«Fenster zum Sonntag»

20 Jahre TV-Fenster zu Gott

Was die Alphavision vor 20 Jahren schaffte, war eine echte Pioniertat: Ein christliches Programm im öffentlich-rechtlichen TV zu etablieren. Jürgen Single erklärt gegenüber idea, warum das ein wichtiger Auftrag ist und was im Fernsehen nicht geht.
Jürgen Single, Chefredaktor von «Fenster zum Sonntag»

Jürgen Single, vor 20 Jahren erhielt «Fenster zum Sonntag» die Sendeerlaubnis beim SRF. Wie hatte man auf Ihren Antrag damals reagiert?
Jürgen Single: Dass ein privater Anbieter eine Sende-Konzession für ein religiöses Programm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen beantragt – so etwas gab es damals nicht. Auch in keinem anderen Land teilte ein öffentlich-rechtlicher Sender seine Sendezeit mit privaten Anbietern. Mit uns zusammen haben verschiedene Verleger-Programme den gleichen Prozess durchlaufen. Bei uns war natürlich das Spezielle das Thema Religion. Weniger die Konzessionsbehörden, aber die Öffentlichkeit und die kirchlichen Mediendienste hatten Bedenken. Der Blick titelte gross: «Jetzt droht das Sekten TV». Es war ein langer Prozess, diese Vorbehalte zu entkräften. Man konnte ja unsere Sendungen auf dem Zürcher Regionalkanal «Rediffusion» sehen.

Was waren die entscheidenden Kriterien dafür, dass Sie die Konzession schliesslich doch bekamen?
Wir mussten einen kompletten Finanzplan vorlegen und zeigen, dass wir fähig sind, eine solche Sendung über einen längeren Zeitraum zu produzieren. Wir erhielten eine vorläufige Konzession. Parallel wurde eine Expertenkommission eingesetzt, welche die Wünschbarkeit eines christlich-religiösen Fernsehens prüfte. Nach zwei Jahren haben sie festgestellt, dass man die Alphavision als «unbedenklich» einstufen konnte.

Gab es auch inhaltliche Vorgaben?
Wir dürfen keine religiöse Werbung machen.

Was versteht man unter religiöser Werbung?
Das ist zum Beispiel Verkündigungsfernsehen. Unsere Vision ist es, gelebten Glauben abzubilden. Das Evangelium von Jesus Christus öffentlich zu machen, indem wir ihm eine Stimme geben. Das passiert durch die Geschichten unserer Protagonisten, die wir mit journalistischem Handwerk präsentieren. Wir betreiben keine theologische Exegese und leiten keine Handlungsanweisungen ab, das wäre Verkündigung. Natürlich haben wir eine christliche Ausrichtung, die ist aber in unserem Sendemandat ausdrücklich genehmigt.

Die Personen, die Sie abbilden dürfen, sagen was sie wollen?
Es muss schon theologisch haltbar und auch sonst verantwortbar sein. Wir achten darauf, dass sie sich nicht zu sehr in eine heikle Richtung exponieren.

Gibt es Tabuthemen bei «Fenster zum Sonntag»?
Beim Thema aktive Sterbehilfe sind wir sehr vorsichtig, weil wir da für uns noch keine endgültige Antwort haben. Es gibt Fälle, bei denen auch die Palliativmedizin nicht weiterhilft. Auch das Thema Homosexualität lassen wir aussen vor. Einmal hatten wir eine Sendung zum Thema «Neuanfang», in der ein Homosexueller vorkam, der eine Kursänderung vorgenommen hatte. Da hatten wir schon vor zehn Jahren Beschwerden. Das muss nicht sein. Es ist ein Lieblingsthema von vielen Christen, aber nicht die zentrale Botschaft von Jesus Christus.

Die Beschwerden kamen aber nicht von der SRG?
Nein, vom Schweizer Fernsehen haben wir noch nie eine Abmahnung bekommen. Die programmliche Hoheit liegt bei uns. Wir sind nur dem Mediengesetz verantwortlich. Natürlich wollen wir ästhetisch kompatibel mit dem Sender SRF sein. Wir arbeiten mit ihnen zusammen, gehen dort ein und aus. Wir wollen kein Fremdkörper sein. Genauso wie die Botschaft von Jesus keine «Fremdkörperbotschaft» sein soll.

Passt der «neutral journalistische» Anspruch des SRF mit Ihrem christlichen Ansatz zusammen?
Wir sind ein Spartenprogramm, genauso wie ein Automagazin inhaltlich ein Spezialgebiet ist. Sie gehen neutral an einen Autotest heran. Wir haben das Spezialgebiet «christliche Religion». So verstehe ich das. Aber die Sendung wirbt ja irgendwie doch für das Christentum. Ja, das entspricht aber wie gesagt unserem Sendeauftrag: «Gelebtes Christsein abbilden», das so in unserem Mandat festgehalten ist.

