Säkulare Konkurrenz

Viele Bedürfnisse, eine Kirche?

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(Was) will man mehr? Wegweiser im Einkaufszentrum Westside in Bern.
Was Kirchen bieten, behaupten andere auch zu können. Sie preisen sich als Anbieter von Sinn, Wellness, Werten, Gemeinschaft, Ritualen an und räumen ab. Kurz: Die säkulare Konkurrenz boomt. Gibt's den Reformierten zu denken?

Die Verantwortlichen der reformierten Kirchen der Schweiz überlegen, wie sie mit ihrem Kirchenbund in die Zukunft gehen sollen, wenn die Zahl der Mitglieder weiter schrumpft und die Säkularisierung die Gesellschaft durchdringt. Die Kraft, sie zu prägen, könnte den Reformierten entfallen; doch mit vereinten Kräften oder besserer Absprache wäre mehr zu machen. Wenn manche dazu neigen, erst recht auf neue geistliche Aufbrüche und Wachstumsprozesse zu setzen - Tatsache ist, dass die reformierten Kirchen der Schweiz derzeit mit diesen «weltlichen» Gesichtspunkten die Revision der Verfassung des Kirchenbundes SEK angehen. In einem Bericht hat der Rat des SEK seine Sicht der Dinge dargelegt und Vorschläge gemacht. Bemerkenswert ist darin die Zusammenfassung einer noch unveröffentlichten soziologischen Studie von Jörg Stolz und Edmée Ballif, die acht Megatrends nennt.

Pfarrer in Konkurrenz zu...

Ein Hauptprozess, den die Soziologen beschreiben, ist die «Entflechtung gesellschaftlicher Teilsysteme von der Religion». Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur gebärden sich autonom, suchen und gehen ihre eigenen Wege - der Pfarrer im Dorf kann sie nicht daran hindern, auch nicht der Papst in Rom. Die christliche Religion wird an der öffentlichen Schule nicht mehr als die massgebende, sondern als eine von mehreren gehandelt. Die einzelnen Menschen werden, so die Analyse, immer verschiedener voneinander, auch in der Glaubenspraxis; dem entspricht eine verwirrende Vielfalt von Milieus: religiösen, pseudo-religiösen und scheinbar säkularen.

...pseudoreligiösen Marktschreiern

Besonders gibt zu denken, dass laut Stolz und Ballif die «Produkte» der Kirchen «zunehmend einer scharfen säkularen Konkurrenz ausgesetzt» sind. Konkret: «Die Menschen können und müssen sich überlegen, ob nicht andere, oftmals säkulare Angebote ihre Bedürfnisse besser und kostengünstiger befriedigen. Ihnen steht dabei eine grosse Auswahl an Möglichkeiten offen. Gemeinschaft wird auch von diversen Freizeitclubs (z.B. Sportclubs, Chöre usw.) angeboten. Spirituelle Aktivitäten sind auch im Rahmen von Wellness, der Populärpsychologie oder Esoterik zu haben. Rites de passage können immer häufiger auch durch private Ritualberater besorgt werden. Für die Erziehung der Kinder liegen eine grosse Anzahl von Sport-, Musik-, und Freizeitaktivitäten vor. Diakonie wird zu einem grossen Teil vom Staat in die Hand genommen. Werte werden auch von säkularen Organisationen, z .B. NGOs oder politischen Parteien verbreitet.»

Kreativ gegen die Marktlogik

Unterwerfen sich die evangelischen Kirchen der Marktlogik? In der Postmoderne haben sie allen Grund, sie zu unterlaufen. Dafür plädiert der Emmentaler Pfarrer Dr. Alex Kurz in seinem bemerkenswerten Buch «Zeitgemäss Kirche denken» (Kohlhammer, Stuttgart, 2007).

Vor allem haben die Kirchen - nicht nur die Reformierten, auch die Freikirchen - dem Trend zu begegnen, dass Menschen ihre Bedürfnisse sektoriell zu befriedigen suchen. Dass sie, gemäss dem Alltag eines Marktes, auch bei der Sinn- und Heilsuche den einen Anbieter für dies, den nächsten für das, den dritten für jenes nutzen. Die Kirchen können punkten; sie haben den säkularen Konkurrenten Erfahrung voraus (falls diese von Kunden noch geschätzt wird). Ihr Angebot ist zudem ganzheitlich, doch mit Akzent auf dem, was der innere Mensch braucht.

Gemeinschaft

Das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus auf dem Hintergrund der ganzen Botschaft der Bibel, spannt einen Raum des Lebens auf und lädt zur Gemeinschaft ein, die nicht verzweckt wird und unter dem Segen des allmächtigen Gottes stehen darf. Während Freikirchen Gemeinschaft nach wie vor, mit mehr oder weniger Erfolg, kultivieren, ist sie reformierterseits neu zu entdecken.

Kurz: Den Soziologen darf die Kanzel nicht überlassen werden. Aber: Ihre Perspektiven verdienen eine ernsthafte Debatte. Damit die Kirchen pflegen, was andere Anbieter nicht können.

Zum Thema:
Der Rat des SEK zur Verfassungsrevision (Megatrends auf Seiten 16-18)
Alex Kurz zur Lage der Kirchen im postmodernen Kontext
Datum: 20.05.2010

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