Engel bei der Bahn

Lokführer Rolf Wilhelm war im schlimmsten Moment nicht allein

In der französischsprachigen Schweiz einen Personenunfall zu erleben, war für Rolf Wilhelm immer das Horrorszenario schlechthin. Anfang 2012 erlebte er genau dies. In der Not kamen dem SBB-Lokführer Engel zu Hilfe.

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Rolf Wilhelm ist nach 30 Jahren im Führerstand zum zweiten Mal von einem Personenunfall betroffen.
In meiner Vorstellung wäre es schon immer der reinste Horror gewesen, wenn ich in der französischen Schweiz einen Personenunfall (Suizid) erleben würde... Grund dafür ist die Sprache! Und genau das ist Ende Januar 2012 eingetroffen.

Bei der Rückfahrt von Lausanne nach Bern – das Wetter war gut und ich selber war voll gut drauf – ist mir eine Person vor den Zug gesprungen. Obwohl ich sofort eine Schnellbremsung eingeleitet habe, blieb das Gefühl, der Zug kommt nicht zum Stillstand! Mir hat es die Luft abgeschnitten, und ich dachte sofort, jetzt bist du am Arsch wegen der französischen Sprache. Noch bevor ich mit dem Fahrdienstleiter Kontakt aufnehmen konnte, klingelte schon der Zugfunk. Der Fahrdienstleiter in Lausanne war am anderen Ende und fragte mich, was passiert sei. Ein Berufskollege, der ebenfalls im Zug sass, hatte diesen bereits per Telefon informiert. Ich erklärte ihm den Sachverhalt und die Strecke wurde in beide Richtungen gesperrt.

Gott schickte den Engel Ricardo

Schon klopfte es an die Türe meiner Lokführerkabine und ein junger Mann fragte mich auf Französisch, ob er mir helfen könne. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Zugchef handelte, der eine Dienstfahrt nach Bern hatte. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, denn er sprach gut Deutsch und Französisch, konnte mich übersetzen und wich nicht von meiner Seite. Und das war gut, denn nach wenigen Minuten trafen auch schon vier Polizisten ein, die alle nicht Deutsch sprachen. In dieser Situation kam mir der Zugchef, der für mich die Übersetzung machte, vor wie ein Engel Gottes. Sein Name war Ricardo und er hat mich keine Sekunde aus den Augen gelassen und mich überall hin begleitet.

In dieser schwierigen Zeit spürte ich stark, dass Gott mir jemanden zur Seite gestellt hatte: den Engel Ricardo. Überhaupt war alles super organisiert. Das Ereignis- und Interventionsmanagement war bereits nach zirka 10 Minuten vor Ort und hat sofort die Koordination für die notwendigen Aufräumarbeiten übernommen. Schon nach 70 Minuten konnte der Zug wieder mit einem Ersatzlokführer weitergeführt werden.

Nur in der ersten Nacht schlechte Träume

In Bern hatte ich eine halbe Stunde Zeit, in der ich ins Lokpersonalzimmer ging. Dort traf ich Hansruedi Dolder, der auch Lokführer und bei RailHope (christliche Vereinigung bei Bahnen und ö.V.) engagiert ist, und erzählte ihm von meinem Suizid-Vorfall.

Hansruedi fragte mich, ob wir nicht für diese Sache beten wollten? So brachten wir den ganzen Vorfall vor Gott, und ich übergab ihm den Schmerz und alle Gefühle von mir und der hinterbliebenen Familie. Es war sozusagen Notfallseelsorge und eine Art *Debriefing, welche Gott eingefädelt hatte. Dieses Gebet hatte mich extrem entlastet. Nur in der ersten Nacht hatte ich noch Träume von Zügen, die ich nicht zum Stillstand bringen konnte. Aber danach konnte ich wieder ruhig schlafen.

Am anderen Tag meldete sich auch noch der RailPastor. Mit ihm führte ich ein längeres Gespräch. Auch die Nachbetreuung der SBB meldete sich. Alles in allem in dieser schmerzlichen Situation eine super Betreuung und ich hatte Engel Gottes in Menschengestalt kennengelernt.

Einige hören wegen Personenunfällen auf

Bereits vor diesem Ereignis in der Westschweiz war ich mit einem Personenunfall konfrontiert, damals im Entlebuch. Mich beschäftigen die Erlebnisse heute nicht mehr. Aber es gibt immer wieder Kollegen bei der Bahn, die nicht mit einem Suizid klarkommen. In der Region Basel sass eine Lokführerin gleich bei zwei Unfällen mit Jugendlichen innert kürzester Zeit in der Führerkabine. Sie hat danach aufgehört. Offizielle Zahlen betreffend Personenunfällen kommuniziert die SBB nur sehr zurückhaltend, aber in meiner Wahrnehmung und als Direktbetroffener kann ich sagen, dass es viel zu oft geschieht.

*Debriefing ist ein Gesprächskultur, die Menschen emotional entlasten soll, welche mit aussergewöhnlichen Situationen (Unfälle, Todesfälle, usw.) konfrontiert wurden. Fakten, Gedanken, Gefühle während – und emotionale Erscheinungen nach dem Ereignis – werden erzählt. Dies ermöglicht eine Gesamtschau. Debriefing soll mittelfristig und vorbeugend traumatische Auswirkungen des Erlebnisses auffangen und steht als Bindeglied zwischen der Krisenintervention (Notfallseeelsorge) und Beratung /Therapie.

Die Vereinigung RailHope

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Rolf Wilhelm lebt mit seiner Frau Irena in Stansstad
Die christliche Vereinigung «RailHope», gegründet 1908, will Christen bei Bahnen und dem öffentlichen Verkehr vernetzen und Menschen mit Jesus in Verbindung bringen. RailHope hat rund 340 Mitglieder. Rolf Wilhelm ist seit 2003 Präsident der Vereinigung.

Zur Webseite:
Rail Hope
Railway Mission

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Datum: 02.10.2014
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet / RailHope Magazin

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