Der Vater wartet

Dies ist vielleicht der schönste Teil der Geschichte. Es scheint, dass der Vater jeden Tag, jede Stunde nach seinem verlorenen Sohn Ausschau gehalten hat. Als der Sohn schliesslich zurückkommt, erkennt er ihn, obwohl er schmutzig und zerlumpt ist. Der Vater läuft seinem Sohn sogar entgegen. Er macht ihm keine Vorwürfe. Er sagt nicht: "Das habe ich dir ja gleich gesagt." Er weist ihn nicht ab. Er umarmt ihn trotz des Schmutzes, küsst ihn trotz des Gestanks und zeigt ihm dadurch seine bedingungslose Liebe.

Jesus wollte den Pharisäern, den Schriftgelehrten und den Steuereintreibern durch dieses Gleichnis deutlich machen, dass das Vater im Himmel auch auf die Menschen wartet, die in unseren Augen schlimme Sünder sind. Er würde sie niemals zurückweisen. Alles, was nötig ist, ist, dass sie zu ihm umkehren. Er ist jederzeit bereit, ihnen inneren Frieden, Ruhe, Versorgung und Lebenssinn zu schenken.

Ich begegne vielen Menschen, die nicht verstehen können, dass Gott ihnen nicht mit Vorwürfen und Ablehnung begegnen wird, sondern mit Liebe und Verständnis. Ich denke, dass wir in unseren christlichen Gemeinden oft das Bild eines strafenden Gottes vertreten, der jeden unserer Fehler bestraft. Wir wollen der Sache gerecht werden und nicht die Menschen in ihrer Not und Bedürftigkeit zu Jesus Christus begleiten. Wir werden von dem Ziel angetrieben, eine "reine Gemeinde" zu sein - und nicht von dem Mitleid für die Versager und die Hilflosen. Aus diesem Grund herrschen in vielen Gemeinden auch Kälte und Überforderung - die Menschen stehen nicht mehr ehrlich zu ihrer Schwachheit, sie geben vor, ihren Weg des Glaubens problemlos gehen zu können, obwohl sie sich einsam und leer fühlen. Doch unser Gott liebt gerade die Schwachen; wir (und auch der verlorene Sohn) können uns seiner Liebe, Annahme und Vergebung sicher sein, wenn wir zu ihm umkehren.


Autor: Martin Bühlmann
Quelle: Gemeinde leben - Gemeinde lieben

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