Weniger Freikirchenschelte?

Eine Trendwende deutet sich an

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Zwar macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Aber eine Reportage im Tages-Anzeiger deutet an, dass freikirchliches Engagement unter Flüchtlingen auch anders denn als plumpen Missionsversuch beschrieben werden kann.

Zwar erschien der Artikel im Tagesanzeiger letzte Woche unter dem Titel «Bibeln für Flüchtlinge». Er liess damit vermuten, dass wieder mal eine Breitseite gegen Missionsbemühungen von Freikirchen unter Flüchtlingen die Rede sei. Dass eine Freikirche im Flüchtlingstreff des Vereins Intro in Bülach nach wie vor Missionsabsichten heben könnte, ist auch in diesem Text ein Thema. Aber es wird relativiert. Als Motiv für die Arbeit wird auf die Bibel hingewiesen, die den Freikirchlern auftrage, Fremde zu lieben. Der Tagi online publiziert dazu gleich die interaktive Landkarte von Meos, die 34 Angebote für Flüchtlinge in der Schweiz aufführt.

Der Missionierungsverdacht

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Marc Jost
Zwar durchdringt der latente Missionierungsverdacht auch diesen Beitrag. Aber er beugt sich dem journalistischen Grundsatz, Personen mit unterschiedlichen Perspektiven dazu zu befragen. Den Vertreter der Initianten, Hansjörg Schärer, den Geneeralsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz, Marc Jost, und den Verantwortlichen des Bülacher Sozialamtes. Und notabene auch – wie in solchen Beiträgen üblich – den Leiter von Relinfo, Georg Otto Schmid.

Dieser will nicht von «Missionierung» sprechen, weil dieser Begriff mit Gewalt und Zwang verbunden sei, braucht aber den Begriff «werbende Gemeinschaften». Es sei ein Kennzeichen von Freikirchen, dass sie ihren Glauben allen Menschen weitergeben möchten. Es sei daher wichtig, dass sich solche Gemeinschaften auch deklarieren. Und sie hätten Flüchtlingen zu erklären, dass sich Freikirchen von Landeskirchen unterscheiden.

Hier wurde allerdings die Aussage von Georg Otto Schmid verfälscht, wie eine Nachfrage beim Religionsexperten ergibt. Er habe darauf hinweisen wollen, dass Migranten oft aus Ländern kommen, in denen christliche Kirchen nicht für den Glauben werben dürfen. Es könne sie daher irritieren, dass es hier Kirchen gibt, für die das normal ist. Schmid dazu: «Es scheint mir sowohl für die Asylsuchenden selbst als auch für die Freikirchen wichtig, dass den Asylsuchenden dieser Unterschied bewusst ist, bevor sie sich durch werbende Gespräche belästigt oder gar beleidigt fühlen.»

Die Liebe zum Fremden

Dass der Migrantentreff dies berücksichtigt, wird aber im Tagi-Artikel nicht in Frage gestellt. Intro-Leiter Hansjörg Schärer erklärt, mit dem Angebot wolle man den Flüchtlingen zeigen, dass es auch Schweizer gebe, die sich für sie engagieren und einsetzen und etwas gegen Fremdenfeindlichkeit tun. «Die Arbeit ist motiviert durch die Liebe von Gott, die wir in unseren Herzen spüren.» Gespräche über Gott kämen zustande, der Glaube werde aber niemandem aufgezwungen. Er erwähnt in diesem Zusammenhang den Verhaltenskodex der Schweizerischen Evangelischen Allianz, welche einen besonnenen Umgang mit Glaubensfreiheit verlange und einen Verzicht auf jede Form von religiösem Machtmissbrauch einfordere.

SEA-Generalsekretär Marc Jost macht dennoch klar, dass Freikirchen, die ein vom Staat nicht subventioniertes Angebot machen, auch frei sein sollen, über Glaubensfragen mit Flüchtlingen zu sprechen: «Basierend auf der Glaubensfreiheit ist das feinfühlige Weitergeben von Glauben grundsätzlich erlaubt.»

Die Spannung

Damit zeigt der Beitrag auf nachvollziehbare Weise die Spannung auf, in der sich Christen, welche diakonischen Einsatz und Seelsorge nicht trennen wollen, befinden. Aber er kommt ohne jede Polemik aus, auch wenn er eingangs darauf hinweist, dass im Eingangsbereich Bibeln und Handzettel in den Sprachen der Migranten aufliegen. Er zitiert zum Schluss Daniel Knöpfli vom Sozialamt der Stadt, welcher bestätigt, es seien bislang keine Klagen eingegangen.

Eine Trendwende?

Man kann den Beitrag durchaus aus verschiedenen Perspektiven lesen und sich auch diesmal wundern, weshalb die Vermittlung des christlichen Glaubens in einem traditionell christlich geprägten Land schier zum heissen Eisen geworden ist. Der Artikel ist aber ein Beleg dafür, dass die freikirchliche Flüchtlingshilfe auch anders als zum Skandalwert behandelt werden kann. Dazu dürften Initiativen wie das Erstellen eines Kodexes der SEA für die Flüchtlingshilfe einen positiven Beitrag geleistet haben.

Zum Thema:
Freikirchen und die Flüchtlinge: Den persönlichen Bezug zu den Migranten herstellen
«Die tun was in Thun»: Wie die Thuner Kirchen Asylsuchenden helfen
Flüchtlinge werden Christen: Ein Phänomen – auch in der Schweiz
Freikirchen und Politik: Freikirchler im Nationalrat

Datum: 28.01.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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