Irland
Alte Wunden heilen
Shirley Bowers lebt im mittelenglischen Huntingdon, dem Geburtsort von Oliver Cromwell, der 1649 Irland eroberte, verheerte und die Iren blutig und erbarmungslos unterwarf – eine Tragödie für das Inselvolk, die, seiner Seele eingeschrieben, bis heute nachwirkt. Bowers und ein Team von Beterinnen haben seit 2002 Brücken der Versöhnung zwischen Briten und Iren gebaut. Diesem Unterfangen waren über zehn Jahre des Gebets für die Einigung der Christen in Huntingdon und Umgebung vorangegangen.
In ihrem Buch „In der Geschichte liegt die Hoffnung“ beschreibt Bowers, wie Gott sie zurüstete und führte, und skizziert den Weg der Versöhnung. Livenet sprach mit Shirley Bowers und Rosemary Smith bei ihrem Besuch in Thun im September 2007.
Livenet: Shirley Bowers, wissen Sie, was Ihr Gebetsnetzwerk ‚Arise Ministries’ im Friedensprozess in Nordirland bewirkt hat?
Shirley Bowers: Es geht darum zu verstehen, wie tief die Menschen von der Vergangenheit geprägt sind. Gerry Adams (1) war genauso verletzt wie jeder andere. Er hat selbst ein Buch geschrieben mit dem Titel ‚Hope and History – Making Peace in Ireland’. Er musste auch erst erfahren, was Gott für sein Volk getan hatte. Was er persönlich glaubt, weiss ich nicht. Ich beschloss, ihm mein Buch zu senden. Er schrieb mir zurück, dass er sich für den Frieden einsetzen werde, und brachte zum Ausdruck, dass wir weiter für ihn beten sollten. Ich bete, dass er das Buch selbst liest und hört, was Gott – nicht ein Politiker – in Irland getan hat.
Was bedeutet es, dass Sie vom Geburtsort Oliver Cromwells stammen?
Als ich nach Irland reiste und darauf den Brief mit der Bitte um Vergebung in die Orte brachte, die Cromwells Truppen verwüstet hatten, weinten so viele Leute und waren tief gerührt. Es war offensichtlich, dass Gott allein dies hatte wirken können. Er hat mich gerufen, in den Riss zu stehen, hinzustehen für das, was Cromwell angerichtet hatte. Nun steht man hin für den ganzen Mann, das Arge und das Gute. Man kann auch für alles Gute danken, was er getan hat, was Gottes Willen entsprach und richtig und gerecht war. Aber es gilt auch all das zu sehen, was Schmerzen und Leid verursacht hat.
Was weiss man in England über diese Vorgänge?
Wir haben entdeckt, dass dieser Abschnitt der Geschichte in unseren Schulen nicht angemessen gelehrt worden ist. Andererseits haben irische Historiker Busse getan haben über die Weise, wie sie Geschichte lehrten. Sie haben erkannt, dass sie im Unterricht die Wut und Erbitterung fortpflanzten, dass sie den Ressentiments weitere Nahrung gaben. Wir erlebten das 2002 bei einem Geschichtslehrer und auch in den Jahren seither. In der Folge des Besuchs des stellvertretenden Bürgermeisters von Huntingdon in Irland 2003 ist ein Schüleraustausch aufgebaut worden, der dem gegenseitigen Verstehen dienen soll. Geschichte soll Geschichte werden – und die Zukunft von Hoffnung bestimmt sein. Es darf nicht sein, dass wir der Bitterkeit erlauben, von Generation zu Generation fortzudauern.
Welche Rolle spielt der Brief, den Sie nach Irland brachten?
Wie stark ist Ihre Gebetsbewegung?
Das Kernteam von ‚Arise Ministries’ besteht aus etwa zehn Personen. Einige haben unsere Grundsätze von Gebet und Versöhnung mitgenommen und sind an andere Orte oder ins Ausland gezogen. Wir sind ein Netzwerk.
Von wem haben Sie das gelernt?
Gott zeigte mir den Weg Schritt um Schritt. Entscheidende Impulse gab John Mulinde, indem er mich lehrte, einen Gebetsaltar für meine Familie aufzurichten und anhaltend für mein Gebiet zu beten. Wir motivierten Leute in jedem Ort, jedem Dorf unseres Gebiets, dies zu tun. Alle Beterinnen und Beter trafen sich einmal monatlich. Wir kamen aus ganz verschiedenen christlichen Kirchen zum Gebet zusammen und brachen die Uneinigkeit, die unser Gebiet prägte. Preis dem Herrn, ich bin dankbar, dass dies geschah. Wir erleben eine geistliche Einheit wie noch nie zuvor. Pastoren bestätigen, dass sie das nirgendwo sonst erlebt haben.
Rosemary Smith: Vor zwanzig Jahren sah das noch ganz anders aus. Wir hatten wohl eine der uneinigsten Kirchenszenen. „Mit euch reden wir nicht“ – diese Einstellung war verbreitet. Pastoren sprachen schlecht übereinander. Es kam vor, dass Glieder einer anglikanischen Gemeinde nicht in die andere anglikanische Gemeinde gehen wollten. Dies scheint vorbei, Gott sei gelobt. Der Unterschied zwischen damals und heute ist zum Staunen.
