt, uns auf die falschen Probleme zu fokussieren und all unsere Energie in etwas zu investieren, das uns nicht weiterbringt, sondern uns nur versklavt.

Das Ziel ist, das, was Gott uns gab, zu hegen und pflegen, aber es nicht zu überbetonen. Der Körper ist unser «Fahrzeug» fürs Leben, unsere Visitenkarte. Aber wir sind Komplizen unserer eigenen Zerstörung, wenn wir diese Visitenkarten über uns bestimmen lassen und nicht dafür kämpfen, dass wir mehr sind als unser Körper. Wir sind Geist, Emotionen, Gedanken, Ideen, Träume, Projekte, Überlegungen, Meinungen, würdige Geschöpfe, egal, wie wir aussehen.

Und Homogenität war, so weit ich es verstehe, nie Gottes Plan. Im Gegenteil: Wir wurden alle einzigartig und nicht wiederholbar geschaffen. Er brauchte keine Modelle oder Vorlagen und zwingt uns nicht, in ihnen zu leben. Das Tragische ist daher, dass wir uns selbst versklaven, wenn wir unseren Körper in ein Gefängnis verwandeln, dessen Gitterstäbe wir jeden Tag polieren.

Zum Thema:
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Datum: 01.08.2016
Autor: Anja Janki / Daniel Hofkamp
Quelle: Livenet / Evangelical Focus

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