Postmoderne
«Aussenseiterkirche mit Ausstrahlung»
Nach dem Zerbrechen der «grossen Erzählungen» (Jean-François Lyotard), jener Leitvorstellungen, die bis 1945 den weltanschaulichen Rahmen der Moderne bildeten, hat sich laut Kurz ein Ersatz hergestellt. Nach 1990 hat sich «der Markt zur grossen Erzählung der Postmoderne entwickelt». Die Logik des Marktes - dass alles als Ware deklariert werden kann, - durchdringe jeden Lebensbereich. Zudem werden Medien wichtiger: «Wenn es nichts mehr gibt, was Menschen fraglos eint, kommt es zu sehr mühsamen Kommunikationsprozessen.»
Gelesen, aber nicht mehr verstanden
Kirchen reagierten auf die neue Unübersichtlichkeit entweder mit Abschottung oder mit dem Versuch, als Autorität den religiösen Markt zu beeinflussen, sagte Kurz, Pfarrer in Rohrbach BE, vor den 70 Teilnehmenden der LKF-Tagung. So böten sich Reformierte für die Moderation interreligiöser Gespräche oder ethischer Debatten an. Doch würden sie von aussen anders gelesen, als sie sich selbst verstünden. Anderseits vergeistlichten Kirchen den Markt, was ähnlich verhängnisvoll sei. Dann werde Wachstum zum Segen erklärt, Kirche entsprechend Kundenbedürfnissen gestaltet und es entstünden «Gleichgesinntenvereine ohne Ausstrahlung nach aussen».«Wir gehören nicht mehr zum Kern»
Doch wie das Evangelium im 1. Jahrhundert Sklaven und Freie, Juden und Griechen eins machte (Die Bibel, Galaterbrief, Kapitel 3, Vers 28), hat auch heute jene Kirche, die verschiedene Menschengruppen verbindet, mehr Ausstrahlung. Kurz sieht die Kirchen in der Postmoderne in einer «Aussenseiterrolle» - doch gerade da, von aussen, könnten sie schärfer wahrnehmen, was in der Gesellschaft abgehe.Webseite von Pfr. Kurz' Kirchgemeinde Rohrbach
Experimentieren
Thurgauer Perspektiven
In einem Grusswort skizzierte der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer Zukunftsperspektiven. Vielleicht bleibe die Kirche «eine Instanz für die Gesamtgesellschaft», doch eine nächste Generation werde von anderen Voraussetzungen ausgehen. Darum «braucht es einen Mentalitätswandel, der nicht so leicht herbeizuführen ist: vom Gewohnten zum bewussten Ja, den Glauben leben zu wollen, auch in einer Minderheitensituation.»Webseite der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau
«Jahrhundert der Südkirche»
AGIK: Allianz-Plattform für interkulturelle Zusammenarbeit
Zu den Menschen gehen
«Die Kirche, wie wir sie kennen, muss neue Wege einschlagen, wenn sie künftig bestehen will.» Pfr. Thomas Beerle, der im Auftrag der St. Galler Landeskirche in der Region Werdenberg im Rheintal Neues versucht, betonte an der Tagung das Hingehen zu den Menschen. «Mit ihnen Glauben entdecken und neue Formen von Kirche entwickeln»: dies kann beispielsweise im Vermitteln und evangelischen Deuten bildender Kunst an einer Ausstellung geschehen. Kunst als Trägerin der Botschaft. Mit Freiwilligen baut Beerle ein Café für Asylbewerber auf - «dass Gruppen von Menschen entstehen, die auf den Glauben zu - und mit dem Glauben auf den Weg - gehen».Projekte in der Region Werdenberg
Verkündigung und Diakonie miteinander: So konnte sich die Zürcher Streetchurch entwickeln. Pfr. Markus Giger, ihr Leiter, betonte, ein jugendgerechter Gottesdienst stehe für Junge nicht im Vordergrund, sondern ganzheitliche Begleitung. «Wenn sie es nicht im Alltag erleben können, hat Gottesdienst und Kirche keine Relevanz.» Die Streetchurch, die von den reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich initiiert wurde, bietet neu eine ‚Lifeschool' für Jugendliche an, die sonst die Kurve nicht kriegen. «Saubere Jungs für saubere Fenster» gibt Jungen Arbeit - wenn sie sich verpflichten, ihr Leben in Ordnung zu bringen. In allem gelte es, «junge Menschen ganz ernst zu nehmen mit dem, was sie herumtragen», sagte Giger. Jugendarbeit sei jahrelange Beziehungsarbeit; um sie zu entwickeln, brauche das Team grosse Freiheiten.Kirchenferne Schweizer
Das abschliessende Podium nahm konkrete Fragen auf. Im Alltag der Kirchgemeinde, sagte Alex Kurz, soll man «parat sein, auf Situationen ohne grosses Konzept wach zu reagieren». Anderseits gehe es nicht darum, allen etwas bieten zu wollen. Thomas Beerle empfahl den Teilnehmenden, bewusst in neue Bereiche, in eine bisher unbekannte Szene hineinzugehen. Viele Segmente der Bevölkerung lebten heute fern der Kirche. Martin Voegelin unterstrich, dass evangelische Gemeinden sich ergänzen können. LKF-Präsident Alfred Aeppli hielt fest, dass die Volkskirche ihr Grundangebot nicht streichen kann, wenn sie neue Schwerpunkte setzen will. Für Alex Kurz kommt es darauf an, dass Initiativen von kirchlichen Mitarbeitenden abzuspüren ist: Es gibt (nur) eine Kirche -nicht meine und diese und jene.Webseite des Landeskirchenforums
Datum:
10.11.2009
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch
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