Sommer-Konferenzen
Evangelische Wegweiser im religiösen Wirrwarr
An der Jahreskonferenz der Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz im thüringischen Bad Blankenburg, die vom 27. Juli bis 1. August stattfand, ging es um aktuelle Herausforderungen für Gemeinden. Die Konferenz für geistliche Erneuerung auf St. Chrischona bei Basel fragt in dieser Woche nach dem «Leben in veränderten Zeiten». Im nordenglischen Keswick, Zentrum geistlicher Zurüstung seit dem späten 19. Jahrhundert, finden sich Christen vom 17. Juli bis 6. August zu Lobpreis und Vorträgen ein. Heuer geht es um Christus-zentrierte Erneuerung.
Life-Balance und Zukunftswerkstatt
Die Konferenz für geistliche Erneuerung auf St. Chrischona, die diese Woche stattfindet, feierte am Montag 60 Jahre. Morgens gibt's ein Bibelstudium, nachmittags Seminare (am Montag: Nachmittag der Stille, für eine persönliche Standortbestimmung) und abends Vorträge sowie ein Theater mit Eric Wehrlin. Am Donnerstagabend diskutieren Martin Bühlmann (Vineyard Bern), Marianne Baumberger und Chrischona-Direktor Markus Müller in einer «Zukunftswerkstatt»; es folgt ein Nachtkino. Die Seminare decken theologische und biblische Themen, Seelsorge (Ehe, Sexualität), geistliches Wachstum und Lebensgestaltung, Israel und Islam ab.
Noch Sehnsucht nach dem Himmel?
An der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg stellte der Württemberger Altpietist Steffen Kern die Diagnose, dass viele Christen den Himmel und die Gemeinschaft mit Gott gar nicht mehr ersehnen. Sie hätten sich in ihrem Leben so eingerichtet, als würden sie für immer auf der Erde leben. Rolf Trauernicht vom evangelischen Fachverband für Sexualethik und Seelsorge «Weisses Kreuz» befand, in christlichen Kreisen fehle es weithin an «echten Männern». Daher hätten in mehr Gemeinden Frauen das Sagen. Männer sollten liebevoll, fürsorglich und entscheidungsfreudig «Haupt» sein, sagte Trauernicht in Anlehnung an die Worte des Apostels Paulus. Beziehungsschwach und unsicher
Gemäss einer Umfrage suchen Millionen deutsche Männer ihre Rolle; ein Viertel der Befragten balanciert zwischen alten und neuen Rollen. Diese Rollen-Unsicherheit bringt Trauernicht mit der Gender-Mainstreaming-Bewegung, die die natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau aufheben wolle. Er wies auch auf die Tatsache hin, dass immer mehr Deutsche sich nicht mehr auf Dauer binden wollen. Die Zahl der Ehescheidungen sei zwischen 1900 und 2000 um das 21-fache gestiegen. Gründe für diese Entwicklung sieht Trauernicht unter anderem in fehlenden Vorbildern und vorehelicher Sexualität.Schweigende Christen - postchristliche Umgebung
Die Zahl der Christen in Europa geht zurück - nicht nur als Folge der Aufklärung und kommunistischer Herrschaft. Als weiteren Grund nannte der Prager Theologe Jiri Unger, Vorsitzende der Europäischen Evangelischen Allianz , die Gleichgültigkeit vieler Christen. Sie betrachteten ihren Glauben als Privatsache und sprächen nicht mit anderen darüber. In den meisten Ländern Europas spiele die Kirche nur noch eine untergeordnete Rolle, sagte Unger in Bad Blankenburg. «Wir leben in einer post-christlichen Gesellschaft, die meint, Gott nicht mehr zu brauchen.» In den Medien, der Politik oder der Kunst seien feste Glaubens- und Werteüberzeugungen die Ausnahme. Der Prager rief die Besucher der Konferenz auf, ihren Glauben im Alltag zu bekennen. «Wenn wir das tun, bin ich sicher, dass wir auch weiterhin das Salz der Erde sein können.»Was Gemeinden wachsen lässt
Gemeinden können nicht aus eigener Kraft wachsen. Maike Sachs von der württembergischen Landeskirche sagte in Bad Blankenburg, das Wachstum hänge nicht in erster Linie an Finanzen, sondern daran, ob Gemeinden «aus dem Glauben an den lebendigen Christus» lebten. Viele der Kirche fernstehende Menschen seien in ihrem Innersten auf der Suche nach Gott. «Wem begegnen diese Menschen, wenn sie in unsere Gemeinden kommen? Ihm oder uns?» Christen sollten Gott weder verharmlosen noch verniedlichen und sich nicht scheuen, auch von Sünde und Gott als Richter zu reden.Ein Gott, an dem man vorbei kommt
Einen Gott, der nur lieb sei, empfänden viele Menschen als entbehrlich, sagte designierte Leiter der Akademie in Wiedenest, Horst Afflerbach. Er empfahl Christen, ihre Beziehung zu Gott zu pflegen. Je mehr diese vernachlässigt werde, desto grösser sei die Gefahr, das Herz an Götzen wie Geld, Erfolg oder Gesundheit zu hängen.Christliche Gemeinden in Deutschland sollten sich stärker für Ausländer öffnen. Das forderte der Integrationsbeauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz, Horst Pietzsch. Die Chance werde zu wenig genutzt. Eine grössere Offenheit trage auch zur Integration von Ausländern bei. Wer Freunde und Bekannte in dem Land habe, in dem er erst seit kurzem lebe, sei eher bereit, die Sprache zu lernen und sich anzupassen, so Pietzsch.
Spiritualität statt Glaube
Im nordenglischen Keswick zeichneten Referenten den geistlichen Zustand des Kontinents mit harten Strichen. In Westeuropa sehe man «leeres Namenschristentum» und «verworrene Spiritualität», sagte der Theologe Jonathan Lamb. Millionen Menschen bezeichneten sich zwar als Christen, aber sie gründeten sich dabei nicht auf den Glauben, sondern auf ihre Kultur, Volkszugehörigkeit oder Familientradition. Sie liessen geistliche Lebendigkeit vermissen. Spiritualität sei in Europa zwar «en vogue», aber viele suchten nach religiösen Wegen an Christus vorbei, sagte der US-Theologe Don Carson.Der Londoner Baptistenpastor Derek Tidball warnte davor, Evangelisationen vor allem nach Marketinggesichtspunkten zu gestalten und mit dem Evangelium hinter dem Berg zu halten. «Wir verkaufen keine Autos oder Waschpulver. Wir stehen in einem geistlichen Kampf.» Die Tagungen in Keswick finden jährlich seit 1875 statt. In diesem Jahr werden vom 17. Juli bis 6. August insgesamt 12‘000 Teilnehmer erwartet.
Webseiten:
Bad Blankenburg
St. Chrischona
Keswick
Quelle: Livenet/idea, Chrischona
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