Wie funktioniert Gott im Fernsehen eigentlich? Passt das zusammen?
Salopp würde ich sagen, dass Gott im Fernsehen per se nicht funktioniert. Es funktioniert dann, wenn es an Menschen, an Schicksalen, festgemacht ist. Man braucht im Fernsehen eine Identifikationsfigur. Wenn die Person spannend und authentisch rüberkommt, dann nimmt man ihr auch ihre Gotteserfahrung ab. Man kann Impulse für das eigene Leben mitnehmen.

Bibel TV macht Verkündigungsfernsehen. Was halten Sie davon?
Ich bin ein Fan von einem spannenden Gottesdienst, den aber im Fernsehen abzubilden ist schwierig. Die Atmosphäre kommt oft nicht rüber und auch der Kontext dessen, was gesagt wird, wird anders empfunden. Ein Predigtkontext ist in der Regel für eine spezielle Gemeinde gedacht. Die Gottesdienstbesucher wissen, um was es geht, der Fernsehzuschauer nicht. Das befremdet mich selbst oft, wenn ich das sehe.

Kritiker sagen, dass Ihre Sendung immer nach dem gleichen Schema aufgebaut ist. Ein Mensch kommt in die Krise und findet dann zu Gott...
Das streite ich nicht grundsätzlich ab. Es ist ja ein Teil des Evangeliums, dass vor allem Kranke und Schwache zu Jesus kommen und Hilfe erfahren. Wenn man krank und schwach ist, ist man eher bereit, sich für Gott zu öffnen. Das ist die sogenannte «Jesus-Kurve». Mir geht es schlecht und dann wird alles wieder gut. Im Lauf der Jahre haben wir aber versucht, dieses Schema aufzubrechen. Wir versuchen, Geschichten spannender und auch komplexer zu erzählen, nicht so kurzschlüssig. Wir lassen auch mehr Zweifel zu. Auch Enttäuschungen mit Gott oder an Gott.

Religion wird in den Medien meistens in einem negativen Kontext thematisiert. Färbt das nicht auf Sie ab?
Religion ist ein schwieriges Thema. Wir reden aber hoffentlich nicht über Religion, sondern über persönlichen Glauben. Da mache ich einen Unterschied.

Können die Zuschauer diesen Unterschied auch machen?
Es ist wichtig, wie sie es empfinden, ob das dogmatisch rüberkommt. Wir sind auf die Wirkung bedacht. Wir wollen keine Religion, sondern eine persönliche Hilfestellung anbieten. Dass man sich im Leben an einen persönlichen Gott wenden kann.

Glaube ist weiterhin ein gefragtes Thema?
Spirituelles ist immer ein riesiges Thema. Das Interesse daran nimmt nicht ab.

Auf welche Themen reagieren die Zuschauer besonders stark?
Das sind die existenziellen Themen, die mit Krisen zu tun haben. Es braucht ein Konfliktpotenzial, einen Bruch, der eine Sendung spannend macht. Gute Nachrichten sind keine Nachrichten, das ist leider so. Erst wenn etwas Spannendes in einer Biografie passiert, wird es interessant.

Was ist Ihre persönliche Motivation, diese Sendung zu machen?
Matthäus Kapitel 28, Vers 19 sagt: «Geht hin in alle Welt! Verkündigt!» Das ist ein Kommunikationsauftrag. Verkündigen heisst für mich kommunizieren. Die Kirchen sagen: «Kommt herein, lernt unsere Lieder, redet so wie wir!» Und wir wundern uns, dass das nicht funktioniert. Jesus sagt: «Macht mich öffentlich! Macht das öffentlich, was ich gesagt habe.» Der Zuschauer kann selbst entscheiden, ob das für ihn passt oder nicht. Die biblische Botschaft öffentlich, nachvollziehbar, verständlich zu machen – und das professionell, das finde ich einen wichtigen Auftrag.

Jürgen Single (63) ist verheiratet und hat einen Sohn. Der Diplom-Pädagoge (Studium als Grund-, Haupt- und Realschullehrer Mathematik, Musik, Theologie) arbeitet seit fast 30 Jahren in den Medien als Fernsehjournalist. Seit 22 Jahren ist er Produzent der Alphavision und Chefredaktor der TV-Reihe Fenster zum Sonntag.

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Datum: 04.10.2015
Autor: Christof Bauernfeind
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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