«Ein Vertrag mit Gott»

100 Jahre «Graphic Novel»-Erfinder Will Eisner

Will Eisners 100. Geburtstag wurde mit Ausstellungen und Neuausgaben gefeiert. Der jüdische Zeichner aus New York (1917-2005) erfand 1978 den Comic für Erwachsene, die «Graphic Novel» mit einer Geschichte über die Glaubenskrise eines jüdischen Einwanderers: «Ein Vertrag mit Gott».

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Will Eisner
Bis in die 1960er-Jahre hinein waren Comics leichte Bildergeschichten für Kinder. Das änderte Will Eisner. Der gebürtige Jude erzählte Geschichten in der Tradition eines John Steinbeck, allerdings mit eindrücklichen schwarzweissen Bildern.

Es begann mit «The Spirit»

Eisner wollte schon immer zeichnen, doch die Kunsthochschule konnte er aus finanziellen Gründen nie abschliessen. Er verlegte sich aufs Zeichnen von Comics für Zeitungen. 1940 entwickelte er hierbei sein Markenzeichen, die Figur des «Spirit». Dieser kämpft ohne die Superkräfte seiner «Kollegen» gegen Kriminelle. Seine Identität verbirgt er hinter einer schmalen schwarzen Augenbinde. Schon in diesen kurzen Comicgeschichten brach Eisner mit vielen damaligen Konventionen und experimentierte mit dramatischen Schattenwürfen, unkonventionellen Schnitten und ungewöhnlichen Blickwinkeln. Doch 1978 folgte nochmals ein deutlicher Schnitt.

Ein Jude verzweifelt an seinem Gott

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Will Eisner
«Den ganzen Tag schüttete es in der Bronx ohne Gnade …», beginnt Eisner seine Erzählung «Ein Vertrag mit Gott». Die ganze Stadt, mindestens die fiktive Dropsie Avenue, scheint zu versinken. Frimme Hersh, ein orthodoxer Jude, denkt dabei an die Arche Noah: «Nur die Tränen von 10'000 weinenden Engeln können solch eine Sintflut verursachen.»

Der Held der Geschichte ist nach Amerika geflohen und rechnet damit, dass Gott ihn nach all den Verfolgungen und Schwierigkeiten jetzt endlich segnen wird. Er schliesst deswegen sogar einen Vertrag mit ihm, den er auf einen Stein schreibt. Später setzt irgendjemand ein kleines Mädchen auf seiner Türschwelle aus und er sieht sie als Gottes Segen und Auftrag. Als sie krank wird und schliesslich stirbt, bricht für ihn eine Welt zusammen. «Nein. Nicht ich. Das kannst du nicht tun, Gott … Wir haben einen Vertrag!»

Hersh wendet sich von Gott ab und versucht erst Jahre später als inzwischen skrupelloser Immobilienhai eine Umkehr. Selbst mit seinem Tod ist die Geschichte nicht vorbei, denn Jahre später muss sich ein anderer Jude gegen Angreifer verteidigen. Er hebt dazu einen Stein auf und findet genau den Vertragsstein, den Frimme Hersh damals erbost weggeworfen hatte. Wird sich die Geschichte jetzt wiederholen?

Persönlich und packend

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Will Eisner (1970)
Comics sind meist sehr einfach gestrickt. Eisners Geschichten dagegen sind vielschichtig und zutiefst berührend. Er erzählte «Ein Vertrag mit Gott» nicht einfach so, sondern verarbeitete damit den eigenen Schmerz über den Verlust seiner an Leukämie erkrankten Tochter. So sind die Fragen, die er darin aufwarf, nicht akademisch: Hier ringt ein gottgläubiger Mensch damit, dass er Gott nicht mehr versteht. Der Graphic Novel umfasst mit anderen Mietshausgeschichten zusammen über 500 Seiten und gehört für Comicexperten zum Besten, was das Medium Comic je hervorgebracht hat. Dabei betonen sie, dass man bis heute von Will Eisner als Altmeister des Zeichnens lernen kann. Über das Schreiben, das Erzählen und das Leben selbst.

Die grossen Fragen des Lebens

Eisner zeigte in seinem «Vertrag mit Gott» die Spannung auf, die auch das Buch Hiob bestimmt: Was tut man als gläubiger Mensch, wenn das, was einem geschieht, in keinem Verhältnis zu dem steht, was man verdient hat? Ähnlich wie Hiob gibt auch Eisner keine Antwort auf diese Frage. Anders als bei Hiob entsteht am Schluss aber nicht der Eindruck, dass die Hoffnung siegt. Eisners Graphic Novel bleibt düster. Vordergründig könnte man sagen, dass es eben ein Fehler war, einen Vertrag mit Gott schliessen zu wollen, doch das wird der Figur des Frimme Hersh nicht gerecht. Er wollte Gott nicht erpressen, er wollte einen Bund mit ihm. Eisners Buch hat kein Happy End. Aber es zeigt in eindrücklichen Bildern, dass Gott eben nicht greifbar oder verfügbar ist. Dass sein Handeln manches Mal unverständlich bleibt. Es schliesst mit einem Fragezeichen. Lesenswert ist es trotzdem.

Zum Thema:
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Datum: 02.06.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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