"Hätte Gott die Welt auch anders erschaffen können?"

Ist unser Universum eher "lebensfeindlich", oder begünstigt es die Entstehung von Leben? Ist Leben Zufall, Vorsehung, Notwendigkeit oder Schöpfung? Die Antworten auf diese Fragen hängen laut Astrophysiker Martin Rees davon ab, wie man zuvor eine andere Frage beantwortet, die schon Albert Einstein stellte: "Hätte Gott die Welt auch anders erschaffen können?"

Martin Rees, Royal Society Research Professor in Cambridge und Königlich-Britischer Hofastronom, zählt zu den angesehensten Astrophysikern der Gegenwart. In seinem Buch: „Das Rätsel unseres Universums - Hatte Gott eine Wahl?“, hat er sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt.

Nachdenken über das Universum

„Die eigentliche Frage lautet: Weshalb gibt es überhaupt etwas? Was verleiht den physikalischen Gleichungen den Odem des Lebens und lässt sie zu einem tatsächlich existierenden Kosmos werden? Fragen wie diese liegen ausserhalb der Naturwissenschaften, sie gehören in den Bereich der Philosophie und der Theologie.

Für die Naturwissenschaft besteht das übergreifende Problem darin zu verstehen, wie ein einfaches, leicht zu beschreibendes Schöpfungsereignis zu dem vielschichtigen Kosmos führen konnte, von dem wir heute ein Teil sind. Handelte es sich um einen «natürlichen» Weg, oder sollten wir über den Verlauf der Entwicklungen erstaunt sein? Hätte es auch andere Universen geben können?

Die Suche nach den Antworten auf solche Fragen wurde früher als reine Spekulation abgetan, heute ist sie Teil der Naturwissenschaften. Die Geschichte der Kosmologie begann vor vielen tausend Jahren, und doch waren die Begeisterung und Aufregung über grundlegende Erkenntnisse selten grösser als heute.

Das Universum – ein Abbild unseres Körpers

Die Naturwissenschaft stärkt die Empfindung für das Ausserirdische. Menschen befinden uns nahezu in der Mitte zwischen Kosmos und Mikrowelt. Die Masse der Sonne entspricht ungefähr derselben Anzahl menschlicher Körper, wie es in jedem von uns Atome gibt. Unsere Existenz beruht auf der Eigenschaft der Atome, sich miteinander verbinden und die in allen lebenden Geweben vorhandenen komplexen Moleküle bilden zu können. Doch die Sauerstoff- und Kohlenstoffatome in unserem Körper sind die gleichen wie in fernen Sternen.

Der technische Fortschritt, insbesondere in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, hat die Einsichten in unseren kosmischen Lebensraum erweitert. Raumsonden haben uns von allen Planeten unseres Sonnensystems Bilder übermittelt, und die neue Technologie erlaubt es auch, diese Form der kosmischen Erkundung einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Als das Hubble-Raumteleskop Bilder von einem Kometeneinschlag in den Planeten Jupiter übermittelte, konnten Millionen von Menschen diese Bilder nahezu zeitgleich im Internet verfolgen. Im ersten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden Raumsonden über die Marsoberfläche rollen und sie überfliegen, sie werden auf dem riesigen Saturnmond - Titan - landen, und sie werden Bodenproben vom Mars sammeln und zur Erde zurückbringen.

Unser Universum erstreckt sich um das Millionenfache weiter als die entferntesten Sterne, die wir mit blossem Auge wahrnehmen, bis hin zu Galaxien, deren Licht über zehn Milliarden Jahre unterwegs ist, ehe es uns erreicht. Die Bezeichnungen bizarrer kosmischer Objekte - Quasare, schwarze Löcher, Neutronensterne - gehören heute zum allgemeinen Wortschatz und ihre Bedeutung vielleicht sogar zum Allgemeinwissen. Wir wissen heute, dass der grösste Teil der Substanz in unserem Universum nicht aus gewöhnlichen Atomen besteht, sondern aus geheimnisvollen dunklen Teilchen oder einer Form von Energie, die den gesamten Raum durchdringt.

