«Gemeinde 55+»

Braucht es neue Gemeinden für die Senioren?

Graue und weisse Häupter, so weit das Auge reicht. Alterssoziologen beschäftigen sich zunehmend mit der wachsenden Personengruppe der Senioren. Medien und Werbung leihen ihr das Interesse. Und die christliche Gemeinde? Trägt sie den Bedürfnissen der Senioren genügend Rechnung?

Jugendkirchen kennen wir schon länger. Sie entstanden, weil herkömmliche Gemeinden kein spezifisches Angebot für Jugendliche anbieten konnten. Wie aber steht es heute um die Älteren in den Gemeinden? Wird man ihnen gerecht? Viele träumen von florierender Jugendarbeit und Familien und meinen, die Zukunft der Kirche seien die Kinder.

Elsi Altorfer, 63, Distriktsvorsteherin der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Nordostschweiz, leitet eine Arbeitsgruppe «55+», die ein Konzept für die Senioren erarbeitet. Bereits zweimal hat die EMK eine Tagung «Zukunftswerkstatt 55+» angeboten, die auf grosses Interesse stiess. Muss heute in den christlichen Gemeinden ein tieferes Bewusstsein für diese grosse Gruppe wachsen? Könnten überalterte Gemeinden statt zu resignieren, weil keine jungen Familien da sind, bewusst als «Gemeinde 55+» gelebt werden? Idea Spektrum Schweiz befragte Elsi Altdorfer.

idea: Hat man nun plötzlich die älteren Gemeindeglieder entdeckt?
Elsi Altorfer: Die Familien sind heute kleiner, es werden weniger Kinder geboren, und die Menschen werden immer älter. Allgemein nimmt unsere Gesellschaft vermehrt wahr, dass der Anteil der Senioren steigt. In der EMK wurde vor einiger Zeit angeregt, eine Fachstelle für die Altersarbeit einzurichten. Dieses Vorhaben stiess bei den Älteren auf gutes Echo. Viele sagten: «Jetzt fühlen wir uns ernst genommen.»

Welche Gedanken stehen hinter «Gemeinde 55+»?
Es gab schon immer Gemeinden mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Typische Jugendgemeinden kennen wir ja schon lange. Die Ausrichtung auf eine bestimmte Gruppe erlaubt, bewusster auf deren Bedürfnisse einzugehen und die Ressourcen einzusetzen, die vorhanden sind. Wir machen die Erfahrung, dass dort, wo der Stil nur auf die Jugendlichen ausgerichtet wird, ältere Menschen oft heimatlos sind. Die Anliegen, die uns beschäftigen, müssten in der Gemeinde doch vorkommen, ob wir jung oder alt sind. Jede Gemeinde muss sich fragen, wo ihr besonderer Auftrag liegt.

Schenkt man den älteren Menschen in den Gemeinden heute zu wenig Beachtung?
Viele empfinden unterschwellig, aber durchaus richtig, dass sich sehr vieles um Kinder, Jugend und Familie dreht. Wenn eine Pfarrstelle neu zu besetzen ist, kommt meist der Wunsch auf, eine Familie mit Kindern einzustellen. Der Traum oder die Vorstellung in vielen Köpfen ist: Die Zukunft der Kirche heisst Kinder- und Jugendarbeit. Dabei ist Jesus allein Zukunft und Ziel. Den Bedürfnissen der älteren Menschen wird man in den Gemeinden nicht überall gerecht.

Es ist ja auch in der Wirtschaft so: Man hat viele Ältere entlassen, und jetzt merkt man, dass Erfahrung, Beständigkeit und Gelassenheit fehlen. In diesem Sinn merken viele Gemeinden gar nicht, welchen Schatz sie an ihren älteren Menschen haben. Vielleicht liegt das auch an der Zurückhaltung vieler Senioren. Wichtig ist, ältere Menschen wirklich ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben.

Jugendkirchen, «Gemeinde 55+»: Sind wir auf dem Weg zum Ghetto?
Ein Ghetto kann nicht das Ziel sein. Ich weiss von zwei Gemeinden in Deutschland, die sich sehr nahe stehen. Die eine hat den Schwerpunkt Jugendarbeit und die andere Altersarbeit. Solche Gemeinden könnten sich gegenseitig befruchten und wertvolle Beziehungen pflegen. Kontakte hin und her braucht es, doch man muss nicht immer alles zusammen machen. Es ist Realität, dass die Bedürfnisse verschieden sind.

Vieles hängt am Bewusstsein der älteren Christinnen und Christen. Sie haben grosse Lebens- und Glaubenserfahrung, und das ist ihr Kapital. Es wäre schön, wenn reifere Männer und Frauen merkten, dass sie in ihrem Alter etwas haben, das sie andern geben können.

