Bildung
Was sollen die Schüler lernen?
In der Volksschule geht es um mehr als Wissen: Welche Werte stehen im Vordergrund? Dies steht bei der Erarbeitung eines Deutschschweizer Lehrplans zur Debatte. Ihrem Ziel, nach HarmoS mit dem «Lehrplan 21» die kantonalen Schulsysteme feiner abzustimmen, glauben die Erziehungsdirektoren näher gekommen zu sein.Die Arbeitsgruppe der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren informierte am Donnerstag in Luzern die Medien über die Vernehmlassung zum Grundlagenbericht, der die Stossrichtung des gemeinsamen Lehrplans skizziert. Die Vernehmlassung ergab bei mehrheitlicher Zustimmung auch viele teils ausgefallene Sonderwünsche, die die weltanschauliche Vielfalt in der Gesellschaft widerspiegeln. Es geht um Inhalte wie Religion und Sexualität, um die Fächerstruktur und Ziele.
Die Arbeitsgruppe schlug im Grundlagenbericht zum Lehrplan 21 einen «Fachbereich Ethik, Religionen, Gemeinschaft (ERG)» vor. Was daraus werden soll, ist noch unklar. Der Kanton Wallis äussert, der Schwerpunkt sei auf die jüdisch-christliche Tradition zu legen.
Wie wird Religion gelehrt?
Ganz anders der Kanton Luzern, der den Verzicht des Begriffs Weltreligionen zugunsten des Begriffs Religionen und die Umbenennung des Fachbereichs in Ethik, Religionen, Lebenskunde wünscht. Die Schweizerische Gesellschaft für Religionswissenschaften möchte statt des Begriffs Religionen den Begriff Religionskunde und dass diese Teil des Fachbereichs Ethik und Gemeinschaft sein soll. Nach Ansicht des Kantons Zürich soll Religionskunde im Sinn der Vermittlung von Wissen über die Religionen auf der Oberstufe in den Fachbereich Räume, Zeiten, Gesellschaften integriert werden.«Personale Kompetenzen»
Bezeichnende Wünsche haben die Vernehmlassungsteilnehmer zu den personalen Kompetenzen, die die Schule fördern soll. Während mehrere Kantone, der Lehrerverband LCH, EVP und SVP Ausdauer fordern, wünschen Bern, Freiburg und der Schweizerische Rat der Religionen Entscheidungsfähigkeit. Dieser nennt auch «Umgang mit eigenen Grenzen» als wichtige Kompetenz, während der Kanton Zug und die SVP Pünktlichkeit fordern. Die Erdcharta wünscht, dass die Schüler den «Lebenssinn erkennen».Mit Vielfalt umgehen
Die sozialen Kompetenzen wollen der vpod und die SP Appenzell Ausserrhoden damit ergänzen, dass Schüler lernen, mit der durch Migration entstandenen Heterogenität umzugehen («unterschiedliche Lebens- und Familienformen, Vielfalt von Religionen, Glaubensbekenntnissen, 'Patchworkreligionen', Agnostizismen, Atheismen, Dogmen, Fundamentalismen und religiösen Analphabetismen sowie Umgang mit Menschen mit verschiedensten Arten von Behinderungen oder etwa um sexuelle Orientierungen etc.»).«Sexuelle Orientierung» als Unterrichtsthema?
Der Lehrerverband, Bern und der vpod fordern zusätzliche soziale Kompetenz in der «Gender- und Gleichstellungsthematik», Bern auch Kompetenz in der sexuellen Orientierung. Pink Cross fordert die Aufnahme der Fragen von Identität und sexueller Orientierung in den Lehrplan. Dies hat nun zur Folge, dass die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren aufgrund der Vernehmlassung prüfen wollen, «ob Gleichstellung und Gender als zusätzliches überfachliches Thema in die Grundlagen aufgenommen werden soll. Allenfalls kann das Thema in anderer geeigneter Form in die Konzeption des Lehrplans integriert werden.»Werte
EVP und Erdcharta fordern «Respekt und Fairness gegenüber Mitmenschen, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit des Zuhörenkönnens». Der Schweizerische Rat der Religionen fordert als Kompetenz auch «Wertebewusstsein, Wertvorstellungen erkennen und ausbilden». Der Lehrerverband wünscht, dass die Volksschule die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit für das Gemeinwohl fördert.Menschenbild
Der Grundlagenbericht zum Lehrplan 21, den die Arbeitsgruppe der Erziehungsdirektoren in der Vernehmlassung zur Diskussion stellte, wurde in Luzern als technokratisch empfunden. Es sei wenig transparent, «auf welchem Menschenbild und auf welchem Bildungs- und Lernverständnis die Überlegungen zu den Grundlagen basieren (...) Wir vermissen Visionen und einen Diskurs zu Wertbezügen von Bildung in einer demokratischen Gesellschaft.» Der Schweizerische Rat der Religionen vermisst ebenfalls Darlegungen zum Menschenbild sowie zum Bildungs- und Lernverständnis. Die EVP verlangt eine stärkere Einbindung der Lehrerschaft in das Lehrplanprojekt.Fächer - oder Fachbereiche?
Die Schule ummodern möchte die Grüne Partei. Ginge es nach ihren Vorstellungen, gäbe es künftig gar keine Fächer mehr, sondern fünf übergreifende Bildungsbereiche. SVP und der Kanton Zürich fordern dagegen die Beibehaltung der traditionellen Fächer an Stelle der vorgeschlagenen Fachbereiche. Zürich und St. Gallen lehnen eine gemeinsame Rahmenstundentafel dezidiert ab, weil die bei diesem Vorhaben zu erwartenden Schwierigkeiten das Projekt erheblich gefährden könnten. Schwyz will es den Kantonen überlassen, die flexiblen Lektionen zuzuteilen. Die verbindlichen Lernziele dürften nur maximal 75 Prozent der minimalen Unterrichtszeit belegen.Weiteres Vorgehen
Die Erziehungsdirektoren legten am Donnerstag in Luzern dar, wie sie weiter vorgehen wollen. Ab Herbst 2010 sollen die Inhalte des Lehrplans von Teams erarbeitet werden, die sich aus Fachpersonen der Fachdidaktik sowie Lehrpersonen aus der Schulpraxis zusammensetzen. Dabei werden zentrale Punkte aus der Vernehmlassung aufgenommen, diskutiert, in den Grundlagenbericht eingearbeitet und verabschiedet. Im Frühling 2010 entscheidet jeder Kanton, ob er sich an der Erarbeitung des Lehrplans 21 beteiligen will. Voraussichtlich im Frühling 2014 wird der Lehrplan 21 den Kantonen zur Einführung übergeben.Die Lehrerschaft will einen verbindlichen Lehrplan für alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone. Der Lehrplan wird so ausgestaltet, dass er in Kantonen mit einem oder zwei Kindergartenjahren eingesetzt werden kann. Daher können sich alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone am Projekt beteiligen, unabhängig davon, ob sie dem HarmoS-Konkordat beitreten oder nicht. Da jeder einzelne Kanton in eigener Kompetenz über die Einführung des Lehrplans 21 entscheidet, bleibt die Hoheit der Kantone bestehen.
Links zum Thema:Grundlagenbericht zum Lehrplan 21: Vernehmlassung
Auswertung der Vernehmlassung
Fazit der Erziehungsdirektoren aus der Vernehmlassung
Vernehmlassungsantwort der EVP
Vernehmlassungsantwort der CVP
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