Ein Gegensatz, der keiner ist

Zwischen Klarheit und Beliebigkeit

Spontan werden die meisten Christen wohl Klarheit als einen deutlich christlich geprägten Wert sehen. Beliebigkeit dagegen klingt eher nach Anpassung an den Zeitgeist, jedenfalls nicht besonders fromm. Allerdings können beide Haltungen zunächst einmal geistlich sein und brauchen sich dabei auch noch gegenseitig – findet Hauke Burgarth.

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Was in meinem Leben als Christ ist klar und eindeutig geregelt? Und wo habe ich die Freiheit, fast beliebige Entscheidungen zu treffen? Für mich persönlich besteht hier eine deutliche Spannung, die sich jedenfalls nicht dadurch auflösen lässt, dass ich die eine Seite der Medaille als geistlich und die andere als ungeistlich bezeichne.

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Wayne Grudem

Klarheit, die doch nicht alles klärt

Wenn ich in den Theologie-Unterlagen aus meiner Bibelschulzeit blättere oder ein theologisches Werk wie die «Biblische Dogmatik» von Wayne Grudem aufschlage, dann freue ich mich an der Struktur und Klarheit des Inhalts. Übersichtlich gegliedert werden zahlreiche geistliche Themen behandelt. Das Klischee setzt zwar Theologie mit Theorie gleich, doch die systematische Zusammenfassung der Lehre über Gott, die Bibel, den Menschen etc. ist alles andere als theoretisch. Vielmehr öffnet sie neue Horizonte, setzt scheinbar isolierte Gedanken in Beziehung, zeigt rote Fäden auf und bietet Antworten auf zahlreiche Fragen. Diese Klarheit habe ich als sehr befreiend und inspirierend erlebt.

Andererseits erlebe ich die Antworten auf «alles und jedes» auch zwiespältig: Da werden Fragen beantwortet, die ich gar nicht habe. Okay, das ist mein Problem. Anderen hilft die Antwort vielleicht weiter. Aber es werden auch Fragen übergangen, die mich umtreiben. Und die enzyklopädische Breite in der Darstellung hinterlässt zusammen mit dem Anspruch, Gottes Willen umfassend darzustellen, bei mir den Eindruck, dass die Antwort schon da ist, ich allerdings die falsche Frage gestellt habe. «Würdest du bitte deine Fragen den Antworten anpassen, die wir gerade gegeben haben», höre ich dann.

Beliebigkeit, die doch nicht alles ermöglicht

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Rob Bell

Gerade habe ich das neue Buch von Rob Bell gelesen: «Mit dir. Für dich. Von dir. – Was Gott ist. Und was nicht.» Wie seine vorigen Bücher wird es (zu recht) kontrovers diskutiert. Eine der Stärken von Bell ist es, treffende Fragen zu stellen. Mit diesen hinterfragt er die Lebensentwürfe von Menschen, die nicht mit Gott leben – allerdings genauso die von hingegebenen Christen. Er fragt, fragt weiter und findet eigentlich kaum Antworten. Das überlässt er mir als Leser. Er selbst gibt Anstösse, erzählt Geschichten, zeichnet starke Bilder – und fragt. Diese Offenheit oder Beliebigkeit habe ich schon als sehr befreiend und inspirierend erlebt.

Andererseits hinterlässt das Offenlassen praktisch jeder Frage bei mir den Eindruck, dass sich da jemand nicht festlegen kann oder will. Ich kann mit offenen Fragen leben, allerdings ist ein Leben ohne Antworten für mich unbefriedigend. «Würdest du bitte deine Suche nach tragfähigen Antworten hinten anstellen?», höre ich dann.

Gegensatz oder Bereicherung?

Mich persönlich lässt das alleinstehende Konzept biblischer Klarheit genauso unbefriedigt zurück wie das absolut gesetzte Konzept einer biblischen Beliebigkeit. Trotz der Spannungen, die daraus erwachsen, denke ich, dass meine Sehnsucht nach der jeweils anderen Seite der Medaille in der Natur des Menschen liegt. Es ist eben nicht alles gleich gültig – ich brauche Klarheiten. Und es ist auch nicht alles eindeutig klärbar – ich brauche Fragen, die mir weiterhelfen, obwohl sie vielleicht offen bleiben. Klarheit und Beliebigkeit sind wie zwei Seiten einer Medaille, ohne die jeweils andere Seite wird mein Glaube einseitig.

Bücher:
Wayne Grudem: Biblische Dogmatik (Schweiz / Deutschland)
Rob Bell: Mit dir. Für dich. Von dir. (Schweiz / Deutschland)

Zum Thema:
Interview mit Miroslav Volf: Gute Theologie fördert gelingendes Leben
Die Zehn Gebote im 21. Jahrhundert: Das erste Gebot

Datum: 31.07.2015
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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