Religion am Schweizer Fernsehen
Christentum oberflächlich dargestellt
Alle zwei Minuten strahlen die Schweizer Fernsehprogramme ein religiöses Symbol aus. Religionsbezüge finden sich im Durchschnitt in 37,1 Prozent der Sendezeit. Religion ist zwar allgegenwärtig, die Informationen über diese sind aber «oberflächlich». Das hat eine Untersuchung des Departements für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Freiburg i.Ue. ergeben.
Diese Zahlen erstaunen, wo doch in der säkularisierten Schweiz, so eine allgemeine Einschätzung, Religion allenthalben ins Hintertreffen gerät. Stimmt nicht, jedenfalls nicht für die untersuchten Fernsehprogramme, sagen die beiden Freiburger Kommunikationswissenschafter Philomen Schönhagen und Joachim Trebbe. Sie untersuchten im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» (NFP 58) den Bereich «Religion im Fernsehen». Der Auftrag wurde vom Schweizer Nationalfonds vergeben.
Zweimal je eine Woche sahen sich Mitarbeiter des Departements für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Freiburg die Sendungen von fünf Fernsehprogrammen (SF1, TSR1, TSI1, TeleBärn, TeleZüri) in der Schweiz an.
Ein erster Befund: Im Privatfernsehen hat Religion einen marginalen Platz. Die Forscher gehen davon aus, dass bei den privaten Sendern Geldmittel und Personal fehlen, um sich eingehend des Themas Religion anzunehmen. Die Privatsender wurden darum in den Statistiken nicht weiter erfasst.
Religiöse Elemente in den Sendungen
Der Befund für die öffentlich-rechtlichen TV-Programme der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) in Deutsch- und Westschweiz sowie im Tessin ist hingegen klar: Religiöse Symbole oder Gebäude, Ausrufe wie «mein Gott» oder Musik mit religiösem Hintergrund tauchen in 70 bis 80 Prozent der Sendezeit und in allen Sendeformen auf, sei es bei Dokumentationen, in den Nachrichten, fiktionalen Sendungen wie Krimis oder Talkshows. Am stärksten präsent ist das Christentum mit 52,7 Prozent Anteil am religiösen Gesamtinhalt. Es folgt der Islam mit 11,6 Prozent Anteil.Die Muslime sind verglichen mit ihrem Bevölkerungsanteil in den Sendungen der SRG überrepräsentiert, sagte Joachim Trebbe im Gespräch mit der Presseagentur Kipa. An dritter Stelle findet sich die Esoterik in all ihrer Vielfalt. Dazu gehören Tai Chi, Wahrsager, diverse Meditationspraktiken, Ufoglauben oder etwa Gurus, die in den Sendungen des Fernsehens auftauchen.
«Christliche Artefakte»
Eine Feinanalyse der Daten ergibt aber eine ernüchternde Bilanz für das erstplatzierte Christentum. Auch wenn alle zwei bis drei Minuten ein christliches Symbol oder Element auf dem Bildschirm erscheint, so will das nicht heissen, dass damit «Tiefgang» verbunden ist - der Fernsehzuschauer also über einen Bestandteil des Christentums und dessen Bedeutung aufgeklärt wird.Das Christentum werde häufig «alltäglich, lebensweltlich, privat und oberflächlich» dargestellt, sagen die Forscher. Gezeigt werden Handlungen wie Taufen, Übergangsrituale, Heiraten oder sich bekreuzigende Fussballer. Bischöfe und Geistliche kommen ins Bild, meist als Requisiten. Dargestellt werde, so Joachim Trebbe, «die durchsäkularisierte Allgegenwart mit christlichen Artefakten».
Oft bestünden «säkularisierte Bezüge», die die Religion nicht vertiefen. Der Pfarrer erscheine als Witzfigur oder als «Kommissar», der Verbrecher jage. Als politische Kraft spiele das Christentum aber keine Rolle. Der Unterhaltungswert sei gross, man sehe viel «Action». Religion werde dabei nicht hinterfragt, sondern lediglich dargestellt.
Verflachung der Botschaft
In einem weiteren Schritt untersuchten die Forscher, wo Religion explizit thematisiert wird und wo religiöse Akteure auftreten. In dem Fall kommen sie auf 30 Prozent Präsenz der Sendezeit. Die beiden sprechen von einer «Allgegenwart» der Religion am Fernsehen. Der Fernsehzuschauer sehe aber lediglich das, was er bereits im Alltag wahrnehme, wobei er sich vermutlich häufig nicht des religiösen Charakters bewusst sei.Am Fernsehen fehlten lokale Bezüge. Grund: Das Schweizer Fernsehen übernimmt viele Sendungen aus dem Ausland. Darin, etwa den TV-Serien, kommen christliche Elemente zwar häufig vor, aber ohne jene Substanz, welche eine Auseinandersetzung mit der Religion bewirken würde. Fazit der Forscher: Die Botschaft der Religionen wird verflacht, und sie wird auf Elemente wie Taufe und ähnliche Handlungen reduziert.
Journalistische Aufarbeitung wertvoll
Qualitiativ besser ist die Berichterstattung zu Religionen dort, wo ein Sender das Thema journalistisch aufarbeitet - in Kultursendungen zum Beispiel oder Religionssendungen wie der «Sternstunde». Dann habe auch die ein oder andere Frage der Lehre einer bestimmten Religion ihren Platz, so die Beobachtung der Forscher. Denn diese lehrhaften oder katechetischen Aspekte seien wesentlich schwieriger über den Bildschirm zu kommunizieren, als ein Ritual abzufilmen, sagt Philomen Schönhagen.Sie meinte im Gespräch mit Kipa weiter, der hohe Anteil von christlicher Präsenz in den Bildern des Fernsehens sei nicht zufällig. Christliche Elemente seien Bestandteil des gesellschaftlichen Erbes, und das zeige sich etwa in einer Nachrichtensendung wie der «Tagesschau». So könne etwa ein Kirchturm den Bericht über eine Parlamentssitzung illustrieren. Schönhagen: «Stellen Sie den Fernseher an, besteht die Chance von eins zu drei, dass Sie ein religiöses Symbol sehen.»
Was aber kaum thematisiert werde, sei die ethische oder moralische Bedeutung der Religionen. In der Diskussion um gesellschaftsrelevante Themen wie Gentechnik, pränatale Diagnostik oder Abtreibung fänden die moralischen Vorstellungen der Religionen in den meisten Sendungen kaum Eingang.
Der Islam
Der Islam habe am Fernsehen eine andere Stellung als das Christentum, betonen die beiden Forscher. In diesem Fall finde eine gesellschaftliche Auseinandersetzung statt. Der Islam stehe hierzulande als wenig bekannte Religion einer skeptischen Gesellschaft gegenüber. Die Berichterstattung sei im Vergleich zur christlichen konflikthaltiger und weniger personalisiert.Zum Thema:
Religion im Fernsehen: Schlussbericht zum Forschungsprojekt im NFP 58
Quelle: Kipa, Bearbeitung Livenet
Autor: Georges Scherrer
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