Nicht so perfekt wie erwartet

Was tun, wenn geistliche Leiter versagen?

Immer noch ist ein Pastor oder geistlicher Leiter so etwas wie eine moralische Instanz. Ein Vorbild. Aber was geschieht, wenn er versagt? Wenn er sündigt? Was geschieht daraufhin in seiner Gemeinde? Wie kann sie konstruktiv damit umgehen?

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Es geht hier nicht um die Frage, ob oder nach welchem Versagen ein Pastor sein Amt niederlegen muss. Auch nicht darum, wie ein geistlicher Leiter immer «im Sieg» leben kann. Stattdessen soll betrachtet werden, wie ich als Gemeindemitglied mit dem durchaus normalen Fall umgehen kann, dass ein geistliches Vorbild versagt. Wie kann ich konstruktiv mit dieser Situation umgehen?

Klagen

Wenn ein Vorbild plötzlich keines mehr ist, tut das weh. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen. Eben noch habe ich zu einem Menschen aufgeschaut, ihn respektiert, auf ihn gehört. Und plötzlich erfahre ich, dass er nicht so perfekt ist, wie ich immer gedacht hatte. Mehr noch: Er hat völlig versagt.

Für mich heisst das erst einmal, dass ich enttäuscht bin. Wütend. Traurig. Ich fühle mich betrogen. Eddie Kaufholz, ein amerikanischer Seelsorger, gibt an dieser Stelle den Rat seines Pastors weiter, der ironischerweise selbst seine Kanzel verlassen musste: «Sei gegenwärtig in deiner Trauer. Denn entweder schreist du zu Gott von dem Ort aus, wo du gerade bist, oder du meldest dich gar nicht bei ihm.» Mein Klagen ist also völlig in Ordnung. Es ist normal, dass ich zunächst einmal das Ganze einfach nicht wahrhaben will («Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist.»), dass ich wütend bin («Wie konnte er der Gemeinde nur so etwas antun?»), dass ich hinterfrage («Was hätten wir tun können, um das Ganze zu verhindern?»), frustriert bin («Welche Auswirkungen wird es auf meine Gemeinde haben?») und es schliesslich akzeptiere («Gott ist grösser als all das.»). In solch einer Situation ist Klagen das Normalste der Welt. Es geht schliesslich nicht um ein allgemeines Problem, sondern darum, dass mein persönliches Vorbild abgestürzt ist. Mit allen Konsquenzen.

Gnädig sein

Noch vor kurzem war alles in Ordnung. Die Gottesdienste waren inspirierend, es kamen immer mehr Leute, die Kleingruppen entwickelten sich hervorragend. Alles schien in Ordnung. Aber jetzt ist alles durcheinander. Die Gemeinde ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aber stimmt das?

Wenn ich mit 130 Stundenkilometern über die Autobahn fahre, dann sehe ich eine fantastische Landschaft neben mir dahinfliegen. Aber wenn ich mit 30 Stundenkilometern im Stau dahinschleiche, dann nervt mich nicht nur mein scheinbarer Stillstand, dann sehe ich die Details, die mir vorher nicht bewusst wurden: den Müll neben der Strasse und die hässlichen Ecken. All das war vorher schon da, ich habe es nur nicht wahrgenommen. So ähnlich ist es, wenn mein Leben und das meiner Gemeinde plötzlich radikal abgebremst werden. Mit einem Male sehe ich jeden Fehler, jede Schwäche. Irgendwann wird mein Leben und das der Gemeinde wieder Tempo aufnehmen, doch bis dahin ist es sinnvoll, das zu tun, was Gemeinde ausmacht: Gnädig zu sein mit dem eigenen Versagen und dem anderer.

Die Gemeinde neu entdecken

Mitten in diesem Durcheinander stellt sich auch die Frage: Worum geht es eigentlich in meiner (in Gottes!) Gemeinde? Zuerst denke ich meist an «die üblichen Verdächtigen»: Gemeinschaft, Bibel, Kaffee, Lobpreis … All das gehört irgendwie dazu. Und doch ist Gemeinde in Wirklichkeit viel mehr. Lukas beschreibt sie in der Apostelgeschichte (Kapitel 2, Verse 42 bis 47) folgendermassen: «Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.»

Meine Gemeinde existiert, weil Gott das Miteinander von völlig normalen, wohlmeinenden, verwirrten, gebrochenen, fehlerhaften und trotzdem wunderbaren Menschen gebraucht. Ein Leiter versagt. Der Chor singt schief. Das Gemeindeprogramm ist neben der Spur. Doch Gott handelt und Menschen finden zum Glauben. Das ist die Realität von Kirche und Gemeinde. Sie fühlt sich nicht immer gut an. Und manches geht wirklich schief. Aber Gott hört nicht auf, sie zu lieben und zu segnen.

Zum Thema:
Ansteckungsgefahr: Heute schon gelästert?
Sichtweise eines 21-Jährigen: Warum so viele Jugendliche die Gemeinden verlassen
Weisheit aus der Wüste: Fünf Lektionen vom Heiligen Antonius
Blatter und Markwalder: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein»

Datum: 23.11.2016
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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