44 Jahre am Grossmünster: Heinrich Bullinger, der zweite Zürcher Reformator
Livenet bringt in den nächsten Wochen eine Serie mit Texten von Heinrich Bullinger, die den Menschen und Theologen, den Zeitgenossen und Familienvater vorstellen. Der Bullinger-Kenner Pfr. Siegfried Müller skizziert vorab Herkunft, Weg und Wirken des Zürcher Reformators, der von 1504 bis 1575 lebte.
Heinrich Bullinger entstammte der Familie des Pfarrers Heinrich Bullinger in Bremgarten im Aargau. Es war damals nicht ungewöhnlich, dass ein Priester der römisch-katholischen Kirche verheiratet war. Die Mitbürger, die den Pfarrer wählten, kümmerten sich nicht um die Zölibats-Vorschriften der Kirche. Bullinger senior wurde von seinen Amtsbrüdern sogar zum Dekan des Kapitels Bremgarten gewählt.
Heinrich, am 18. Juli 1504 im Marktflecken an der Reuss (800 Einwohner) geboren, war ein Kind seiner Zeit. Das war ihm als Historiker vielleicht mehr bewusst als anderen Reformatoren; umso stärker fühlte er sich als Kind Gottes.
Seine Zeit lebte in einer uns fremden Selbstverständlichkeit, dass es Herren und Dienende gebe. Herrschaftsbereiche waren nicht geografisch, sondern rechtlich umgrenzt. Man musste wissen, in welcher Abhängigkeit man in dieser oder jener Beziehung lebte. Über allem stand Heinrich Bullinger der Schutzherr Jesus Christus als realer Herr. „…Auf ihn höret“, das war sein Wahlspruch. In seiner Sprache konnte das auch lauten: „…Jm sind gehörig.“
Mit 12 an den Niederrhein, mit 18 Magister
Mit 12 Jahren verliess Heinrich das Elternhaus. In Emmerich am Niederrhein und in Köln absolvierte er seine Studien, und mit noch nicht 18 Jahren schloss er als ‚magister artium’ ab. Danach kehrte er heim. Später unternahm er noch viermal eine Reise: nach Bern, Basel, Konstanz. Von Zürich aus wirkte er in ganz Europa. Seine Ausstrahlung lässt sich daran ermessen, dass man ihn schon unter die Reformatoren Englands gezählt hat. Dabei hat Bullinger kein Theologiestudium an einer Universität durchlaufen!
Während Zwingli in Zürich die Reformation betrieb, lebte Bullinger im Kloster Kappel. Er leitete ab 1523 die Lateinschule und schrieb Kommentare zu den meisten Briefen des Neuen Testaments. Er unterrichtete, sozusagen ausserdienstlich, auch die Mönche und andere Interessenten, und zwar in deutscher Sprache. Er hatte sich aber ausbedungen, nicht die Messe lesen und überhaupt nicht am römisch-katholischen Gottesdienst teilnehmen zu müssen. Er war Lehrer. Und er lehrte das Evangelium nach der Bibel.
Am 22. Mai 1529 wurde Heinrich Bullinger als Pfarrer in seine Heimatstadt Bremgarten gewählt. Zwei Jahre später, nach dem Tod seines Freundes Zwingli in der Schlacht bei Kappel, wurde er aus der Stadt vertrieben und kam nach Zürich.Am 9. Dezember 1531 wurde er an die Stelle Zwinglis gewählt und war damit „oberster Diener der Kirche zu Zürich“. Diese Aufgabe erfüllte er bis zu seinem Tode am 17. September 1575. Während dieser 44 Jahre war er nie ernsthaft angefochten, was erstaunen mag angesichts der rauen Sitten der Zeit.
In dieser Aufgabe gelang Bullinger erstaunlich vieles.
- Er sorgte er für die Organisation und die Ausbildung der Pfarrerschaft;
- die Formen des Gottesdienstes wurden genauer festgelegt;
- er leitete die ausgedehnten Geschäfte der Synode,
- theologische Formulierungen wurden ausgefeilt und dabei die Freiheit vor dem ‚Buchstaben’ geschützt;
- Flüchtlinge aus aller Welt wurden aufgenommen, oft jahrelang, und an seinem Tisch verpflegt,
- Städte und Fürsten beriet er bei der Reformation,
- er wehrte die Forderungen der ‚Römischen’ ab und bewahrte die hiesige Eigenart vor dem vereinheitlichenden Luthertum, indem die „gelägenheiten von ort, zeyt und personen“ berücksichtigt werden sollten,
- das Armenwesen mit den Speisungen wurde weitergeführt,
- er verfasste Gutachten nach Anfragen aus aller Welt,
- der Glaube wurde in verschiedenen Formen dargelegt und die Bibel weiter kommentiert,
- er verfasste Lehr-Predigten, die in allen Teilen Europas gelesen wurden,
- er schrieb Geschichtswerke (Reformationsgeschichte; Geschichte Zürichs usw.) und edierte ‚Zeitungen’,
- in seinem Hause erhielten nach damaligem Brauch manche jungen Leute ihre Erziehung,
- er stand mit Hunderten von Kirchenleuten und Fürsten in Verbindung und schrieb Tausende von Briefen
- er besuchte Kranke und machte Seelsorge auch in Pestzeiten
- und anfänglich hatte er sogar täglich zu predigen.
Uns mag diese Schaffenskraft erstaunen; damals aber war die Welt überblickbarer. Zudem kannte man keinen Anspruch auf Freizeit oder Ferien. Die „Liebe“ war kein Ausdruck für Gefühl und Drang, sondern lebte sich als Solidarität und Konsensfähigkeit.
Das enorme Werk hätte Heinrich Bullinger kaum leisten können ohne seine Familie. 1529 heiratete er Anna Adlischwyler, eine ehemalige Nonne. Sie starb 1564 an der Pest. Von elf Kindern starben vier minderjährig. Die übrigen verheirateten sich in den führenden Kreisen; eine seiner Töchter sogar zweimal mit Zürcher Bürgermeistern.
Es mag erstaunen, dass Heinrich Bullingers Wirken nach seinem Tode rasch weitgehend vergessen ging. Luther und Calvin – diese beiden Reformatoren waren in aller Munde. Es ist anzunehmen, dass für ihn selber, den grossen Bullinger, dies nicht von Bedeutung wäre. Bescheiden wies er immer wieder darauf hin, seine Worte seien nur als Hinweis und Auslegung des Wortes Gottes zu verstehen.
Webseite zur Zürcher Ausstellung: www.der-nachfolger.ch
Autor: Siegfried Müller
Datum:
05.06.2004
Quelle: Livenet.ch
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