Lehrerbildung

Klassenlehrer als Rückgrat der Volksschule

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Für den gegenwärtigen Lehrermangel werden mangelnde Karrieremöglichkeiten und zu tiefe Löhne als Ursachen genannt. Hanspeter Amstutz, erfahrener Sekundarlehrer und Mitglied des Bildungsrates des Kantons Zürich, weist im Pressedienst der Schweizerischen Stiftung für die Familie SSF auf andere Aspekte hin, warnt vor Holzwegen in der Lehrerbildung und zeigt Perspektiven auf:


Es bringt immensen Schaden für unsere Volksschule, wenn an den Pädagogischen Hochschulen vom bewährten Ausbildungskonzept mit vielseitig ausgebildeten Klassenlehr-personen abgerückt wird. Die Herausforderungen des Schulalltags zeigen deutlich, dass die von den Hochschulen geforderte Fachkompetenz allein noch lange kein Garant für eine erfolgreiche Unterrichtstätigkeit ist. An allen Schulen werden heute Generalisten, die eine breite Fächerpalette abdecken können und Kontinuität in die pädagogische Arbeit bringen, schon fast verzweifelt gesucht. Doch die Hochschulen scheint das kaum zu kümmern. Sie legen keinen allzu grossen Wert auf die Ganzheitlichkeit der Bildung. Dabei sind Lehrerpersönlichkeiten, die sich für eine Klasse verantwortlich fühlen und eine gute Beziehung zu den anvertrauten Schülerinnen und Schülern aufbauen, das eigentliche Rückgrat unserer Volksschule.

Klassenlehrpersonen brauchen bessere Rahmenbedingungen

Damit Klassenlehrpersonen erfolgreich unterrichten können, müssen zuerst einmal die schulischen Rahmenbedingungen vorhanden sein. Einerseits ist eine Schulstruktur erforderlich, die das Unterrichten in zusammenhängenden Stundenblöcken erlaubt. Ein Stundenplan einer Klassenlehrperson mit einem Flickenteppich an Einzelstunden ist nicht geeignet für pädagogische Aufbauarbeit. Auf der andern Seite ist ganzheitlicher Unterricht nur mit Lehrkräften möglich, die eine breite Fächerpalette abdecken können.
Klassenlehrpersonen haben die Chance, im Rahmen eines Schulmorgens den Unterricht rhythmisierend zu gestalten. Sie spüren, wenn die Aufnahmefähigkeit der Jugendlichen an Grenzen stösst, sie wechseln bei Bedarf die Lernformen und sie haben im Laufe eines Morgens Zeit, sich dem Einzelnen zuzuwenden. Sie lernen Jugendliche in unterschiedlichen Lernsituationen kennen, sehen so besser ihr spezifisches Entwicklungspotenzial und können sie individuell fördern. Gut ausgebildete Generalisten werden alles daran setzen, auch schwächeren Schülern immer wieder schulische Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.
Werden Klassenlehrpersonen aber nur in verstreuten Einzelstunden eingesetzt, muss die pädagogische Aufbauarbeit oft in entscheidenden Phasen wieder unterbrochen werden. Meist sind die Jugendlichen bereits beim Zusammenpacken, wenn noch wichtige Einzelgespräche stattfinden müssten. Wie soll da eine tragfähige pädagogische Beziehung entstehen?

Umfassende Förderung der Lehrerpersönlichkeit

Die neue Lehrerbildung stellt die fachliche Professionalität der Lehrerbildung ins Zentrum ihres Ausbildungskonzepts. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Dennoch scheint man allmählich zu erkennen, dass noch etwas Entscheidendes fehlt: Die Förderung einer relativ breit ausgebildeten Lehrerpersönlichkeit mit einer hohen Kompetenz auf der Beziehungsebene.
Die gegenwärtige Auffassung der Professionalität im Lehrerberuf geht von einer zu technokratischen Vorstellung von Schulbildung aus. Solide, ja wenn möglich ausgezeichnete Kenntnisse in einem Fachgebiet und methodisch-didaktisches Wissen sind Voraussetzungen für guten Unterricht. Aber für eine erfolgreiche Unterrichtstätigkeit braucht es noch mehr. Die Praxis zeigt, dass die innere Motivation einer Lehrperson, eine ihr anvertraute Klasse zu den gesteckten Zielen zu führen, die stärkste Kraft für anhaltenden beruflichen Erfolg ist. Für diese zentrale Aufgabe in der Volksschule sollten Studierenden an den Pädagogischen Hochschulen umfassend vorbereitet werden.

