Kommentar

Gezeitenwechsel

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Am Zukunftskongress in Wittenberg wurde über die Zukunft der evangelischen Kirchen diskutiert.
Was einst in den evangelischen Kirchen in Deutschland heftig bekämpft wurde, ist nun zentraler Bestandteil eines hoffnungsvollen Zukunftsprogrammes: Gemeinden sollen sich nicht nur als Anlaufstelle für ein Dorf oder einen Stadtteil verstehen und dort möglichst alle Menschen ansprechen. Künftig soll es auch möglich sein, dass Gemeinden ein spezielles inhaltliches Profil entwickeln, um bestimmte Zielgruppen – junge Menschen, Familien, Menschen in der Stadt – zu erreichen.

Solche Profilgemeinden sind mehr als eine gute Idee. Dass in Wittenberg darüber diskutiert wurde, bedeutet einen radikalen Kurswechsel in den evangelischen Kirchen! Warum? Weil man bisher der Meinung war, Kirche müsse für alle Menschen da sein. Was ganz gut klingt, war in der Praxis aber nicht zu machen. Kirche war über alle Zeiten am Mittelstand orientiert. Besondere Gruppen – und von ihnen gibt es immer mehr – wurden so nicht erreicht, dennoch hielt man den Traum von der Kirche für alle aufrecht. Aber wo sind die Arbeiter, die Ausländer, die Randgruppen, die jungen Menschen, die jungen Familien, die Reichen, die Künstler, die Männer?

1993 initiierte die „Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche“ (GGE) gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft für Gemeindeaufbau“ (AGGA) eine Konferenz in Erlangen. Erstmals wagte man über Gemeindegründungen und spezielle Profile von Gemeinden in der evangelischen Kirche nachzudenken – und löste einen Sturm der Entrüstung aus.

Für Profilgemeinden

Was damals als abenteuerlich und amerikanisch galt, hat nun Einzug in die Zukunftspläne gehalten. Das Umdenken ist kein Zufall. Angesichts von Mitgliederschwund, weniger Finanzkraft und dem Rückgang der Bevölkerung stehen die Kirchen vor riesigen Herausforderungen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, macht klar, dass sich die Kirche künftig mehr auf ihre Kernaufgaben konzentrieren muss – und das heisst Mission, also Weitergabe des Evangeliums. Huber macht sich zum Fürsprecher der Profilgemeinden.

Der Vorschlag wurde in Wittenberg – wie sollte es anders sein – kontrovers diskutiert. Aber die Tatsache, dass er Teil eines Reformprogrammes ist, zeigt einen Gezeitenwechsel in der Kirche an. Das ist gut so. Es lässt hoffen, dass eine Kirche, die immer weniger Geld und bezahlte Mitarbeiter hat, sich wieder auf das Wesentliche konzentriert: Zielgruppen in den Blick zu nehmen und von Jesus zu reden. Denn genau das ist der Auftrag der Kirche!

Datum: 02.02.2007
Autor: Norbert Abt

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