Eine tiefere Einsicht in die Natur von Raum und Zeit könnte unsere Vorstellungen vom Kosmos erweitern und dabei andere Universen jenseits dem unsrigen mit einbeziehen. Dazu gehören vielleicht zusätzliche räumliche Dimensionen oder auch andere Konzepte, die sich von unserer intuitiven Wahrnehmung derart unterscheiden, dass wir sie - falls überhaupt - nur mit Schwierigkeiten verstehen können. Erstaunlich ist schon allein die Tatsache, dass diese Ideen überhaupt Eingang in unsere Forschung gehalten haben.

„Unverständlich, dass es sich verstehen lässt“

Das allgemeine Bild, das wir von Albert Einstein haben, besteht nicht nur aus dem einseitigen und ehrgeizigen Forscher, der er in seiner Jugend mal gewesen sein mag, sondern auch aus dem gütigen, etwas zerzausten Weisen, zu dem er in seinen späten Jahren in Princeton wurde. Einer seiner meistzitierten Aphorismen lautet: «Das Unverständlichste an unserem Universum ist, dass es sich verstehen lässt.» Damit bringt er sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass die physikalischen Gesetze, die wir irgendwie mit unserem Verstand begreifen können, nicht nur auf der Erde gelten, sondern überall, wo wir hinschauen. Unser Universum hätte auch anarchische Züge aufweisen können, in dem die Atome und die zwischen ihnen wirkenden Kräfte in anderen Teilen des Kosmos auch ganz anderen Gesetzen unterliegen, als wir sie hier auf der Erde vorfinden. Doch selbst die Atome in den entferntesten Galaxien scheinen sich nicht von den Atomen in unseren Laboratorien zu unterscheiden. Ohne diese vereinfachende Struktur würden wir unsere kosmische Umgebung weit weniger verstehen.

Doch wie steht es mit den vielen Dingen, die uns unverständlich bleiben? Eine der grössten wissenschaftlichen Herausforderungen ist unsere Biosphäre - eine kaum nachvollziehbare Komplexität und Vielfalt an Organismen, Ökosystemen und Gehirnen. Meine Interessen gelten Themen, die leichter zu begreifen sind: der Suche nach den zugrunde liegenden Gesetzen, die sowohl in der Mikrowelt der Atome als auch in der Makrowelt des Kosmos gelten. Man möchte verstehen, wie sich aus diesen Gesetzen die Entstehung von Planeten, Sternen und Galaxien beschreiben lässt.

In den letzten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstand innerhalb der Astronomie ein neuer und aufregender Forschungszweig: die Entdeckung von Planeten um andere Sterne. Der Nachthimmel wird bald weitaus interessanter sein: Wir werden Sterne nicht mehr nur als einfache Lichtpunkte am Himmel sehen, sondern mit vielen von ihnen werden wir ein Gefolge von Planeten in Verbindung bringen können, deren wesentliche Eigenschaften wir erforschen können.

Dennoch unverstanden

Die Verknüpfung von Kosmos und Mikrowelt erfordert allerdings noch einen wissenschaftlichen Durchbruch. Die Physik des zwanzigsten Jahrhunderts ruhte auf zwei grossen fundamentalen Theorien: der Quantentheorie (welche den «inneren Raum» der Atome beschreibt) und Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Zeit, Raum und Gravitation beschreibt, aber keine Quanteneffekte berücksichtigt. Auch heute noch ergeben sich aus beiden Theorien verschiedene Strukturen. Solange es keine vereinheitlichte Theorie aller Kräfte gibt, die sowohl den Kosmos als auch die Mikrowelt umfasst, haben wir die wirklich grundlegenden Eigenschaften unseres Universums nicht verstanden. Diese Eigenschaften bestimmten und prägten unser Universum, als es noch eine Ausdehnung hatte, bei der jede Quantenfluktuation das gesamte Universum erschütterte.

In seinen späteren Jahren widmete sich Einstein tiefen Fragen, die vermutlich im einundzwanzigsten Jahrhundert auf ein grösseres Interesse stossen werden, als es jemals im zwanzigsten Jahrhundert der Fall war. Die letzten dreissig Jahre seines Lebens beschäftigte er sich vergeblich (und, im Nachhinein gesehen, viel zu früh) mit der Suche nach einer vereinheitlichten Theorie der Physik. Werden wir eine solche Theorie - die Vereinigung von Gravitation und Quantentheorie und eine damit einhergehende Wandlung unserer Vorstellungen von Raum und Zeit- in den kommenden Jahrzehnten finden?

