Gemeindeaufbau in Indien
Ein Blick hinter die Kulissen
Der Inder Rodrick Gilbert leitet ein Netzwerk von Hausgemeinden mit Zweigen in mehreren nordindischen Gliedstaaten. Armut, hochgesteckte Erwartungen und provinzielles Denken fordern ihn täglich heraus.Ein Hausgemeinden-Netzwerk aufbauen mit Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen - wie kann das gehen?
Die grösste Herausforderung sind die Erwartungen der Leute, die ich zur Mitarbeit im Netzwerk bewegen möchte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sie ihre Erwartungen hegen, und diese kann ich mit der Vision, die ich vorlege (grundlegend für ein Netzwerk!) und meiner Kommunikation kaum beeinflussen. Bei lokalen Leitern geht es darum, dass sie Nahrung und ein Dach über dem Kopf haben und mobil sind. Vollzeiter kommen mit der Erwartung, dass ich ihren Bedürfnissen nachkomme. Am meisten wird ein Monatslohn gewünscht, dann auch ein Häuschen. Einer sagt: Wir brauchen ein Versammlungshaus, und meint eigentlich ein Wohnhaus für sich und seine Familie. Weiter wünschen die Leute einen Töff oder einen Kleinwagen.
Wenn ich den Erwartungen nicht entspreche, denken sie, dass ich vom Ausland Gelder erhalte, die ich nicht an sie weitergebe. Sie denken es bei sich oder machen damit Stimmung gegen mich. Erwartungen sind ein grosses Problem.
Das traditionelle Bild eines bezahlten Kirchenangestellten wirkt nach...
Man kann es ihnen nicht verargen, dass sie mit der Arbeit für das Netzwerk oder eine Kirche ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. In Indien hat man lange gepredigt, dass ein Geistlicher sich von weltlichen Dingen fernzuhalten hat. Für den Lebensunterhalt zu arbeiten, ist weltlich. Man gibt, um Gott zu dienen, alles Weltliche auf. So verstand man den geistlichen Dienst bis vor kurzen. Daher die Erwartung.
Wie gehen Sie damit um?
Es gibt nur einen Ausweg: dass ich mich fortwährend mit meinen Leuten treffe und die Vision wiederhole. Viele stossen dazu und verlassen uns wieder, wenn sie ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen. Sie murren und klagen mich an. Einige bleiben dran und folgen mir. Man könnte es mit einem Filter vergleichen: Die wahrhaft motivierten Mitarbeiter bleiben. Doch dies geschieht nur auf lange Frist, wenn ich nicht ablasse, die Beziehungen zu pflegen.
Zudem haben auch diese Leute ihre Bedürfnisse: Sie verlangen ständig nach weiterführenden Anstössen. Wenn ich will, dass sie über das Normale hinaus Dinge tun, muss ich für den Aufwand aufkommen. Wenn ich z.B. im grossen Massstab zum Gebet mobilisieren will und sie dies nicht schon von sich aus tun, dann sind ihre zusätzlichen Spesen und Kosten für Treffen und Mahlzeiten zu begleichen. Sie verfügen nicht über die Mittel für Veranstaltungen. Als Gesamtleiter muss ich immer an die Programmkosten denken.
Und Rivalitäten?
Rivalitäten unter gleichgestellten Leitern sind eine weitere Schwierigkeit. Für ein Netzwerk rufe ich eine Anzahl von ihnen zusammen. Oft kommt es zum Streit darüber, wer Entscheide treffen und wer auftreten kann. Dazu kommt, dass sie auch mit anderem beschäftigt sind. Oft tun sie nicht, was sie zugesagt haben, weil etwas Dringendes sie abhält. An einer Veranstaltung erscheinen sie nicht - oft mit einer Entschuldigung, die sehr gut klingt.
Bei Leitern auf meiner Ebene besteht die Erwartung, dass ich mich um ihre persönlichen Angelegenheiten kümmere. Als Freunde verlangen sie, dass ich Zeit für sie einsetze. Doch ich habe schon genug zu tun; meine Agenda ist voll. Was kann ich noch leisten, wenn ich zwei Dutzend solche Freunde haben, die mich ständig beanspruchen? Sie würden meine ganze Energie brauchen.
Ein anderes Problem ist die provinzielle Einstellung vieler Christen...
Was verstehen Sie darunter?
Vor sechs Jahrzehnten, als Indien seine Unabhängigkeit errungen hatte, mussten westliche Missionare das Land verlassen. In der Folge nahmen Südinder aus den Gliestaaten Tamil Nadu und Kerala die Mission in ihre Hände. Sie zogen nach Norden und bauten Gemeinden und Werke auf. Die Tamilen wurden aus dem Ausland unterstützt, aus Singapur und Malaysia, weil im Zuge des Zweiten Weltkriegs eine grosse Zahl von Tamilen dorthin gebracht worden war. Die Missionare profitierten von ihrem wachsenden Wohlstand. Die Malayalis von Kerala bauten im Westen Beziehungen auf und wurden von dort unterstützt.
