500. Geburtstag
Schwer-hörige Kirche
Im Festgottesdienst zum 500. Geburtstag des Reformators Heinrich Bullinger konfrontierte sein Nachfolger im Amt, Kirchenratspräsident Pfr. Ruedi Reich, die Trends mit Bullingers Wahlspruch ‚Christus solus audiendus est’. Die Predigt wurde am 13. Juni im Grossmünster in Zürich gehalten.
Liebe Gemeinde
Christus solus audiendus est – anders kann man eine Predigt zum Gedenken an Heinrich Bullinger nicht anfangen und nicht aufhören: Christus allein soll gehört werden. Fast jede der theologischen Schriften Heinrich Bullingers enthält als Untertitel dieses Wort aus der Verklärungsgeschichte Christi: "Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Auf ihn sollt ihr hören“ (Matthäus-Evangelium 17,5).
"Dem söllend jr gehörig sein", übersetzt die Zürcher Bibel von 1531. Und fast beschwörend fügt Bullinger einmal hinzu: "Imm sind gehörig. One zwyfel imm alein". Wir gehören zu dem, auf den wir hören. Auf wen wir horchen von ganzem Herzen, dem haben wir zu gehorchen: Christus!
So einfach, so elementar, so unmittelbar, so alltäglich – und so schwierig ist das. Wer meint zu hören, ist oft schwerhörig. Und wer meint zu sehen, ist oft kurzsichtig, zumindest in dem Alter, in welchem man politische oder kirchliche Verantwortung übernimmt!
Christus allein hören und sehen – an diesem theologischen und ethischen Massstab haben wir auch den Menschen und Theologen Heinrich Bullinger zu messen. Wir erschrecken, wenn wir an Bullingers lieblosen Umgang mit den Täufern denken.
Christus allein hören und sehen – wir haben wohl auch Grund zu erschrecken, wenn wir da an uns denken: Überall das Wort Christi und doch so viele blinde Flecken und Hördefekte, so viel Kurzsichtigkeit und Übelhörigkeit bei den Kirchenchristen unterschiedlichster Provenienz auf und unter den Kanzeln: Kaum ein tapferes Wort etwa gegen die Schattenseiten der Globalisierung oder gegen die Polarisierungen und Ausgrenzungen in unserem Land, kaum ein mutiges Aufnehmen der christuszentrierten Glaubenssubstanz der Reformatoren in unseren evangelischen Kirchen.
Unsere katholische Schwesterkirche ist "zeitgemäss" durch moderne Eventkultur. Wir Protestanten versuchen oft durch unseren fast grenzenlosen Individualismus "zeitgemäss" zu sein. Und beiden täte uns wohl ein bisschen weniger "Zeitgemässheit" gut, dafür: Christus allein hören und sehen!
Das Gemeinsame und Einende, das Helfende und Heilende, auch das Tapfere und "Unzeitgemässe" gilt es zu suchen und zu finden. Schon der junge Bullinger mahnt darum: "Du solt dich ouch in gheinen weg partyen (nicht in Parteiungen auseinanderbrechen). Lass dise luterisch und ehenen zuinglisch sin und bis du ein Christ".
Bis du ein Christ, sei ein Christ – so direkt ist es gerade heute zu hören. So elementar wie es Dietrich Bonhoeffer in seine Zeit sagte, wenn er anmahnte, alles Christsein könne nur noch im Gebet und im Tun des Gerechten bestehen.
Nichts gegen kirchliche Vielfalt, nichts gegen Freude an unterschiedlichen Traditionen. Nichts gegen politisches Engagement geprägt von unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Konzepten. Aber bei all dem: "Sei ein Christ."Stell nicht die Parteizugehörigkeit in den Vordergrund, weder die kirchliche noch die gesellschaftspolitische. Kirche jedenfalls ist nie Selbstzweck. Sie ist Instrument, Werkzeug, "Geschirre Gottes", wie Huldrych Zwingli plastisch sagt. Durch alles hindurch gilt es, die Stimme Christi zu hören, Christus gehörig zu sein, auf ihn zu horchen, ihm zu gehorchen, ihn zu sehen im Mitmenschen.
Wer auf Christus hört, das zeigt das Wirken Heinrich Bullingers, der hört auch die Hilfeschreie der Menschen. Diese werden nicht nur von politisch, sondern auch von kirchlich Verantwortlichen oft und gern überhört. Man ist ja gerade wieder einmal mit sich selbst und dem eigenen Gärtlein beschäftigt, mit der Suche nach der eigenen Identität, wie die moderne Leerformel heisst.
Das Bullinger-Relief am Glockenturm dieses Münsters würdigt den Reformator als "väterlichen Beschützer und Tröster der verfolgten Glaubensgenossen". "Beschützer und Tröster der Verfolgten" – Schöneres kann über einen Christenmenschen nicht gesagt werden.
Das Zürich Bullingers beherbergte anglikanische Bischöfe und verfolgte ungarische Pastoren. Als 1554 aus politischer Opportunität die reformierte Gemeinde im tessinischen Locarno preisgegeben wurde, war Zürich der einzige reformierte Stand der Eidgenossenschaft, der nicht um des lieben Friedens willen zustimmte.
Im März 1555 kamen die Vertriebenen, an die hundert Männer, Frauen und Kinder, in Zürich an. Dass die Südländer, Orelli, Muralt und auch Pestalozzi, der Stadt in späteren Zeiten zu wirtschaftlichem Erfolg und geistiger Ausstrahlung verhalfen, war damals noch nicht abzusehen. Statt mit politischer Opportunität argumentierte Bullinger mit dem Evangelium: Christus hören und sehen.
Man kann über vierhundertfünfzig Jahre hinweg nicht ohne weiteres Parallelen ziehen, und doch: "Heinrich Bullinger, Beschützer und Tröster der Verfolgten" – das bleibt für unsere Kirchen und unsere Länder Verpflichtung und Auftrag.
Nicht zufälligerweise wurde das Rote Kreuz in Genf, im anderen Zentrum reformierter Tradition, gegründet. Seine Konventionen und Hilfeleistungen haben in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts leider Gottes nichts an Aktualität eingebüsst: Christus hören und sehen.
Der 27-jährige Heinrich Bullinger hatte es vor dem Zürcher Rat unzweideutig erklärt: "Daz wort gotts will ungebunden sin; und muoss man Gott mee dann den Menschen gehorsamenn". Mut zum freien Wort, Mut zum Konflikt, Mut zum tröstenden Wort, Mut zur helfenden Tat – anders kann man sich nicht auf Heinrich Bullinger berufen. Ja, anders kann man sich nicht auf Jesus Christus berufen. Und um ihn, um ihn allein, geht es in diesem wie in jedem Gottesdienst.
Von Heinrich Bullinger aber vernehmen wir die Mahnung und Ermutigung "Bis ein Christ, sei ein Christ!" Darum lasst uns neu mit dem anfangen, womit eine Bullinger-Predigt anzufangen ist und beendet werden soll, anfangen mit dem, was, im Gegensatz zu einer Bullinger-Predigt, kein Ende haben darf: Christus solus audiendus est, Christus allein soll gehört werden. Amen
Webseiten zum Bullinger-Jubiläum:
www.der-nachfolger.ch
www.bullinger500.ch
Autor: Pfr. Ruedi Reich
Quelle: Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich
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