Notfallseelsorge

«Spiritualität bleibt eine wichtige Ressource»

Beat Weber ist als gründlicher Theologe, insbesondere mit Büchern über die Auslegung der Psalmen, bekannt geworden. Weniger bekannt war seine Tätigkeit als Notfallseelsorger. Heute ist er mit einem Teilzeitpensum Geschäftsführer der Notfallseelsorge Schweiz. Im Interview gibt er Einblick in deren Arbeit, Philosophie und Organisation.

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Beat Weber ist Theologe und Notfallseelsorger.
idea Spektrum: Beat Weber, was muss ein Notfallseelsorger können?
Beat Weber:
Er muss in belastenden Situationen kompetent psychosoziale Nothilfe leisten können. Dies dient zur Vermeidung posttraumatischer Belastungsstörungen.

Was ist «psychologische Notfallhilfe» konkret?
Man kann die wesentlichen Schritte anhand des Modells «SAFER» erklären: Stabilisierung/Sicherheit – Anerkennen der Krise – Fördern des Verstehens – Ermutigen zur Bewältigung – Rückführung in die Eigenständigkeit.

Was qualifiziert zum Notfallseelsorger?
Die vom Bund zertifizierten Einsatzkräfte sind Profis, also Psychologen, Mediziner und Psychiater. Dazu kommen Theologen, meistens landeskirchliche Pfarrer. Alle haben Berufserfahrung und eine Zusatzausbildung mit Praktika für den Care-Bereich. Eine zweite Gruppe hat diese beruflichen Grundqualifikationen nicht, aber andere und eine hohe Motivation. Diese Leute werden auf ihre Eignung geprüft und dann zu «Care Peers» und «Givers» ausgebildet, die einen vergleichbaren Dienst leisten. Die Care-Dienste sind kantonal und somit bezüglich Organisation, Ausbildung und Einsatz unterschiedlich organisiert. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in enger Zusammenarbeit mit den Blaulichtorganisationen, also Polizei, Rettungssanität und Feuerwehr arbeiten. Der Vernetzung dient unsere Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz.

Was sind die Hauptaufgaben? Wer alarmiert die Notfallseelsorge?
Unser Dienst gilt allen Menschen in Not, unabhängig von Herkunft und Religion: den direkt Betroffenen, Angehörigen, Beteiligten und Augenzeugen, wenn nötig auch den Rettungskräften. Das Spektrum reicht von Einsätzen – oft zusammen mit der Polizei – bei Kindstod, Suizid, Verbrechen, der Überbringung der Todesnachricht bis hin zu Unfällen und Katastrophen. Die Betreuung der Care/Notfallseelsorge konzentriert sich auf die Akutphase­ eines belastenden Ereignisses. Die Weiter- und Nachbetreuung übergeben wir – wo nötig – in andere Hände.

Die Care Teams können nicht privat aufgeboten werden; ihr Einsatz geschieht über die Alarmierung der Rettungsdienste.

Notfallseelsorge hat einen religiös-christlichen Hintergrund, bei Care Teams, die oft mit staatlichem Auftrag agieren, ist dies nicht der Fall. Ist das konfliktfrei?
Man muss unterscheiden zwischen der Trägerschaft und den Einsatzkräften. In den meisten Care Teams wirken Theologen, meist Pfarrpersonen, aufgrund ihrer Kompetenz und Verfügbarkeit mit, ob sie nun das Label Notfallseelsorge tragen oder nicht. In den letzten 20 Jahren haben sich in fast allen Kantonen Care Teams etabliert. Was die Trägerschaft betrifft, gibt es Modelle der gemeinsamen Verantwortung von Kirche und Staat oder aber die Kirche oder der Staat ist allein zuständig. Dabei hat der Staat zunehmend die Verantwortung übernommen und diese zum Beispiel in den Bevölkerungsschutz integriert. Da ich im wohl grössten Care Team – im Kanton Bern – dabei war, konnte ich die Entwicklung von Anfang an mitverfolgen. Manchmal bringen tragische Situationen und ihr Umgang damit Veränderungen in Gang. Für uns in Bern war es das Canyoning-Unglück am Saxetbach, wo 21 junge Menschen umkamen. Unser Einsatz hat wesentlich zur Akzeptanz und dann zum Aufbau der Berner Notfallseelsorge – am Anfang bestand das Team fast durchgehend aus Pfarrpersonen – und später des Care Teams beigetragen.

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Beat Weber während einem Einsatz als Notfallseelsorger.
Stimmt es, dass es in den Care-Organisationen Vorbehalte gegenüber kirchlichen Mitarbeitern und spiritueller Kompetenz gibt?
Die Frage der Zusammenarbeit zwischen «säkularem» Staat und «Kirchenleuten» in einem öffentlichen und delikaten Bereich wurde und wird diskutiert. Auch hier gibt es je nach kantonalen Gegebenheiten und Erfahrungen unterschiedliche Diskurse und Lösungen. Ich kann vor allem aus meinen Erfahrungen im Kanton Bern Auskunft geben. Dort hat der Staat bei den Personalentscheiden die Leitung des Care Teams bisher stets einer Pfarrperson übertragen. Allerdings hat man die Bezeichnung «Notfallseelsorge» aufgegeben, und im Care Team ist die Zahl der Nichttheologen inzwischen grösser als die der Theologen. Die Ausbildung wurde professionalisiert und das Selbstverständnis stärker «säkularisiert», ohne dass damit das Religiöse oder Spirituelle ausgeschlossen wird.

