Provozieren – aber nicht um jeden Preis

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Wie weit darf Provokation gehen? Podiumsdiskussion mit Markus Siegenthaler, Stefan Moll, Verena Birchler, Andrea Vonlanthen (Gesprächsleiter), Karl Albietz, Caspar Baader und Wilf Gasser (von links).

Sind die Christen zu brav? Würde die Gesellschaft mehr auf sie hören, wenn sie mehr provozieren würden? Dürfen Christen überhaupt provozieren? Diese Fragen standen im Zentrum des Medientags der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) vom letzten Donnerstag.

„Uns prägt die Vernunft. Mit Vernunft zu provozieren, ist relativ schwierig", erklärt CVP-Kommunikationschefin Marianne Binder den Auftritt ihrer Partei in der Öffentlichkeit. Und genauso gehe es den Christen: „Sie alle hier im Saal sind ja keine Extremisten. Ihnen fehlt der Provokationsstoff, um kurzfristig Staub aufzuwirbeln." Natürlich sei die christliche Botschaft spektakulär, genau so wie die Botschaften der CVP, fügt Binder schnell an. Doch der Erfolg komme über die Inhalte und die solide Arbeit - „eine schöne Verpackung allein bringt es nicht".

Vermittlung statt Provokation

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Marianne Binder.
Der SEA-Medientag soll laut den Veranstaltern Impulse für Medienschaffende und Interessierte aus christlichen Gemeinden bringen. Gut 70 Vertreter dieses Zielpublikums waren der Einladung in die Minoritätsgemeinde der reformierten Kirche in Aarau gefolgt. Kaum anwesend: Prediger und Pastoren.

Am Vormittag sollte eigentlich CPV-Generalsekretär Reto Nause zum Thema „Wie die Kirchen die Menschen aufmischen sollten" referieren. Doch wegen einer kurzfristig anberaumten Vorstandssitzung der Partei liess er sich von seiner Kommunikationschefin Marianne Binder vertreten.

Binder, seit zweieinhalb Jahren im Amt, sprach sich in ihrem Referat klar gegen die Provokation als Mittel aus und bedauerte, dass die vermittelnde Art der CVP bei den Medien oft auf sehr wenig Aufmerksamkeit stossen würde. Sie glaube nicht an den langfristigen Erfolg von Provokationen. Das gelte genauso für die Politik wie auch für das Christentum.

Provozierendes Evangelium

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Karl Albietz.
Anders sah das der pensionierte Pastor und ehemalige Direktor der Pilgermission St. Chrischona Karl Albietz. In seinem Referat suchte er eine Antwort auf die Frage, ob Christen provozieren dürfen und warf dazu einen Blick in die Bibel. Dort entdeckte er jede Menge Provokationen: „Wie ist es zum Beispiel mit Mose, der vor den Pharao trat und ihn darum bat, 600‘000 billige Arbeitskräfte ziehen zu lassen?" Ebenfalls sehr provokativ habe Jesus gehandelt, zum Beispiel mit Heilungen am Sabbat oder der Behauptung, dass er Gottes Sohn sei. „Dazu kommt, dass das Evangelium an sich provoziert. Die Botschaft vom Kreuz war damals die Provokation schlechthin, eine Kampfansage an den bisherigen Glauben der Juden." Heute provoziere des Kreuz nicht mehr, dafür umso mehr der Absolutheitsanspruch von Jesus: „Eine Aussage wie ‚ Niemand kommt zum Vater denn durch mich" tönt in einer Gesellschaft, die das Gemeinsame und nicht das Trennende zwischen den Religionen sucht, ziemlich provokativ."

Unnötige Provokation

Albietz kam zum Schluss: „Es geht nicht ohne Provokation. Doch wir müssen uns dabei immer auf unseren Kernauftrag, das Evangelium, besinnen." Christen müssten in der Gesellschaft mutig und provokativ zu hören sein, wenn sie wirklich das Salz der Erde und das Licht der Welt sein wollen. Doch oft würden die Christen auch unnötig provozieren. „Das geschieht dann, wenn Nebenfragen zu Hauptfragen werden, wenn man Andersdenkende in den eigenen Reihen attackiert, wenn man über Dinge streitet, die ausserhalb der christlichen Gemeinschaft irrelevant sind."

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Stefan Moll.

Was aktive Provokateure sagen

Am Nachmittag des Medientags wurde in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von idea-Chefredaktor Andrea Vonlanthen über das Thema „Chancen und Grenzen der Provokation für die Kirche und ihren Auftrag in der Welt" diskutiert. Hier einige der zentralen Aussagen:

„Wenn ich der provokativste Pfarrer der Schweiz bin, dann hat die Christenheit definitiv zuviel Kamillentee getrunken. Wir Christen müssen provokativer sein und das Spiel der Medien ein Stück weit mitspielen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Dann gibt es aber noch eine andere Provokation: Das unbedingte Ja von Jesus zu den Schwachen. Diese Leidenschaft fehlt uns leider oft."

