Unerhörte Gebete

Warum antwortet Gott nicht?

Der eine betet um einen Parkplatz auf dem Weg zur Arbeit und findet ihn direkt. Die andere betet darum, dass ihr krebskranker Sohn überlebt – und er stirbt. Wie gehe ich damit um? Warum antwortet Gott auf manche Gebete einfach nicht? Kurz gesagt: Ich weiss es nicht! Doch einiges lässt sich über diese schwierige Frage von Christen trotzdem sagen.

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Vorneweg: Ich rede hier nicht von Gebeten wie: «Herr, lass mich am Samstag den Jackpot knacken». Mir geht es um diejenigen, die krank, verletzt, beladen und bedrängt sind und sich damit an die einzige Adresse wenden, die ihnen sinnvoll scheint, an Gott. Doch der scheint nicht zu antworten. Jedenfalls erhört er ihre Gebete nicht.

Vorsicht vor schnellen Antworten

Ich weiss nicht, warum Gott auf so viele verzweifelte Gebete nicht antwortet, die gläubige, treue und aufrichtige Menschen von Herzen sprechen. Egal ob es dabei um Krebs, Missbrauch in der Familie, Krisen in der Welt oder die eigenen Kinder geht, die vielleicht von Gott nichts wissen wollen. Was ich aber am wenigsten verstehe, ist, dass manche Christen – Asche über mein Haupt: ich auch manchmal – sehr schnell die Antwort parat haben, die Gott nicht gibt. Und die sich meistens in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt, wie zum Beispiel:

  • Gott hat mit allem einen Plan.
  • Seine Wege sind höher als unsere Wege.
  • Wir leben in einer gefallenen Welt.
  • Gott hat einen anderen Zeitplan als wir.
  • Er ist bei uns in unserem Leid.
  • Der Regen fällt nun mal auf Gerechte und Ungerechte.
  • Manchmal sagt Gott eben «nein» oder «warte».

In jeder dieser Aussagen liegt ein Körnchen Wahrheit – es ist aber keine Liebe darin enthalten. Wenn ich am Boden zerstört und völlig verzweifelt bin, dann wird mich keiner dieser Sätze aufbauen oder Gott auch nur einen Schritt näher bringen. Denn diese Gedanken haben meiner Meinung nach nur einen Sinn: Wer sie gebraucht, hält sich damit das eigentliche Problem und den Leidenden selbst vom Leibe. Das ist sehr effektiv, denn damit kann man dem Betenden wieder den «Schwarzen Peter» zuschieben – jetzt ist es seine Sache.

Aber die Bibel verspricht doch …

Was die Grundfrage nach unerhörtem Gebet nicht leichter macht, sind die zahlreichen Zusagen der Bibel. Sie scheinen alle zu sagen: Wenn gläubige Menschen sich vertrauensvoll mit einem echten Problem an Gott wenden, dann wird er sie erhören. Wie zum Beispiel:

  • «Darum sage ich euch: Wenn ihr betet und um etwas bittet, dann glaubt, dass ihr es empfangen habt, und die Bitte wird euch erfüllt werden, was immer es auch sei» (Markusevangelium, Kapitel 11, Vers 24).
  • Wir «werden alles bekommen, was wir von ihm erbitten; denn wir befolgen seine Gebote und tun das, was ihm gefällt» (1. Johannes Kapitel 3 Vers 22).
  • und viele weitere mehr

Warum finde ich in der Bibel so viele Verheissungen für Gebete, wenn ich gleichzeitig immer wieder erlebe, dass meine – und die von vielen anderen – nicht erhört werden? Ich weiss es nicht. Ich kann mir diese Kluft zwischen Gottes Versprechen und seiner ausbleibenden Antwort, wenn ich leide, nicht erklären. Was mir trotz aller Fragezeichen weiterhilft, ist Hiob. Er hatte dieselben Fragen, Zweifel und Probleme. Er hatte auch keine Antwort – übrigens bis zum Schluss nicht! –, doch in einer Art trotzigem Glauben wandte er sich trotzdem an Gott. «An wen sonst?», mag er gedacht haben, als er ihn anklagte, fragte und mit ihm rang, obwohl sein «Warum?» unbeantwortet blieb.

Was tun?

Scheinbar kann ich, wie so viele vor mir, die Frage nach dem unerhörten Gebet nicht auflösen. Aber was tue ich, wenn es keine theoretische Frage mehr ist, sondern eine, die mich persönlich betrifft? Ein Teil meiner Antwort steckt bereits im letzten Absatz, in der Geschichte Hiobs. Darüber hinaus tröstet es mich, dass Glaube nicht nur aus Lobpreis und Dank besteht, sondern auch Raum hat für Klage, Zorn und Unverständnis. Gott hat genau das bei Hiob und so manchen Psalmschreibern ausgehalten – er hält es auch bei mir aus. Aber festhalten an diesem manchmal so unverständlichen Gott, das möchte ich!

Und wenn ich mit dem Leid von anderen Menschen konfrontiert bin? Dann sind offensichtlich keine markigen Sätze gefragt, sondern trösten, da sein, zuhören, für den anderen beten. Um meine Lösungsvorschläge geht es nicht. Eher darum, die Wut und Enttäuschung des anderen einfach stehenzulassen. Er hat das Recht dazu! Und ich bin nicht als Gottes Anwalt zu ihm gekommen. Karl Vaters schlägt vor: «Bete mit denen, die beten; weine mit denen, die weinen, und klage mit denen, die klagen. Wir werden ihre Fragen nicht immer beantworten können. Aber wenn jemand trauert, ist es immer die richtige Antwort, einfach bei ihnen zu sein.»

Zum Thema:
Nachgefragt: Erhört Gott wirklich Gebete
Glaube praktisch: Warum Beten oft so langweilig scheint
Gott ist da: Wie man beten kann, wenn einem die Worte fehlen

Datum: 20.03.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Christian Today

Kommentare

Solche "Antworten" müssen nicht unbedingt mit Lieblosigkeit zu tun haben, sie können auch eine Mischung aus Hilflosigkeit und Trotz sein, eben wie bei Hiob. Da ist eine junge gläubige Mutter, die sich vorbildlich für Familie und Gemeinde einsetzt und doch unheilbar erkrankt und stirbt, obwohl so viele für sie zu Gott gefleht haben und deren kleine Kinder nun ohne Mami aufwachsen müssen. Da können solche Sätze die einzigen Krücken sein, bis man wieder Boden unter den Füssen hat. Platte Hilflosigkeit in Krisen wird auch durch Botschaften genährt, die die Menschen mit übertriebenen Heilungsversprechen euphorisieren, statt sie darauf vorzubereiten, dass Gott auch anders entscheiden kann.

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