Dann sind die Care Teams der Zukunft religiös neutral?
Persönlich halte ich es von der Sache her für gut und naheliegend, dass Kirchen mittragen und Geistliche beauftragt werden. Dabei verstehe ich unseren Dienst sachgerechter als Diakonie statt als Verkündigung: Wir stehen den Menschen bei aus unserer christlichen Grundüberzeugung heraus. Über den Dienst der Notfallseelsorge referierte Professor Ralph Kunz am 4. Nationalen Kongress für psychologische Nothilfe und Notfallseelsorge in Bern. Sein Beitrag ist auf der Startseite von www.notfallseel­sorge.ch aufgeschaltet.

Ohnehin ist die oft postulierte «Neutralität» in Religions- und Weltanschauungsfragen ein Fehlschluss. Auch ein Atheist, ein religiös indifferenter Mensch oder ein humanistischer Psychologe hat eine Weltanschauung. Keine zu haben, ist kein Ziel. Besser ist es, darum zu wissen und im Dienst an Menschen in Notsituationen achtsam damit umzugehen. Man muss sich weder der Kirche noch der eigenen Spiritualität schämen; es ist eine Ressource und Hilfe im Umgang mit Not und Tod.

Wie haben Sie selbst als Notfallseelsorger gearbeitet?
Ein Beispiel: Es ist Sonntagmorgen, das Telefon läutet. Es wird dringend jemand gesucht, der Zeit hat und Englisch spicht. Da ich an diesem Tag keinen Gottesdienst leite, sage ich zu und notiere mir erste Stichworte zum Geschehen. Dann bete ich für den Einsatz, ziehe die Dienstweste an, ergreife mein Notfallrucksäckli und mache mich auf den Weg nach Lauterbrunnen. Den Polizisten vor Ort bitte ich zunächst um ein Gespräch unter vier Augen, um die nötigen Einzelheiten zu erfahren. Es handelt sich um eine jüdische Familie aus dem Ausland mit zwei Teenie-Mädchen. Sie sind mit einem Camper zu den Trümmelbachfällen gefahren. Dort starb der Vater nach einem Herzversagen unvermittelt. Frau und Kinder sind aufgelöst. Nun gehe ich zu ihnen, stelle mich vor und biete an, ihnen in der nächsten Zeit beizustehen.

Eine abzuhakende «Agenda» gibt es keine; das vorher genannte SAFER-Modell gibt lediglich Anhaltspunkte. Ich höre zu und lasse mir Erlebtes erzählen; später kläre ich, was sie brauchen. Sie möchten in meiner Begleitung in der Aufbahrungshalle Abschied nehmen. Das braucht Zeit und Beistand. Dann gilt es, erste Vorkehrungen für die Überführung des Leichnams nach Israel zu treffen. Weil sie als Touristen keinerlei Bezugspersonen haben, lade ich sie ausnahmsweise zu uns nach Hause ein. Dort bekommen sie das Nötigste, können nach Israel telefonieren und den Botschafter ihres Landes empfangen, der sie noch am Sonntagabend aufsucht. Das kleine Stück geteiltes Leben mit unserer Familie hat sie bewogen, den Kontakt mit uns weiterzuführen. Die meisten Einsätze waren kürzer, weniger prägnant, aber nötig und gut, um den Notleidenden beizustehen. So oder ähnlich erleben wir es in vielen Care-Einsätzen in unserem Land. Die Care-Dienste haben sich in den letzten 20 Jahren im Verbund mit den Blaulicht-Diensten etabliert, sind akzeptiert und kaum mehr wegzudenken.

Zur Person

Beat Weber (62), verheiratet mit Sonja, 3 Kinder, studierte Theologie an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (MTh) und an der Uni Basel (Dr. theol.). Nach einer Zeit bei den Vereinigten Bibelgruppen (Schülerarbeit) war er von 1994 bis 2016 Pfarrer in Linden BE. Dazu kamen Tätigkeiten als Dozent und Publizist. Er war zudem Mitglied der eidg. Zulassungskommission zum Zivildienst von 1999 bis 2016 und Notfallseelsorger im Care Team BE. Seit 2017 nimmt er unterschiedliche Aufgaben in Teilpensen wahr, unter anderem als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH).

Notfallseelsorge Schweiz

Die Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH) ist ein Verbund verschiedener Partner im Bereich Care/Notfallseelsorge. Die neu aufgeschaltete Webseite orientiert umfassend über die Care/Notfallseelsorge-Dienste in der Schweiz und bietet aktuelle Berichte über Ereignisse und Hinweise auf Veranstaltungen an. Eine interaktive Schweizer Karte führt die Rettungskräfte zu den kantonalen Care Teams.

Zur Webseite:
Notfallseelsorge Schweiz

Zum Thema:
Notfallseelsorger Beat Weber: Beistand im wörtlichen Sinne
Notfallseelsorger und Evangelist: Hoffnung in hoffnungslose Situationen bringen
Nach der Katastrophe: Notfallseelsorge – Hilfe für Betroffene und Helfer

Datum: 01.12.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet / idea Spektrum

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