Klassenlehrpersonen als pädagogische Unternehmer

Eine Klassenlehrperson sollte praxisnah darauf vorbereitet werden, mit zwanzig jungen Menschen im gleichen Boot auf Entdeckungsfahrt zu gehen, und sie darf von ihrer Aufgabe überzeugt sein. Ja man darf auch von einer inneren Berufung sprechen. Ist diese nicht vorhanden, droht sie an einer der vielen Klippen des Berufs zu scheitern. Trotz dieser offensichtlichen Erkenntnisse scheint man bei der neuen Lehrerbildung starke Bedenken zu haben, die Lehrperson als pädagogischen Unternehmer mit einer Führungsfunktion zu sehen Doch genau mit dieser Abwehrhaltung stösst man die besten Kräfte vor den Kopf. Bei allem Verständnis für die schwierige Positionierung der Pädagogischen Hochschulen im akademischen Wettbewerb muss daran erinnert werden, dass letztlich nur ein wirklich praxisnahes Ausbildungskonzept unserer Volksschule dient.

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Hanspeter Amstutz

Für ein Nebeneinander von Generalisten und Spezialisten

Ich plädiere für eine Lehrerbildung, die zwei Grundtypen ausbildet: Den Generalisten mit relativ breiter Fächerpalette als eigentliche Klassenlehrperson und die in Teilbereichen fundiert ausgebildete Fächergruppenlehrkraft. Zurzeit werden die Studierenden der Pädagogischen Hochschulen in vier Fachbereichen wissenschaftlich ausgebildet. Dieses Konzept halte ich beim Generalisten für verfehlt. Rückmeldungen von Studierenden lassen den Schluss zu, dass bei vielen schriftlichen Arbeiten in den einzelnen Fachbereichen der Bezug zu Bildungsinhalten der Schulpraxis nicht mehr vorhanden ist. Hier liegt ein umfangreiches zeitliches Sparpotenzial vor, das für eine effizientere Lehrerbildung genutzt werden sollte.

Theorie und Praxis besser verknüpfen

Meiner Meinung nach wäre es ausreichend, wenn Studierende mit der Zielstufe Sekundarschule B oder Primarstufe eine vertiefte theoretische Ausbildung in zwei Fachbereichen erhielten, um mit dem wissenschaftlichen Denken vertraut zu werden. In den übrigen Fachbereichen müssten die Pädagogischen Hochschulen über ihren eigenen Schatten springen und die Stoffvermittlung im Sinne von mehr Praxisnähe neu  konzipieren.
Was heisst das? Die Studierenden wären in den direkt praxisbezogenen Ausbildungsbereichen mit schulrelevanten Inhalten zu konfrontieren und gleichzeitig exemplarisch an diesem Stoff in der entsprechenden Fachdidaktik auszubilden. Konkret könnte dies bedeuten, dass die geografische Wissensvermittlung über Afrika mit der Arbeit schulerfahrener Fachdidaktiker koordiniert würde.
Es bleibt die Frage, ob ein Studium, bei dem in gewissen Fächern eine Erweiterung des schulnahen Wissens mit einer methodisch-didaktischen Verzahnung stattfindet, ebenfalls als akademische Leistung anerkannt wird wie ein Fachlehrerstudium. Diese attraktive Form des praxisbezogenen Wissenserwerbs muss nicht neu erfunden werden, sie hat seinerzeit am Zürcher Reallehrerseminar in vielen Fächern bei den Studierenden grossen Anklang gefunden. Ein  gewisses Umdenken in der Lehrerbildung wäre eine Voraussetzung, um für den anspruchsvollen Beruf des pädagogischen Generalisten genügend Studierende zu gewinnen.

Pädagogische Gestaltungskraft der Klassenlehrpersonen prägt Volksschule

Die Volksschule braucht sowohl Generalisten wie Fachlehrkräfte mit besonderer Ausbildung. Warum nicht beide Wege in der Lehrerbildung zulassen? Der Lehrerberuf kann auf verschiedene Weise ausgeübt werden. Kompetente Fachlehrkräfte und Fächergruppen-Lehrpersonen können neue Ideen in ein Schulteam einbringen und die Schüler begeistern. Anderseits werden an unseren Schulen gut ausgebildete Klassenlehrpersonen dringend gesucht, da sie für die nötige Stabilität im Erziehungsbereich sorgen.
Ein vollständiger Verzicht auf die Ausbildung von Generalisten hätte zweifellos zur Folge, dass der Lehrerberuf für viele Studierende mit pädagogischer Gestaltungskraft weiter an Attraktivität einbüssen würde. Damit ginge ein grosses Stück Unternehmergeist an unserer Volksschule verloren. Der Ball, um diese Entwicklung zu verhindern, liegt jetzt bei den Pädagogischen Hochschulen. Akademisierte Ausbildungskonzepte können wir uns beim gegenwärtigen Lehrermangel einfach nicht mehr länger leisten. Unsere Volksschule ist auch in Zukunft auf ganzheitlich denkende Lehrerpersönlichkeiten mit solider Ausbildung angewiesen.
 

Datum: 05.09.2010
Autor: Hanspeter Amstutz
Quelle: Livenet/ SSF

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