Shirley Bowers: Vor zwanzig Jahren begannen wir für Einheit zu beten. Wir baten Gott nicht nur, die Uneinigkeit zu heilen, sondern fragten, was sie verursacht hatte, welche geistlichen Mächte darin wirksam waren, denen wir noch nicht gewehrt haben.
Wie sehen Sie den Friedensprozess in Nordirland?
Nordirland: Gott hatte uns gesagt, dass es zu einer Koalitionsregierung kommen würde. Das
Was beschäftigt Sie nun?
2002 gab mir eine Frau in Wexford ein Buch mit dem Titel ‚To Hell or Barbados’. Ich hatte vernommen, dass durch Cromwell und seine Männer irische Katholiken in die Sklaverei verkauft wurden, aber mich nicht damit beschäftigt. Erst in diesem Jahr habe ich das Buch gelesen – es traf mich mitten ins Herz. Ich erkannte die tiefen Wurzeln der Kräfte, welche Irland und England geprägt haben: Wir haben Männer, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft, nach Barbados, Jamaica und Nordamerika. Cromwell und sein Kreis taten dies zur Finanzierung des Commonwealth. Der Autor des historischen Werks hat herausgefunden, dass Nachkommen jener Menschen auf Barbados heute noch wie Sklaven leben.
Cromwell wollte die unbotmässigen Iren loswerden. Soldaten wurden nach Polen, Österreich und Frankreich verkauft. Sie konnten ihre Familien nicht mitnehmen und durften nicht zurückkehren; ihr Leben durften sie bloss behalten, wenn sie für diese fremden Mächte kämpften. Die Menschen auf Barbados sind immer noch unfrei: Viele sind Alkoholiker und haben keine rechte Schulbildung. In der Kirche sitzen sie auf Sklavenbänken. Der Autor beschliesst sein Buch mit dem Wunsch, dass sich einmal jemand für diese Vergessenen einsetzt.
Und das wollen Sie tun?
„Wenn Gott eingreift“: Shirley Bowers’ Buch über ihren Gebets- und Versöhnungsdienst
Webseite von Arise Ministries
Shirley Bowers:
In der Geschichte liegt die Hoffnung
Aufbruch zu einer Reise der Heilung und Versöhnung
Vorwort von John Mulinde
276 Seiten. Verlag Gottfried Bernard, Solingen, 2007
ISBN 978-3-938677-19-3
(1) Gerry Adams ist der Führer der Sinn Fein-Partei, der sich zum Gewaltverzicht entschloss und am 26. März 2007 zum erstenmal mit Ian Paisley zusammentraf, um eine Zusammenarbeit in der nordirischen Regierung zu vereinbaren. Er amtet in ihr als First Minister.
(2) Im Zeitalter der Religionskriege – auf dem Kontinent tobte der Dreissigjährige Krieg – wurde auch auf den Britischen Inseln um die konfessionelle Ausrichtung gekämpft. Oliver Cromwell, 1599 in Huntingdon geboren, kämpfte für die Sache der Puritaner, zuerst im englischen Parlament und im Bürgerkrieg (ab 1642) als Führer einer Armee. Nachdem er die Hinrichtung von König Charles I. betrieben hatte, schlug er den Aufstand der Iren ab 1649 mit grösster Härte nieder http://en.wikipedia.org/wiki/Cromwellian_conquest_of_Ireland und schlug die Schotten. Von 1653 bis zu seinem Tod 1658 regierte er als Lord Protector.
(3) Der alttestamentliche Prophet Hesekiel brachte zum Ausdruck, dass Gott Fürbitter suchte, die vor ihm für das Volk, das sich von ihm abgewandt hatte, beharrlich eintreten und um Gnade und Wiederherstellung des ursprünglichen Bundesverhältnisses ringen würden (Hesekiel 22,30). Die Bedeutung der Fürbitte zeigt sich auch bei der Schlacht mit den Amalekitern, als zwei Männer Mose halfen, die Hände zu Gott emporzuheben (2. Mose 17,8-13).
(4) Der Wortlaut des Briefs, den Shirley Bowers und ihr Team 2003 von Huntingdon nach Irland brachten und in Kirchen und Stadthäusern übergaben:
„An die Kirchen, Gemeinden und christlichen Gemeinschaften in Irland.
Liebe Freunde in Christus,
wir, die Mitglieder von ‚Churches Together’ in Huntingdon, grüssen unsere Brüder und Schwestern in den Kirchen, Gemeinden und Städten Drogheda, Wexford und überall sonst in Irland sehr herzlich.
Wir möchten Euch mitteilen, dass wir in unseren Herzen voll und ganz hinter der Versöhnung, der christlichen Liebe und der Gemeinschaft stehen, die dieser Marsch repräsentiert. Unsere Stadt wird seit vielen Jahren mit Oliver Cromwell in Verbindung gebracht. In den Kirchen und Gemeinden vor Ort erkennen wir an, wie viel Schmerz es bedeutete und immer noch bedeutet, dass er nach Irland kam. Das tut uns von ganzem Herzen leid.
Es ist unsere Hoffnung, dass wir durch diesen Marsch gemeinsam Zeit verbringen und beten werden, wodurch die Einheit sichtbar wird, für die unsere Heiland gebetet hat.
Der Herr segne Euch und schenke Euch Frieden. Euer herrliches Land komme in den Genuss seines überreichen Segens.
Als Christen übermitteln wir Euch unsere Grüsse im Namen unseres Heilands und Herrn Jesus Christus“
Bilder: C Verlag Gottfried Bernard
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