Stefan Moll, Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche in Zofingen, provozierte letzten Sommer an einem Stadtfest mit der „erregBar", einer Bar mit Erlebnisbereich zum Thema Sex.

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Caspar Baader.

Botschaft ist wichtig

„Provokation ist das letzte Mittel, um eine Botschaft zu transportieren. Zuerst braucht man die Botschaft. Das Problem der Kirche ist, dass ihr oft gar nicht mehr klar ist, was überhaupt ihre Botschaft ist."

Caspar Baader, Fraktionspräsident der SVP in den eidgenössischen Räten, provoziert zusammen mit seiner Partei oft mit einfachen Aussagen und polarisierenden Abstimmungskampagnen.

Provokation ohne Beleidigung

„Was ist das Motiv hinter der Provokation? Grundsätzlich soll sie den Mensch in Bewegung bringen, Aufmerksamkeit erregen, Diskussionen auslösen. Provokation muss zu einer sauberen, guten Motivation gemacht werden. Ich glaube daran, dass es gute Provokation ohne Beleidigung gibt."

Verena Birchler, Kommunikationschefin der ERF Medien, provoziert heute weniger als früher, aber vertritt die Meinung, dass „Provokation ein gutes Mittel zur Bewusstseinsbildung ist".

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Wilf Gasser.

Missverständnis vermeiden

„Das Problem bei der Provokation ist die Vereinfachung. Wir können als Christen zum Beispiel nicht mit dem Slogan ‚Jesus löst all deine Probleme‘ werben. Wichtig ist, dass wir in unserer Kommunikation nicht missverstanden werden und keine Menschen ausgrenzen."

Wilf Gasser, Arzt und Psychiater, provoziert in seinem Amt als Berner EVP-Grossrat bewusst dezidiert.

Nicht auf Kosten von Schwächeren

„Die Grenze der Provokation liegt für mich dort, wo es auf Kosten von jemand anderem geht und es nicht mehr selbstironisch ist. Ich provoziere nicht auf Kosten der Schwächeren."

Markus Siegenthaler, Konzepter und Texter in einer Werbeagentur, provozierte bei der Werbekampagne zur Bibel „Das Neue", die bei der Migros verkauft wurde, mit dem Slogan „Würde Jesus mit mir kiffen?".

Das Referat von Karl Albietz: "Warum sind wir so brav? Dürfen Christen provozieren?"

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Markus Siegenthaler.
Kommentar

Weniger Botschaft, umso mehr Provokation?

Von Peter Schmid

Die Emotionalisierung der helvetischen Politik, die mit dem Namen Blocher verbunden ist, darf Christen nicht scheu machen im Wahrnehmen ihres zentralen Auftrags. Es geht nicht um Pro und Contra, um die Polarisierung, von der sich die Medien nähren. Christen setzen alles daran, liebevoll und sorgfältig (und hartnäckig) mit dem zu provozieren, was Jesus Christus in die Mitte gelegt hat: dass Gott nicht da ist, um uns das weiche Sofa anzubieten und gönnerhaft auf die Schulter zu klopfen, sondern eine bessere, gerechte Welt schafft und uns herausfordert, dafür einzutreten.

Ospel ist nicht Gospel: In der Spannung zwischen den Reichen, die Menschen bauen, und der Herrschaft Gottes besteht der wahre Zündstoff der Weltgeschichte und auch der Schweizer Politik. Diese Spannung gibt Provokationen aller Art her. Es kommt drauf an, dass der Kern der Sache durch sie nicht verdunkelt und vernebelt wird, sondern erst recht ins Licht tritt. Mit einer Verflachung des Evangeliums und billiger Gnade ist niemandem gedient. Christen sollen Provokation wagen, müssen sie indes (wie in Aarau gesagt wurde) belegen, indem sie das Evangelium von der Versöhnung klar zum Ausdruck bringen und glaubwürdig Leben. - Dann kann auch die experimentierfreudigste Kirche auf Tier-Segnungen verzichten.

Gott Bürgerinnen und Bürger sollten die Gottesfürchtigen vor allem darauf hinwirken, dass die Provokationen der politischen Akteure die Diskussion fördern, nicht polarisierend verhärten. Dazu gehören Gebet, öffentlichen Worte und Taten. Welchen Beitrag leisten Christen zur Pflege der politischen Kultur in Zeiten, da Bundesräte nicht selbstverständlich wiedergewählt werden?

Datum: 09.04.2008
Autor: David Sommerhalder

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