Künstlicher Gegensatz

Haben die Christen den Antisemitismus verursacht?

Die traditionelle Lesart von «Gesetz contra Evangelium» hat einen antijüdischen Unterton. Die «Neue Perspektive auf Paulus» hat damit aufgeräumt. Wir fassen dazu ein Interview zusammen, das wir mit Dr. Felix Ruther, Studienleiter der VBG, führen konnten.
Felix Ruther

Nationalsozialisten und andere Antisemiten beriefen sich immer wieder auf Luther und seine Interpretation von Gesetz und Evangelium im Römerbrief. Luther umwarb zuerst die Juden mit den reformatorischen Erkenntnissen. Als sie nicht darauf eingingen, schrieb er Hetzschriften gegen sie. Im Gefolge Luthers wurde – auch in Freikirchen – das Judentum zur Gesetzesreligion erklärt, während im Gegensatz dazu das Evangelium als Religion der Gnade und des Glaubens gefeiert wurde.

Ein genauerer Blick auf die zentralen Stellen dazu in Römer 3,20 und 28 zeigt nun aber, dass Paulus damit missverstanden wird. Daran waren vor allem freikirchliche Theologen im angelsächsischen Raum wie William David Davies beteiligt. Ein Schüler von Davies, der Texaner Ed Parish Sanders, verfasste 1977 das Buch «Paul and the Palestinian Judaism». Es schlug ein wie eine Bombe und führte dazu, dass man die «Neue Perspektive auf Paulus» nicht mehr negieren konnte.

Paulus mit neuen Augen gesehen

Die «Neue Perspektive auf Paulus» interpretiert die Schlüsselstellen so, dass die angeblich antijüdische Stellung von Paulus sich auflöst. Luther las gemäss Ruther daraus: «Was die Juden mit der Tora tun, führt nicht zum Heil!» Dabei war auch für die Juden damals klar, dass nicht die eigene Anstrengung vor Gott gerecht macht. Und dass im Römerbrief die Tora abgewertet werden soll, versteht man heute so, dass die neu dazugekommenen Völker (Heiden) die religiöse Praxis wie Beschneidung, Reinheitsgebote etc. des Judentums nicht einhalten müssen. In Römer 9 und 10 sagt Paulus, die Juden hätten die Tora wegen falschen religiösen Eifers «nicht erreicht». Sie hätten eine eigene Gerechtigkeit, also eine Privatgerechtigkeit, die die Völker ausschliesst, aufrichten wollen. Indem sie verlangt hätten, dass jeder Mensch zuerst Jude werden müsse, um vor Gott gerecht zu sein, hätten die Juden den Grundauftrag der Tora, die ganze Welt für Gott zu gewinnen, verfehlt. Und genau diese Haltung lehnte Paulus ab, wenn er von den «Werken des Gesetzes» schrieb. Nicht aber die Tora an sich.» 

Paulus unterscheidet demnach zwischen den ethischen Forderungen, die zum Leben führen, und den speziellen jüdischen religiösen Vorschriften, die verhindern sollten, dass Israel sich mit den Heiden vermischt.

Dem Glauben folgen die Taten

Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Laut Felix Ruther sollte die Predigt thematisieren, dass es keinen Gegensatz von Gnade und Werken gibt und die Angst vor einer Werkgerechtigkeit zerstreuen: «Denn der Glaube soll ja zu Taten führen, wie schon der Jakobusbrief betont, den Luther abgelehnt hat. Ohne entsprechende Taten ist der Glaube eine Illusion. Bekehrung bedeutet nicht ein einmaliges Ereignis, sondern der Beginn eines Jüngerschaftsprozesses. Christsein ist Nachfolge von Jesus, nicht eine einmalige Entscheidung für ihn. Jesus wollte den Himmel nicht mit Leuten füllen, die gerettet werden wollen, sondern er suchte Nachfolger, die seinen Auftrag wahrnehmen und seine Werte in die Welt tragen und mithelfen, das Reich Gottes zu gestalten.»
Das vollständige Interview mit Felix Ruther, Studienleiter der VBG, kann heruntergeladen werden.

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Datum: 27.08.2015
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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