Welches wären die Merkmale einer Gemeinde, die kommuniziert, dass sie besonders Menschen über 55 ansprechen will?
Wichtig ist, das Gemeindeleben bewusst auf diese Altersgruppe auszurichten, indem man Fragen und Themen dieser Lebensphase aufnimmt. So würden automatisch reifere Menschen angesprochen. Merkmale einer solchen Gemeinde wären sicher auch tiefe Gemeinschaftserlebnisse. Man könnte eventuell sogar über gemeinsame Wohnformen nachdenken, allerdings mit viel Raum für Privatsphäre.

An welche Fragen und Themen denken Sie denn?
Die Spannbreite einer «Gemeinde 55+» ist immer noch sehr gross, wenn man an die über 90-Jährigen denkt. Darum sind auch die Themen vielfältig. Einerseits geht es um die letzten Jahre der Berufstätigkeit, was oft heisst, in verantwortungsvollen Aufgaben zu stehen, grosse Spannungen auszuhalten oder sich beruflich nochmals neu orientieren zu müssen.

Andererseits geht es um den Umgang mit den eigenen betagten Eltern, die Ablösung von den Kindern und darum, selber Grosseltern zu werden. Weitere Themen betreffen den Austritt aus der Arbeitswelt: Viele Alleinstehende haben sich über den Beruf definiert. Dann auch der Verlust von Schönheit, Gesundheit und Kraft, Abschied von Freunden und Partnern, die Auseinandersetzung mit Krankheit und Einsamkeit, aber auch mit der eigenen Biografie und der Versöhnung mit seiner Geschichte. Die Sinnfrage taucht in neuer Version auf: Tod und Hoffnung aufs Jenseits.

Was würden Sie von einer «Gemeinde 55+» sonst noch erwarten?
Für mich müsste die Gemeinde schöne Räume haben. Etwas, das guttut. Es müsste ein Ort sein, wo man regenerieren und Gott näherkommen, wo man Kraft tanken und zur Ruhe kommen kann. Wo man aber auch herausgefordert wird, über wichtige Aspekte des Lebens nachzudenken, wo einem zugemutet wird, neue Gedanken aufzunehmen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Weiter braucht es Perspektiven, die über dieses Leben auf die Ewigkeit hinweisen. Es muss ein Ort der Hoffnung sein. Natürlich müssen die Menschen ihre Kräfte und Ressourcen einbringen können. Auch eine «Gemeinde 55+» kann nicht nur für sich leben. Denn jede Gemeinde stirbt, wenn sie nur an sich selber denkt. Offenheit ist wichtig. Es ist erstaunlich, welche Möglichkeiten sich öffnen, wenn man gewillt ist, etwas für andere zu tun.

Wie würde Evangelisation in dieser Altersgruppe denn aussehen?
Die Botschaft ist immer dieselbe: Es geht um die Erlösung durch Jesus Christus. Wichtig ist für mich, Zuversicht zu haben, dass sich auch alte Menschen noch für Christus öffnen können. In der Spitalseelsorge habe ich erlebt, dass Betagte dazu durchaus in der Lage sind. Wenn wir diese Erwartung nicht haben, hat dieses Modell keinen Sinn. Wie man Reich Gottes mit älteren Menschen baut, darüber muss jede Gemeinde selber nachdenken, denn je nach Ort und Mitgliedern wird es auch grosse Unterschiede geben. Spezielle Evangelisationsmodelle für ältere Menschen sind mir nicht bekannt. Mir scheinen aber die drei Elemente, die uns vom Alphalive-Kurs her bekannt sind, hilfreich: Gemeinschaft beim Essen, Verkündigung, Gespräch in Gruppen.

Welches sind die Schwierigkeiten, «Gemeinde 55+» in die Praxis umzusetzen?
Wir sind noch am Buchstabieren. Das Hindernis ist, dass wir auf Kinder und junge Familien fixiert sind! Dabei spielt es doch keine Rolle, ob Junge oder Ältere zur Gemeinde stossen. Wichtig ist, dass Gott immer wieder neue Menschen dazuführt. Diese Hoffnung muss bleiben. Ich wünsche mir mehr Mut und Experimentierfreudigkeit, auch dieses Gemeindemodell auszuprobieren.

Welche herausragende Aufgabe haben ältere Menschen noch?

Ganz klar: Fürbitte und Segen. Wenn auch die Kräfte nachlassen, Fürbitte tun können wir meistens noch. Und die Bibel zeigt uns viele schöne Beispiele, wo die Alten den Segen an die jüngere Generation weitergeben. Unter Segen verstehe ich auch, der jüngeren Generation den lebendigen Gott zu bezeugen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe.

Datum: 10.03.2008
Autor: Esther Reutimann
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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