Papst in Deutschland

«Sehr tiefe, sehr geschwisterliche Begegnung»

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland diente vor allem dem Stärken der katholischen Gläubigen in der säkularen Gesellschaft. Die Erwartungen der Protestanten, der Papst würde vor dem Reformationsjubiläum Martin Luther rehabilitieren, wurden enttäuscht. Im Berliner Bundestag warnte der Papst vor einem Verfall des Rechts und der Kultur.

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Papst Benedikt XVI und der EKD-Ratsvorsintzender Nikolaus Schneider.
Benedikt XVI. machte den Protestanten in Erfurt, wo Luther als Mönch gelebt hatte, kein «ökumenisches Gastgeschenk», entgegen den hohen Erwartungen. Er würdigte zwar den «tiefen Glauben» des Reformators, rehabilitierte ihn aber nicht. Der 1521 verhängte Kirchenbann bleibt in Kraft. Der Vatikansprecher Lombardi widersprach dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, der eine Rehabilitation gehört haben wollte.

Wenn Gott grosszügig sein muss

Was der Papst ausdrücklich würdigte, ist Luthers existentielles Ringen um den gnädigen Gott: «Sofern man heute überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, dass Gott grosszügig sein muss und schliesslich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird.»

Kein «ökumenisches Geschenk»

Schneider wertete das kurze Treffen in Erfurt als «sehr ernsthafte, sehr tiefe, sehr geschwisterliche Begegnung». Doch gab es auch in der brennenden Frage der Zulassung konfessionsverschiedener Ehepaare zur Eucharistie nichts Neues.

Der mitreisende Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, bezeichnete die evangelischen Erwartungen als unrealistisch. Aus katholischer Sicht sei die Abendmahlsgemeinschaft ohne Kirchengemeinschaft schwer denkbar.

Man wünsche sich in dieser Frage von der evangelischen Seite mehr Verbindlichkeit. Heilung und Versöhnung seien nicht nur Angelegenheit der katholischen Kirche, sondern auch der evangelischen Seite, sagte der Schweizer Kardinal. Diese müsse sich bewusst werden, dass sie sich «von 1‘500 Jahren Kirchengeschichte gelöst» habe.

Das Gemeinsame betonen

Der Papst mahnte in Erfurt, bei der ökumenischen Begegnung solle man «nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt». Dies sei vor allem der gemeinsame Glaube an Gott, den Schöpfer. Ihn gelte es gemeinsam zu bezeugen.

Die Christen müssten darauf achten, dass sie nicht unter «dem Säkularisierungsdruck die grossen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind».

Ein eigenwilliges Verständnis von Recht

Zu den Massenfeiern an allen drei Stationen der Papstreise kamen Gespräche mit der Staatsspitze und die Rede im Bundestag. Dort wollte der Papst aus Bayern verstanden werden «als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt».

Im Mittelpunkt der Rede standen «Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats». Politiker hätten, mahnte Benedikt, vor allem «dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren». Doch im Bewusstsein der Europäer seien, weil  die «positivistische Vernunft» weithin allein regiere, «die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht ausser Kraft gesetzt».

«Dramatische Situation» in Europa

Dass heute Gesetze beschlossen werden nicht aufgrund natürlicher Gegebenheiten, sondern im Blick auf aktuelle Bedürfnisse (und dass die Berechtigung, dies zu tun, kaum mehr hinterfragt wird), bezeichnete der Papst als «dramatische Situation».

In Europa wollten viele Recht so (positivistisch) denken und verstehen. Benedikt hielt warnend dagegen: «Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.» Europa werde «gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt» und zugleich würden extremistische und radikale Strömungen gefördert.

Das Zusammenleben der Menschen braucht, wie Benedikt zu Staatspräsident Wulff sagte, eine «verbindliche Basis, sonst lebt jeder nur noch seinen Individualismus». Die meisten Deutschen würden dem Papst hier zustimmen. Ihre Vorbehalte rühren daher, dass die römisch-katholische Kirchenleitung weiterhin den Anspruch erhebt, die offenbarte Wahrheit zu hüten und sie mit einer Tradition verbindet, von der sich die Moderne weit entfernt hat.

Zum Thema:
Die Evangelische Kirche in Deutschland zum Papstbesuch
Päpstliche Homepage zur Deutschlandreise

Datum: 26.09.2011

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