Was Christen verbindet

Kirche lebt aus Anerkennung

Nach dem Ende der Volkskirche üben die Reformierten, sich neu zu verstehen. Ein Schlüssel ist Anerkennung in Liebe. Christen in verbindlicher Gemeinschaft, evangelische Ordensgemeinschaften und Bewegungen geben dazu wesentliche Impulse. Ihr erneuerndes Potenzial suchte eine Tagung des Landeskirchen-Forums (LKF) am Samstag, 5. Februar, in Basel aufzuzeigen.

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Kirche als Familie, die Anerkennung zu üben hat: Lukas Kundert.(Foto: Peter Schmid)
Die Reformierten leben in Ortsgemeinden. Klöster gibt es seit der Reformationszeit keine mehr, und (Ordens-)Gemeinschaften mit verbindlichen Regeln führen zumeist ein Schattendasein. In einem schriftlichen Grusswort an die Tagung sprach der SEK-Ratspräsident Gottfried Locher diese Einseitigkeit als Manko an: «Die eine Kirche lebt auch in der Kommunität – nicht eine andere Kirche, nicht eine abgesonderte Kirche, sondern dieselbe Kirche, jene, die gleichzeitig auch in den Ortsgemeinden lebt.»

Kinder des Höchsten

Der Basler Kirchenratspräsident Lukas Kundert unterstrich in seinem Vortrag, dass das Evangelium für die antike Gesellschaft eine Revolution bedeutete. An die Stelle einer hierarchischen Pyramide mit einer riesigen Unterschicht trat eine Familie: Gott würdigt in Jesus Christus Menschen der Ehre, seine Kinder zu werden. In ihm werden alle gleicherweise als Gottes Kinder angenommen, sind ihm nahe. «Familie ist die Grundstruktur von Kirche», sagte Kundert; diese sei die Gemeinschaft der von Gott Angenommenen. «Wenn wir davon ergriffen werden, dass wir in allerhöchste Anerkennung gekommen sind, führt das dazu, dass wir Anerkennung leben, auf allen Ebenen.»

Gemeinschaft üben

Das Anerkennen und gegenseitige Annehmen wird laut Kundert in den Kommunitäten und Ordensgemeinschaften intensiv geübt. Sie erinnerten die Kirche daran, dass in Christus tiefe Gemeinschaft zu lernen ist. Den Diakonissen und Vertretern der evangelischen Ordensgemeinschaften, unter den 150 Teilnehmenden zahlreich vertreten, sprach er «geistliche und weltliche Kraft» zu. Er habe selbst gemerkt, «wie das stärkt und gut tut», sagte der Kirchenratspräsident. Sie seien eine Stärkung für die Kirche – und sogar für die Kirchenfernen.

Verschiedenes wertschätzen

Lukas Kundert sieht seine Kirche in einer «langen Stromschnelle von der Volks- zur Mitgliederkirche». Statt neidgetriebenen Verteilkämpfen im anhaltenden Schrumpfungsprozess ersehnt er Anerkennung und Wertschätzung verschiedener Angebote. Der Not, dass viele Menschen von der Kirche nicht mehr angesprochen werden, sei ins Auge zu sehen; sie lebten mittlerweile in unterschiedlichen Milieus. «Wir müssen in Basel-Stadt missionarisch Kirche sein, sonst werden wir keine Kirche mehr sein.» Kommunitäten leisten dazu am Rheinknie wie nirgendwo in der Schweiz zahlreiche Beiträge, durch Seelsorge und geistliche Begleitung, kreative Diakonie, Gebet und Fürbitte. Die Kommunitäten machen Gemeinschaft attraktiv: «Sie leben vor, was auch uns angeht.»

Wenn der Funke springt

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Sr. Verena Lüscher aus Uznach am Podium. (Foto: Peter Schmid)
Den zweiten Vortrag der Tagung unter dem Thema «Kirche leben in Kirchgemeinde und Kommunität» hielt Sr. Doris Kellerhals, Oberin des Diakonissenhauses Riehen. Sie blickte auf die Entwicklung seit der Reformation zurück: Die evangelischen Kirchen lehnten die verbindliche Lebensform der Ordensgemeinschaft ab; die Herrscher lösten die Klöster auf. Nun aber, in der Krise der Institutionen Kirche und Familie, haben die Kirchen mehr Grund, Kommunitäten einzuschliessen und zu fördern, da sie den Glauben «lokal verdichtet» gemeinsam leben.

Geistliche Antwort auf gesellschaftliche Erschütterungen

Traditionelle Ordensgemeinschaften sind dadurch bestimmt, dass ihre Mitglieder auf Besitz, Partnerschaft und persönliche Freiheit verzichten und sich einfügen, um Jesus Christus nach Kräften zur Verfügung zu stehen. Manche neuere Gemeinschaften bestehen im verbindlichen Zusammenleben von Ehepaaren und Ledigen. Insgesamt sind sie als Antworten auf die Schockwellen zu sehen, die seit 1789 Europa erschüttert haben: in der Industrialisierung, nach dem 1. und 2. Weltkrieg. Die Verdichtung ergebe sich, sagte Sr. Doris, wenn in Kirchen und Gemeindehäusern engagierte Menschen des Glaubens und Gebets daheim seien und von Ratsuchenden aufgesucht werden könnten.

Vor Ort das Miteinander buchstabieren

In fünf Workshops wurde am Nachmittag das Miteinander von Ortsgemeinde und Kommunität gesucht und erörtert. Im abschliessenden Podium brachte eine Diakonisse den Wunsch zum Ausdruck, in der Kirche für ihr Sein und Wirken vermehrt Resonanz zu finden. Das Verhältnis müsse gemeinsam neu durchdacht werden, forderte Pfr. Heinz Schmitt, der in Uznach SG mit einer Kommunität zusammenarbeitet. LKF-Präsident Alfred Aeppli schloss mit der Frage, wie Christen heute neu Gemeinschaft verbindlich leben. Zahlreiche WGs junger Christen und niederschwellige Angebote wie Casappella in Worblaufen deuten an, wohin die Reise gehen kann.

Vitale Szene

Das Landeskirchen-Forum LKF organisierte die Basler Tagung gemeinsam mit dem Forum evangelischer Ordensgemeinschaften der Schweiz FEOS, dem 14 Frauen- und zwei Männergemeinschaften angehören. Als Buch zur Tagung stellte der LKF-Sekretär Hans Corrodi einen Band vor, der eben im Theologischen Verlag Zürich erschienen ist: «Kirche im Miteinander von Ortsgemeinde, Kommunitäten und Bewegungen». In ihm stellen sich 19 Diakonissenhäuser, Kommunitäten, Gruppen und Netzwerke der Schweiz vor.

Website des Landeskirchen-Forums

Datum: 08.02.2011

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