Christen und Muslime

Fremde in der Nähe als Nachbarn annehmen

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Was kann aus den arabischen Aufbrüchen werden? Von den Ereignissen des Jahres 2011 schlug die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher am SEA-Leiterforum in Männerdorf den Bogen zur Nachbarschaft mit Muslimen.

Schirrmacher sprach am 7. Dezember 2011 zu Leiterinnen und Leitern aus dem Raum der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Sie kontrastierte die aktuelle Lage mit 1970, als Soziologen mit der zunehmenden Modernisierung eine Abnahme von Religion erwarten: «Heute glaubt niemand mehr, dass die Welt religionslos wird». Als ‚global players‘ stünden Christentum und Islam in einem ideengeschichtlichen Wettbewerb. Die Zahl der Muslime nehme vor allem durch Geburten zu, die der Christen durch Überzeugungsarbeit.

Informiert und desillusioniert

Nie zuvor in der islamischen Welt war so viel Information über Religionen zugänglich. «Heute zweifeln viel mehr Muslime am Islam, weil sie den ganzen Koran in ihrer Sprache lesen können und Zugang zu den Quellen der Überlieferung haben», sagte die Islamwissenschafterin. Namentlich die Iraner, eine grosse Kulturnation, seien tief enttäuscht über die Entwicklung ihres Landes seit der Machtübernahme Khomeinys 1979.

Islamisten als Wahlsieger

Den Sieg der ägyptischen Islamisten in der ersten Runde der Wahlen kommentierte Schirrmacher mit dem Hinweis, dass das Land am Nil keine Tradition der Demokratie habe. Der Westen sei «moralisch kein Vorbild für die islamische Welt». Traditionsbewusste und religiöse Ägypter lehnten zahlreiche Folgen der individuellen Freiheit in westlicher Gesellschaften ab (Religionslosigkeit, Zerfall von Familien, Drogensucht, Betagte ins Altersheim gegeben). Die Muslimbrüder, die unter Mubarak verfolgt wurden, hätten durch umfangreiche Sozialarbeit Sympathien gewonnen und gälten nicht als korrupt.

Unterschiede im Menschenbild

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Christine Schirrmacher
Christine Schirrmacher stellte Unterschiede zwischen dem christlichen (abendländischen) und islamischen Menschenbild heraus: Der Islam sieht den Menschen zwar als schwach, aber fähig zum Guten, wenn er die Gebote hält. Wenn die Gemeinschaft die Scharia, das islamische Gesetz, befolgt, sind Friede und Wohlstand zu erwarten. Gemäss der Bibel sei der Mensch zu allem fähig und ohne Gottes Gnade und Leitung verloren.

Dass im Westen Rechtsstaaten entstanden, die die Macht von Amtsträgern begrenzten, führt Christine Schirrmacher auf dieses nüchterne Menschenbild zurück. Man müsse genau hinsehen, wenn die Islamisten von den Menschenrechten sprechen; die massgebende Kairoer Erklärung von 1990 mache die Rechte von der Scharia abhängig (Art. 24 und 25).

«Immer fehl am Platz»

Laut der Islamwissenschaftlerin, die mit einem Team das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianzen in Deutschland, der Schweiz und Österreich führt, «treibt die Frage der Identität die islamische Welt stark um und beschäftigt auch Muslime in Europa». Der Kontinent werde weiter unter grossem Zuwanderungsdruck stehen. Die Nachkommen der Migranten wollten nicht mehr zurück, doch gälten sie hier als Fremde. «Keine der beiden Welten will sie wirklich haben. Sie sind immer fehl am Platz.» Dies trage zu einer «dramatischen Desorientierung in der Psyche vieler junger Leute» bei. Sie schafften die Integration (Bildung!) ohne Hilfe und Betreuung nicht.

Offen für Kontakte

Schirrmacher schloss mit einem Plädoyer für Beziehungen zu Muslimen in der Nachbarschaft. «Viele sind offen für Begegnungen. Ihre tägliche Erfahrung, dass sie nicht wirklich ankommen, lässt sie nach Freunden fragen.» Laut Studien neigen manche Muslime zu radikalen Meinungen, wenn sie unbehaust sind. Angst vor Muslimen sei manchmal ein bequemer Vorwand, um ihnen nicht zu begegnen, äusserte die Islamwissenschaftlerin. Wer jedoch den Kontakt wage, könne auch das medial vermittelte Bild einer haltlosen europäischen Gesellschaft korrigieren.

Webseite:
Leben teilen mit Muslimen

Datum: 13.12.2011
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet

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