Wenn westliche Kirchen sich in Indien engagieren, sind ihre Verbindungsleute in aller Regel Südinder. Sie kamen nach Nordindien und leisteten eine gewaltige Arbeit - aber sie begingen denselben Fehler wie die westlichen Missionare vor ihnen: Sie pfropften der Missionsarbeit ihre eigene Kultur auf. Zweitens blieben sie an der Spitze; sie übergaben die Leitung nicht Einheimischen. Diese wurden gar nicht an Leitungsaufgaben herangeführt. Bis vor kurzem war es klar: Die Nordinder leisten sehr gute Arbeit an der Basis - aber als Leiter taugen sie nicht; sie sind nicht gebildet und Gelder kann man ihnen nicht anvertrauen. Ich entgegne: Wie weiss man das, wenn man ihnen nie Gelder anvertraut hat? Wie viele Skandale gibt es von Südindern, die Gelder nicht gemäss ihrer Bestimmung verwendet haben.
Sie stammen aus dem Norden. Wie ist es Ihnen ergangen?
Es gab Rückschläge, doch Gott wird schliesslich vollbringen, was er sich vorgenommen hat. Er ist der Meister auch im Ersetzen von Leitern. In der Bibel finden Sie zahlreiche Beispiele. Wenn ich den Auftrag nicht treu erfülle, werde ich ersetzt - das weiss ich genau. Gott hat keine Lieblingskinder.
Es war dringend nötig, dass in Nordindien einheimische Christen Leitungsverantwortung übernahmen. Der Heilige Geist wusste das. Wer wollte sich dem widersetzen? In den letzten Jahren haben Nordinder sich als Leiter etabliert.
In welchem Verhältnis stehen südindische und einheimische Leiter im Norden Indiens?
In der Hauptstadt Delhi bilden die tamilischen Pastoren seit Jahren eine Gemeinschaft, auch die Malayali-Pastoren. Vor einigen Jahren bemühte sich die Evangelical Fellowship of India (EFI, evangelischer Kirchen- und Gemeindeverband), die Pastoren zusammenzubringen, deren Muttersprache die nordindische Hauptsprache Hindi ist. Dies versuchten die Südinder zu verhindern mit der Behauptung, man wolle gegen sie arbeiten. Dass Nordinder zusammenstehen, passte ihnen nicht. Dem EFI-Generalsekretär Richard Howell unterstellte man, er sei gegen die Leiter aus dem Süden eingestellt - einfach weil er selbst aus dem Norden stammt.
Ich baute in Delhi ein Netzwerk auf. Fünf Leute halfen mir dabei. Meine Geldmittel waren begrenzt. Finanzkräftige Südinder haben sie alle abgeworben. Ihre Mitarbeiter an der Basis kamen aber weiterhin auch zu meinen Treffen! Während ich in meinen Versammlungen darauf abzielte, der Stadt Jesus als Herrn zu verkündigen, war es ihr Ziel, die Christen zum Gebet zu einen.
Was tun Nordinder gegen die Geringschätzung?
Die Nordinder lassen Angriffe über sich ergehen. Wenn sie sich wehren, wird von Streit gesprochen. Intelligenz und Durchsetzungskraft fürs Leiten spricht man ihnen ab. Die Frage der Effizienz stellt man nicht. In den Missionswerken stehen bis auf ganz wenige Ausnahmen Südinder an der Spitze und entscheiden über die Mittelverwendung. Ich bezeichne sie als südindische Organisationen - auch wenn 5000 Nordinder im Feld für sie die Arbeit tun. Dabei würde die Leitung durch Nordinder den Ruf der Werke in diesen Gliedstaaten verbessern. Kurz: Provinzielles Gehabe hindert die christliche Arbeit in Nord- und Südindien.
Zu alledem kommt das Kastensystem der Hindus, das keineswegs aus der Welt geschafft werden konnte, sondern das Denken der meisten Inder nach wie vor bestimmt. Wie gehen Sie mit den Trennungen um, die es mit sich bringt?
Die Kaste macht bei uns nicht mehr viel aus. Meine Teamleiter kommen aus unterschiedlichen Kasten. Wenn die Menschen zu Christus kommen, wird die Wirkung des Kastendenkens zu einem grossen Teil aufgehoben - in Nordindien. In Südindien sieht es anders aus: Manche Gemeinden haben für ihre Glieder, die zwei Kasten angehören, zwei Gottesdienste. Eine grosse Pfingstgemeinde bietet den Hochkasten-Christen und den anderen gesonderte Gottesdienste an.
Es geht nicht darum, dass sie sich miteinander unwohl fühlen würden, sondern um Einfluss. In Nordindien haben wir dieses Problem nicht: Wenn Menschen zu Christus kommen, finden sie sich in der Gemeinde ein. Die Einheit in Christus lässt die Herkunft in den Hintergrund treten. Im Norden wie im Süden sind die meisten Christen Dalits. Doch in den letzten Jahren wächst unter Kastenhindus auch des Nordens das Interesse am christlichen Glauben.
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