Vorwürfe

„Meine Frau macht mir dauernd Vorwürfe“

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„Was ich auch mache – ich mache es offenbar falsch! Ständig nörgelt meine Frau an mir herum. Ich arbeite zu viel, kümmere mich nicht genug um den Haushalt, bin ein schlechter Ehemann. Sie tut gerade so, als wäre sie perfekt! Und weil mir ihre Meckerei irgendwann zu viel wird, „schiesse ich zurück. Mit Vorwürfen machen wir uns dann gegenseitig kurz und klein! Und am Ende sitzen wir beide mit unseren Wunden in der Ecke und schweigen uns an. Ich liebe meine Frau und weiss nicht mehr weiter. Wie können wir besser miteinander umgehen?“

In jeder Beziehung erleben die Partner von Zeit zu Zeit Vorwürfe durch den anderen. Verärgert, genervt und enttäuscht kritisiert man oft wenig liebevoll die Eigenschaften und Verhaltensweisen des Partners. Doch läuten diese Vorwürfe bereits das Ende der Liebe ein? Nein, vielmehr gehören sie zum Ehe- und Partnerschaftsverhältnis dazu wie die Milch zum Kaffee. Die Problematik liegt vielmehr in einer mangelnden Kommunikation und der Unfähigkeit beider, eine gute Lösung des Konflikts zu finden. Im Streit sind selbst sachliche Argumente meist von nebensächlicher Bedeutung. Die eigene Wahrnehmung (falsch oder richtig sei erst einmal dahingestellt) kann eine sachlich und wahrheitsgemässe Äusserung des Partners trotzdem als Vorwurf und Angriff verstehen.

Was also tun? Einerseits ist es wichtig, dass ich nicht mein Wunschbild auf meinen Partner projiziere, sondern dass ich lerne, meinen Partner so zu erkennen wie er ist und ihn zu akzeptieren. Andererseits ist es auch wichtig, sich mit den Vorwürfen des anderen auseinanderzusetzten.

Oft werfen Männer ihrer Frau vor:

- Du willst zu viel Nähe.
- Ich erhalte zu wenig Trost und Ermutigung.
- Dein einziger Bezugspunkt ist das Kind!
- Nichts kann ich dir recht machen.
- Du bist zu grenzüberschreitend und zu vereinnahmend.
- Du redest zu viel.

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Und Frauen werfen ihrem Mann vor:

- Du bist unnahbar, hast keine Zeit für mich.
- Du bist innerlich abwesend und häufig bei der Arbeit, tust nichts für Haushalt und Kinder.
- Du erkennst meine Arbeit nicht an.
- Du zeigst keine Anteilnahme und hörst mir nicht zu.
- Du bist stumm und zeigst nicht deine Gefühle.
- Du bist nicht einfühlsam und willst immer nur Sex.

Was sich die Partner vorwerfen, entspricht häufig sogar den Tatsachen. Woran liegt es aber dann, dass so wenige bereit, sind sich aufgrund von Vorwürfen auch zu verändern? Ich bin davon überzeugt, dass das mit unserer Wahrnehmung zu tun hat: Wir empfinden den Vorwurf als einen Angriff und erleben das Nachgeben als Überlegenheit des Partners. Wir fühlen uns wie ein hilfsbedürftiger Patient oder ein erziehungsbedürftiges Kind. Achten Sie deshalb darauf, dass Sie durch Ihre Kritik nicht die Autonomie Ihres Partners beeinträchtigen und seine Selbstverantwortung schmälern. Manchmal machen wir dem anderen sogar Vorwürfe, weil wir so unser eigenes Fehlverhalten kompensieren können. Doch je mehr Druck die Partner aufeinander ausüben, um so weniger verändert sich.

Wichtig ist darum, dass beide Parteien sich nicht darauf beschränken, sich gegenseitig ihre Fehler aufzählen, sondern vielmehr von ihrer eigenen Bedürftigkeit sprechen. Dann heisst es nicht mehr: „Du hast zu wenig Zeit für mich!“, sondern: „Ich bin gerne mit dir zusammen und würde mich darum sehr freuen, wenn du mehr Zeit mit mir verbringen könntest.“ Im Grunde geht es um ein und dasselbe – und doch kommt im zweiten Fall in der Regel eine andere, positivere Botschaft an.

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Ausserdem werden eigene Wünsche vom Partner oder der Partnerin besser angenommen, wenn er/sie sich angenommen und geliebt fühlt. Vorwürfe, die mit Androhungen einhergehen („Wenn du dich nicht änderst, verlasse ich dich!“), sind keine gute Basis für eine erfolgreiche gemeinsame Lebensgestaltung. Die Partner sollten sich Zeit nehmen, um an einem ruhigen und ungestörten Ort über ihre Bedürfnisse zu reden. Als positiv erleben Paare es zudem, wenn sie einmal in einer Art Rollenspiel in die Person des Partners schlüpfen und so besser die Position des anderen verstehen.

Ein hilfreicher Baustein ist aber auch das, was Paulus in der Bibel der Gemeinde in Ephesus schrieb (Epheser 4,2): Er weiss, dass Einheit dann gewährleistet ist, wenn wir in Demut, mit Sanftmut und Langmut einander in Liebe ertragen. Dabei meint das Wort „ertragen“ in der griechischen Sprache, in der Paulus den Brief verfasste, etwa soviel wie „eine Provokation so lange in Liebe aushalten, bis sie vorbei ist“.

Ohne Frage ist das eine grosse Aufgabe und verlangt von beiden Partnern ein hohes Mass an Geduld und Konfliktbereitschaft. Doch der Gewinn ist unersetzlich: Nach und nach entsteht auf diesem Weg eine Einheit innerhalb der Ehe, die von Harmonie und Zuneigung geprägt ist.

Autor: Peter Schulte, Theologe, Lebens- und Sozialberater. E-Mail: pschulte01@aol.com

Datum: 30.08.2006

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