Yanis Suter

13 Tage zwischen Tod und Leben

Kaum auf der Welt, wird er mit Blaulicht, dann mit dem Heli zur Herzoperation geflogen. Yanis Suters kurzes Leben beginnt und endet im Spital. Für seine Eltern Rebekka und Joel eine Zeit voller Hoffen und Bangen.

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Yanis Suter
Es ist etwa einen Zentimeter dick. Das Fotobuch, in dem Rebekka Suter (34) das kurze Leben ihres Sohnes festgehalten hat. Yanis. Geboren am 20. September 2015. Gestorben am 2. Oktober 2015. Dreizehn kurze Tage.

Akribisch hat sie die Zeit mit Yanis dokumentiert. Jedes Bild, jede SMS, jede Begebenheit. «Nur schon der Gedanke, dass die Erinnerungen an die Zeit mit unserem Kind verblassen könnten, war für mich der Horror», sagt sie.

Sie blättert. Yanis, gleich nach der Geburt. Ein zerknautsches Neugeborenes. Etwas blau, wie die Hebamme kurze Zeit später anmerkt. Das nächste Bild zeigt Yanis im Inkubator. Mit Blaulicht wird er ins Luzerner Kantonsspital verlegt. Dann über die Doppelseite ein Helikopter im Abflug. Yanis' Zustand ist zu kritisch. Er hat mehrere komplexe Herzfehler. Noch am selben Tag wird er zum ersten Mal operiert.

Ungewissheit

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Joel und Rebekka Suter
Ihren Sohn sieht Rebekka wieder auf der Intensivstation. Angeschlossen mit unzähligen Schläuchen an der Herz-Lungen-Maschine. «Als mir das erste Mal der Gedanke 'mein Kind könnte sterben' kam, dachte ich: 'Nein, das weise ich weg!'», sagt Rebekka. Ihr Mann Joel (37), Pastor der Freikirche ICF Zentralschweiz, ist pragmatischer: «Ich habe mich von Anfang an darauf eingestellt, dass der Tod eine mögliche Variante ist. Die Bibel geht sehr ehrlich um mit Tod und Verlust. Obwohl ich immer hoffte, dass es nicht so kommt.»

Rebekka und Joel ziehen in ein Elternzimmer im Spital. Ihre beiden älteren Kinder, Levin und Jaron, bleiben bei den Grosseltern. Wie lange die Situation dauern wird, ist ungewiss. «Wir wussten nur, dass er spätestens nach zwei Wochen von der Herz-Lungen-Maschine wegmusste», sagt Rebekka, gelernte Primarlehrerin, «bis dahin musste sich sein Zustand stabilisieren.»

Die zweite, grosse Operation dauerte zwanzig Stunden. «Horror», beschreibt Joel die Zeit, in der sie auf Bescheid der Ärzte warten, «du weisst nicht, ob er überlebt, schaust ständig aufs Handy.» Yanis überlebt die Operation. Doch er ist sehr erschöpft.

«Keine Überlebenschance»

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Joel und Rebekka Suter mit Yanis
In der Herz-Lungen-Maschine bilden sich Thromben. «Ich habe sie beobachtet in diesen Schläuchen», sagt Rebekka, «die dürfen nicht ins Herz, das wäre tödlich.» Es folgt ein weiterer Untersuch. «Ich war unbeschwert auf der Station», erinnert sie sich, «der Arzt kam herein und sagte, es tue ihm leid, die Herzklappen funktionieren immer noch nicht richtig. Irgendwie musste er gar nichts mehr sagen. Ich wusste, was das bedeutet.»

Die SMS, welche sie daraufhin ihren Freunden schreiben, hat Rebekka im Fotobuch festgehalten: «Die Ärzte haben uns mitgeteilt, dass Yanis menschlich gesehen leider keine Überlebenschance mehr hat.»

Freitag morgen. 1. Oktober 2015. Yanis liegt im Bettchen. Rund herum Maschinen, die ihn am Leben erhalten. «Es war sehr schlimm, auszusprechen, um welche Zeit wir die Maschinen abstellen wollen», sagt Rebekka. «Keine Faser deines Körpers will diese Frage beantworten.» Joel: «Es noch hinzuziehen, hätte keinen Sinn gemacht.» Rebekka: «Die Chirurgen mussten dauernd die Blutungen stillen. Er hat so geweint. Nein...»

