Niklaus Peter

Hoffen auf einen Reformator wie Karl Barth

Wie könnte die reformierte Kirche heute erneut reformiert werden? Der Zürcher Fraumünster-Pfarrer hat dazu seine ganz persönliche Meinung. Er reiht sich dabei unter die Theologen, die wieder ein Bekenntnis für die reformierte Kirche in der Schweiz wollen.

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Niklaus Peter
Pfarrer Niklaus Peter hat am Sonntagsgottesdienst eine volle Kirche. Die Leute reisen dazu auch von ziemlich weit her. Vermutlich nicht nur wegen der Chagall-Fenster, sondern wegen seiner kraftvollen Predigt. Kraftvolle Persönlichkeiten wünscht er sich auch heute, die eine Erneuerungsbewegung in Kirche und Gesellschaft bringen können, wie er in einem Interview mit der Aargauer Zeitung betonte.

Die Reformation zu feiern, bedeutet für Niklaus Peter, sich als Reformierte zu vergegenwärtigen, was damals angefangen hat und für uns heute immer noch wichtig ist. Für ihn war Luther der Theologieprofessor-Bibelwissenschafter, der aufgrund des Römerbrief-Studiums den radikalen Gedanken entwickelte, dass Gott Gerechtigkeit schenkt. Und dass dabei die Gnade entscheidend war und nicht Moral.

Auch Zwinglis Hauptschrift habe «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit» gehandelt. Peter ärgert sich: «Es gibt viele, die jetzt über Tourismusprojekte und alles Mögliche reden, aber ständig der Theologie ausweichen.»  

Er bekennt: «Ich selbst bin von Karl Barth geprägt.» Barth hat 1933 einen grossartigen Vortrag gehalten mit dem Titel «Reformation als Entscheidung». Barth habe derin betont, «dass Gott sich für uns entschieden hat». Nicht umgekehrt.

Keine Kirche ohne Bekenntnis

Im Unterschied zu den Freikirchen stellt er fest: «Unser Profil ist 'fuzzy', etwas unscharf. Ich bin auch da auf Karls Barths Fährten und sage: Eine Kirche ohne Bekenntnis ist keine Kirche mehr.»

Niklaus Peter plädiert für mehr Ernsthaftigkeit und Wort Gottes. «Ich glaube nicht, dass wir den Leuten nachhechten sollten, indem wir Party-Gottesdienste feiern oder Plakate aufhängen, auf denen 'Kirche macht Spass' steht. ... Die Leute sollen wissen, dass wir über zentrale Fragen nachdenken. Wir feiern und verinnerlichen gemeinsam ganz wichtige Dinge des Lebens – das ist Gottesdienst, das ist Christentum. Da könnten wir als Landeskirche entscheidende Spielzüge tun, aber oftmals tun wir sie nicht.»

Das Geheimnis eines guten Gottesdienstes

Die Kirche brauche mehr gute, leidenschaftliche Theologie. Eine, «die die Grammatik und den Grundwortschatz des Christentums lebt und pflegt.» Da brauche es gute Sprecherinnen und Sprecher, die selber christlich leben und kraftvoll predigen. «Ich warte da auf kraftvolle theologische Denker, auf 'Reformatoren'.»

Auf die Journalistenfrage, wo er die Nähe Gottes am besten spüre, sagt Niklaus Peter: «Im Gottesdienst. Das Schöne ist: Da bin ich nicht allein. Das ist das Wesen des Geistes: Gott lässt uns teilhaben, als Gemeinschaft, die miteinander singt und betet, auch im Singen, in der Musik.» Dabei lässt er sich selbst von Karl Barths Theologie inspirieren, die er aber erst während seiner theologischen Entwicklung schätzen gelernt habe. Er begründet das so: «Karl Barth realisiert schon früh, dass sich die neuzeitliche Theologie wegbewegt von kraftvollen Begriffen wie Wort Gottes, Offenbarung, Rechtfertigung und sich dafür auf Begriffe hinbewegt wie Religiosität, Subjektivität, Natur und Geschichte. Das ist eine Theologie, die ihre Kraft verliert und ideologieanfällig wird. Weil sie Leitkategorien der bürgerlichen und der sozialistischen Ideologien aufnimmt.»

Die Bibel als Wort Gottes lesen

Barth habe plötzlich angefangen, «die Bibel nicht als Buch zu lesen, das von der Religiosität vieler netter Menschen zeugt. Er liest die Bibel als Wort Gottes, der uns mit unserer Sünde konfrontiert, mit unseren tiefen Problemen, aber uns auch hineinnimmt in eine Bewegung, die uns befreit.» Barth habe den Mut gehabt, wieder eine Dogmatik aufzubauen. «Für Barth ist Dogmatik nichts Mittelalterliches, sondern sozusagen die 'Grammatik' der Religion. Es ist wichtig, dass Religion nicht kollabiert zu Religiosität. Gott steht bei Karl Barth für radikale Freiheit und Liebe – aber nicht in einem kitschigen Sinn.»

Leidenschaftliche Theologen braucht das Land

Zwar brauche die Kirche nicht mehr Barthianer, präzisiert der Fraumünster-Pfarrer. «Aber wenn es wieder leidenschaftlichere Theologen gäbe, dann wären die Sonntagspredigten keine Zusammenfassungen der Zeitungslektüre vom Samstagabend, garniert mit ein paar psychologischen Tipps. ... In Gesprächen höre ich, wie viele Leute sich eine Theologie wünschen, die den grossen Fragen nicht ausweicht. Das heisst, der Gottesfrage, der Frage nach dem Leiden und der Überwindung des Leidens.

Und Emil Brunner?

Eigentlich schade, dass Niklaus Peter nicht auch den Zürcher Theologieprofessor und Zeitgenossen von Karl Barth, Emil Brunner, zu schätzen weiss. Dieser hatte in den 1930er-Jahren die reformierten Kirchen energisch zum Beispiel zur Umsetzung des allgemeinen Priestertums gemahnt, auch dies ein Erbe der Reformation. Ausserdem rief er zur Evangelisation und zur Gemeindegründung auf. Doch Brunner und Barth stritten damals miteinander.

Zum Thema:
Emil Brunner: Ein missverstandener Pionier – neu entdeckt
Echte Reformation: Die Welt auf den Kopf stellen, Rettung ist zu wenig
Calvin am Bosporus: Die Schweizer Reformation reichte bis ans Schwarze Meer

Datum: 01.06.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet [ID:634] / AZ

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