Die derzeit grössten Aussichten auf Erfolg hat ein Konzept, das unter dem Namen «Superstring-Theorie» oder M–Theorie bekannt ist. Nach dieser Theorie besteht jeder Punkt unseres gewöhnlichen Raumes aus einer Art enggefaltetem Origami von sechs zusätzlichen Dimensionen, die auf einer Skala aufgerollt sind, die vermutlich Trillionen Mal kleiner ist als ein Atomkern. Teilchen entsprechen in dieser Theorie schwingenden «strings» (eindimensionalen, seilähnlichen Objekten). Doch nach wie vor besteht eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen dieser komplizierten mathematischen Theorie und allem, was wir tatsächlich messen können. Trotzdem sind die Anhänger dieser Theorie davon überzeugt, dass die String-Theorie einen guten Funken Wahrheit enthält und dass wir sie ernst nehmen sollten.

Unser Universum hat perfekte Bedingungen

Ein biophiles Universum - ein Universum mit günstigen Bedingungen für die Entstehung von Leben - muss in vielerlei Hinsicht besonders sein. Die notwendigen Voraussetzungen für die Entstehung von Leben - stabile, langlebige Sterne, ein Periodensystem von Atomen mit der Möglichkeit zu beliebig komplexen chemischen Verbindungen etc. -hängen sehr empfindlich von den physikalischen Gesetzen ab. Würden sich die Naturgesetze oder die Naturkonstanten auch nur etwas von ihrer tatsächlichen Form unterscheiden, hätte wir nur ein totes Universum - ohne Atome, ohne Chemie und ohne Planeten - hervorgebracht. Oder aber das Universum hätte nicht lange genug existiert oder wäre zu leer gewesen, um irgendetwas anderes als leblose Eintönigkeit zu enthalten. Die besonderen, offenbar ausgezeichneten Naturgesetze und Naturkonstanten, die wir in unserem Universum vorfinden, sind ein tiefes Rätsel das nicht einfach als reine Tatsache beiseite geschoben werden sollte.

Nur ein mögliches Universum?

Wie wir mit diesem Rätsel umgehen, hängt mit der Antwort zu einer anderen berühmten Frage Einsteins zusammen: «Hätte Gott die Welt auch anders erschaffen können?» Unser Universum und die in ihm geltenden Naturgesetze könnten sich als die einzige mögliche Lösung einer fundamentalen Theorie erweisen - mit anderen Worten: vielleicht gibt es nur eine Form von Universum.

Die Antwort kann man erst finden, wenn eine wirklich fundamentale Theorie zur Verfügung steht. Jede Antwort, die nicht auf einer solchen Theorie basiert, wäre reine Vermutung. Trotzdem beschäftigt sich dieses Buch auch mit den faszinierenden Konsequenzen, die sich aus einem «Ja» als Antwort auf Einsteins Frage ergeben: Gott hatte eine Wahl bei der Erschaffung des Universums.“

Über den Autor
Martin Rees, Royal Society Research Professor in Cambridge und Königlich-Britischer Hofastronom, zählt zu den angesehensten Astrophysikern der Gegenwart. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er mehrere bedeutende Auszeichnungen, darunter die Gold Medal der Royal Astronomy Society, den Heinemann Prize for Astrophysics sowie den Cosmology-Prize der Peter Gruber Foundation. Seine auch in Deutsch erschienenen Bücher Vor dem Anfang. Eine Geschichte des Universums (1999) und Schwarze Löcher im Kosmos (2000) gelten als beispielhafte populärwissenschaftliche Darstellungen.

Martin Rees
Das Rätsel unseres Universums
Hatte Gott eine Wahl?
2003. 218 Seiten
Einband: Gebunden
Verlag: BECK
Bestell Nr.: 1555
ISBN: 3406509002
Preis: 19,90 EUR

Autor: Martin Rees
Quelle: Amazon/Livenet

Datum: 09.09.2003

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