Bis zuletzt hoffen sie auf ein Wunder. Hoffen, dass ihre Gebete und die ihrer Familie und Freunde erhört werden. Ein letzter Versuch, Yanis langsam von den Maschinen zu nehmen, scheitert. «Da waren wir so verzweifelt. Yanis hat mich angeschaut», sagt Rebekka, «und ich dachte: Sehe ich jetzt seine Augen zum letzten Mal?»

«Er ist gegangen»

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Familie Suter am Grab von Yanis
Draussen geht ein wunderschöner Sonnentag zu Ende. In den Tagen, die sie im Spital verbracht haben, ist es Herbst geworden. Die Atmosphäre im Zimmer verändert sich. «Fast in der gleichen Sekunde, als wir den Versuch mit den Maschinen abgebrochen haben, wurde Yanis total entspannt», erinnert sich Joel.

Alle Geräte werden leisegestellt. Das iPad spielt das Kirchenlied «Higher» in Endlosschlaufe. «Ich habe noch nie einen solchen Frieden erlebt, wie in der letzten halben Stunde, die Yanis gelebt hat», sagt Joel. «Dieser Moment war so stark, das hat uns so viel Kraft gegeben in der nächsten Zeit.»

Rebekka kann ihren Sohn zum ersten Mal seit der Geburt wieder in den Armen halten. Es ist das letzte Bild im Buch, auf dem er noch lebt. Um 19.58 Uhr sieht Rebekka, wie er aus seinem Körper geht, «wie eine Wolke». Der Arzt sagt ihr später, im selben Moment, als sie gesagt habe: «Ah, jetzt ist er gegangen», habe auch die Maschine aufgehört, den Blutfluss anzuzeigen.

Ein Bild von Yanis, ohne Schläuche, ohne Maschinen – «sein Körper, aber das war nicht mehr mein Bub», erinnert sich Rebekka. Sie legt das Buch beiseite.

Trauerzeit

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Rebekka und Joel Suter schauen sich Bilder von Yanis an.
Ein Jahr ist seither vergangen. Heute, am ersten Todestag von Yanis, ist der Himmel bewölkt. Die letzten dreizehn Tage waren emotional. Rebekka Suter blickt zur Uhr: «Ich weiss auf die Minute genau, was vor einem Jahr gerade passiert ist.» An der Wand hängen die Geburtskarten ihrer Kinder. Levin und Jaron. Yanis' Karte ist zugleich die Einladung zur Beerdigung. Darunter die Dankeskarte mit fünf Herzballonen, die in den Himmel fliegen. Daneben steht der Text aus dem Lied, welches Yanis in den Tod begleitet hat: «Ich werde Gottes Wege nie verstehen können; auch wenn ich ihn nicht sehen kann, mein Herz kennt ihn trotzdem.»

«Zum Glück haben wir Gott», sagt Rebekka. «Das tönt so einfach. Sicher, er hat uns geholfen, uns diesen übernatürlichen Frieden und Ruhe geschenkt. Aber die entscheidenden Schritte kann uns niemand abnehmen. Ich war damit konfrontiert: Kann ich noch an einen Gott glauben, der mir mein Kind wegnimmt?»

Joel liess sich krankschreiben. «Als Pastor ist das Hauptprodukt, das ich verkaufe, Glaube und Hoffnung. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt jemals wieder Pastor werden konnte.»

«Gott ist uns in der Not begegnet»

Beide trauerten unterschiedlich. Erlebten tiefste Depression und Verzweiflung. Was sie zurück ins Leben brachte, waren Entscheidungen wie: «Ich will an der Trauer nicht zerbrechen», so Joel. Oder: «Ich möchte Gott nicht anklagen, sondern ihm vertrauen. Diese Entscheidung musste ich immer wieder treffen. Für mich war Gott nie jemand, der mich vor allem Negativen bewahrt. Aber ich habe erlebt, wie er uns in unserer Not begegnet ist.»

Nach einer Zeit intensiven Trauerns hielt er seine erste Predigt. An Weihnachten. «Sie handelte davon, dass Jesus an Weihnachten Licht in die Finsternis und Hoffnungslosigkeit der Menschen gebracht hat. Und es ist genau dieser Friede, den wir schon während des Sterbens von Yanis verspürten, der uns bis heute durchgetragen hat.»

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Datum: 07.01.2017
Autor: Nadine Hofer
Quelle: SEA / Viertelstunde für den Glauben

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